Syrien und Irak: Doppelte Bodenoffensive gegen den IS

Analyse27. Mai 2016, 22:20
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Im Norden Raqqas kämpfen sich die Syrischen Demokratischen Kräfte vor, vor Falluja steht die irakische Armee. Die USA sind an beiden Schauplätzen dabei

Bagdad/Damaskus/Wien – Falluja im Irak und Raqqa in Syrien: Gegen den "Islamischen Staat" (IS) laufen seit Wochenbeginn zwei separate Militäroffensiven – beide mit US-Beteiligung. Nach Auftauchen von AFP-Fotos, die US-Militärs in Nordsyrien mit den gelben Abzeichen der Kurden miliz YPG zeigen (siehe Bild), bestätigte das Pentagon die Präsenz von Mitgliedern einer US-Spezialeinheit bei den Kämpfern: Sie würden sich jedoch nicht an Kampfhandlungen beteiligen. Bei Falluja unterstützen die USA die irakische Armee aus der Luft.

Nördlich von Raqqa haben die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die aus etwa 90 Prozent Kurden und zehn Prozent Arabern bestehen, einige Dörfer vom IS eingenommen – allerdings ist anderswo in Syrien, nördlich von Aleppo an der türkischen Grenze, die Lage umgekehrt, dort siegt der IS. Wann der Sturm auf Raqqa beginnen kann, ist ungewiss. In Falluja ist die irakische Armee bereits bis in die Vororte vorgedrungen.

Eine Parallele zwischen Falluja und Raqqa besteht in der Angst der sunnitischen Zivilbevöl kerung nicht nur vor den militärischen Handlungen, sondern vor möglichen Repressalien durch ihre Befreier oder zumindest Teile davon: Kurden in Syrien, Schiiten im Irak.

"Sie sind nicht willkommen"

Al-Monitor zitiert die NGO Raqqa Is Being Slaughtered Silently: "Die Menschen in Raqqa wollen allgemein nicht, dass die SDF die Stadt einnehmen: Sie sind nicht willkommen." Manche Syrer werfen den Kurden vor, mit dem Assad-Regime zu kooperieren. Die YPG, die Miliz der Kurdenpartei PYD, wurde verschiedentlich der Vertreibung von Arabern und Turkmenen beschuldigt. Da die Vorwürfe aber oft aus türkischen Quellen stammen, sind sie mit Vorbehalt zu betrachten.

Die Türkei sieht die PYD als PKK-Ableger und als terroristische Organisation. Dass US-Soldaten kurdische Badges tragen, wurde aus Ankara empört kommentiert: Warum nicht gleich IS- oder Al-Kaida-Abzeichen?

Appell Ayatollah Sistanis

Zur Schlacht um Falluja meldete sich sogar der schiitische Ayatollah Ali Sistani, der sich zuletzt völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, zu Wort: Die Zivilbevölkerung müsse geschont werden. Er bezieht sich auf schiitische Milizen, bei deren ziel losen Bombardements in den vergangenen Tagen dutzende Menschen getötet wurden.

Die USA dürften erreicht haben, dass diese Milizen zumindest nicht in die Stadt mit einmarschieren sollen. Bei der Rück eroberung anderer IS-gehaltener Orte kam es zu Übergriffen. Trotz aller offiziellen irakischen Beteuerungen kursieren in sozialen schiitischen Netzwerken weiter Aufrufe, Falluja (und andere Gebiete) von Sunniten zu säubern.

Etwa 10.000 Familien sind noch in Falluja, es wird berichtet, dass der IS Flüchtende umbringt. Der kurdische Nordirak erwartet eine weitere große Flüchtlingswelle. Die Behörden lassen Flüchtlinge nicht nach Bagdad, weil sie eine weitere Infiltration der vom Terror heimgesuchten Hauptstadt durch den IS befürchten. Durch die Rückeroberung Fallujas soll Bagdad abgesichert werden.

Ähnlichkeiten zu Raqqa

Falluja war die erste große Stadt, über die die irakische Regierung 2014 die Kontrolle verlor: Allerdings teilten sich in einer ersten Phase mehrere Milizen die Kontrolle, die später der IS an sich riss. Ähnlich lief es im syrischen Raqqa. In Falluja dürfte der IS, dessen irakische "Hauptstadt" Mossul ist, höchstens tausend Kämpfer haben, während die irakischen Sicherheitskräfte rund 22.000 Soldaten zusammengezogen haben. Derzeit versucht die US-irakische Koalition, den IS vor allem aus der Luft zu treffen, der IS-Kommandant in der Stadt soll bereits tot sein.

Premier Haidar al-Abadi appellierte am Donnerstag an die Anhänger des Schiitenführers Muktada al-Sadr, auf die Freitags proteste in Bagdad zu verzichten, um die Sicherheitskräfte zu entlasten. Die Demonstranten gingen dennoch zu Tausenden auf die Straße. Die politische Krise, über die Abadi zu stürzen droht, ist ungelöst. Auch wenn es sich diesmal vor allem um einen innerschiitischen Konflikt handelt, schwächt er den Glauben der Sunniten an die Zukunft des Irak weiter.

In Raqqa ist der IS mit bis zu 5000 Kämpfern stärker als in Falluja: Ihnen stehen bis zu 30.000 SDF-Mann gegenüber. Hier bemühen sich die USA um die Aufstellung einer spezifisch sunnitischen Anti-IS-Einheit, der Neuen Syrischen Armee. Sie soll beim Einmarsch in Raqqa das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. (Gudrun Harrer, 27.5.2016)

  • Ein US-Soldat in Nordsyrien mit dem Abzeichen der Kurdenmiliz (rechts).
    foto: afp

    Ein US-Soldat in Nordsyrien mit dem Abzeichen der Kurdenmiliz (rechts).

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