Chancengleichheit: Bildung und Gesundheit wichtiger als Sozialleistungen

27. Mai 2016, 17:37
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Wer ein höheres Einkommen hat, lebt auch länger. Eine neue Studie beleuchtet, dass es auch andersrum sein kann

Wien – Wer den Blutdruck einer Runde im Wirtshaus steigern will, muss nur die Millionengehälter mancher Firmenchefs ansprechen. Für viele ist die große Schere zwischen Gut- und Schlechtverdienern eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Wer mehr Geld hat, kann seine Kinder in bessere Schulen stecken, ein schöneres Haus kaufen und öfter in den Urlaub fahren. Und: Er lebt noch dazu deutlich länger. Je höher das Einkommen, desto höher ist im Schnitt auch die Lebenserwartung.

Eine neue Studie zeigt jetzt, dass ein genauerer Blick auf die Zahlen lohnt. Denn schenkt man dem Papier von Ökonomen der Linzer Kepler-Universität und der Wiener Wirtschaftsuniversität Glauben, dann ist zumindest Letzteres für Österreich falsch. Ein höheres Einkommen lässt die Menschen nicht länger leben. Der Schluss funktioniert andersrum: Wer länger lebt, verdient auch mehr. Die Lebenserwartung hat also einen Einfluss auf das Einkommen und nicht umgekehrt.

Versicherungsdaten als Grundlage

Um den Zusammenhang von Einkommen und Lebenserwartung zu studieren, haben die Ökonomen die Sozialversicherungsdaten von über einer Million in Österreich lebenden Menschen durch ihr Modell rasseln lassen. Jeder, der am 1. April 2002 über 40 Jahre alt war und einen Job hatte, der bei der Krankenkasse gemeldet war, findet sich in den Zahlen wieder. Dann wurden die Gruppen nach ihrem Einkommen geordnet, und es wurde analysiert, wer zehn Jahre danach nicht mehr am Leben war.

foto: jonas güttler/dpa
Bildung, die meist ein höheres Einkommen nach sich zieht, bedeutet auch, dass man mehr auf die Gesundheit schaut. Daraus ergibt sich eine höhere Lebenserwartung.

Auf den ersten Blick bestätigte das Ergebnis den Zusammenhang, den man allgemein zu kennen glaubt. Wer mehr verdient, hat auch eine höhere Lebenserwartung. Das Ergebnis war sogar drastisch. Die zehn Prozent, die am wenigsten verdient haben, sind mit einer dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit gestorben wie die obersten zehn Prozent. Je höher die Einkommen, desto kleiner wird der graue Balken, der die Sterbewahrscheinlichkeit anzeigt. Bei Männern ist der Zusammenhang deutlich stärker als bei Frauen.

Gesundheit macht produktiv

Aber die Ökonomen wollten mehr wissen. Woher kommt dieser Effekt? Um tiefer in die Daten einzudringen, wandten sie einen Trick an. Größere Firmen zahlen ihren Mitarbeitern tendenziell bessere Löhne. Wer bei so einer Firma arbeitet, müsste also länger leben, wenn die Theorie stimmt. Denn die Einkommen unterscheiden sich über die Zeit wesentlich. Genau das aber ließ sich nicht nachweisen.

Daraus schließen die Forscher, dass der Effekt in die andere Richtung geht. Wer gesünder ist und einen weniger riskanten Lebensstil pflegt, lebt länger und ist tendenziell, weil besser gebildet, auch produktiver. Daher verdient er oder sie auch besser. Zumindest für Österreich ist demnach kein kausaler Zusammenhang zwischen hohem Einkommen und hoher Lebenserwartung vorhanden. Das erklärt sich wohl durch den guten Zugang zum Gesundheitssystem für alle Menschen im Land, heißt es in der Conclusio des Papiers. In Europa finden sich viele Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen, sagt Rudolf Winter-Ebmer, einer der Autoren. Menschen, die arbeitslos sind oder bei den Kindern zu Hause bleiben, finden sich in der Arbeit nicht wieder.

Schere bei der Lebenserwartung

In den USA wurde unlängst eine Studie des Ökonomen Raj Chetty zum selben Thema publiziert. So ist die Schere bei der Lebenserwartung zwischen Armen und Reichen zwischen 2001 und 2014 in den USA um satte drei Jahre auseinandergegangen. Den Großteil könne man aber durch das Verhalten der Menschen erklären, sie machen weniger Sport und rauchen mehr. Die Einkommen oder Zugang zu Krankenhäusern hätten darauf nur wenig Einfluss, so der Ökonom.

Welche Schlüsse lassen sich nun aus den Ergebnissen ziehen? Wenn man die Lebenserwartung von Menschen mit niedrigeren Einkommen steigern will, helfe es nicht, ihnen höhere Transferleistungen zu verschaffen, so die Autoren. Man müsse stärker in präventive Gesundheitsmaßnahmen und Ausbildung investieren. (Andreas Sator, 27.5.2016)

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