Im Kulturkampf II: Frauen als Faustpfand

Kommentar der anderen27. Mai 2016, 16:59
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Der deutsch-syrische Politologe Bassam Tibi ist mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen. Er plädiert seit langem für einen aufgeklärten "Euro-Islam". Die jüngeren Entwicklungen allerdings stimmen ihn nicht optimistisch. Ein Plädoyer für mehr Realitätssinn

Es stellt sich für mich als Syrer die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Köln und in Syrien? Die Antwort lautet: Ja, diesen Zusammenhang gibt es, und zu dem gemeinsamen Nenner gehört die Gewalt gegen Frauen.

Viele meiner Gesprächspartner scheinen die Gewalt, die in der Tradition einer orientalisch-patriarchalischen Kultur gegen Frauen steht, nicht zu verstehen. Im Orient gilt die Frau nicht als Subjekt, sondern als Gegenstand der Ehre eines Mannes. Die Schändung einer Frau wird nicht so sehr als Sexhandlung und Verbrechen an der Frau selbst betrachtet, sondern eher als ein Akt der Demütigung des Mannes, dem sie gehört.

Im barbarischen Krieg in Syrien, der völlig falsch als "Bürgerkrieg" bezeichnet wird – in Syrien kämpfen keine Bürger, sondern ethnisch-religiöse Kollektive gegeneinander -, vergewaltigen schiitisch-alawitische Soldaten der syrischen Armee Frauen der sunnitischen Opposition als Mittel der Kriegsführung. Mit der Vergewaltigung zielen diese Alawiten auf eine Entehrung der Männer der sunnitischen Opposition. Die sunnitischen "Rebellen" tun ihrerseits dasselbe mit alawitischen Frauen, symbolisch für die Entehrung der Männer der alawitischen Herrschaft.

Protracted Conflict

Es ist ein Krieg aller gegen alle mit den Frauen als Faustpfand. Ein Ende dieser Gewalt ist zurzeit nicht in Sicht. Als Syrer aus Damaskus staune ich über das Unwissen und die Naivität der Bundeskanzlerin und ihrer Verteidigungsministerin, die glauben, auf Konferenzen in Genf und München den Krieg beenden zu können. Dieser Krieg aber ist als ein "protracted conflict" einzustufen, der uns noch jahrelang begleiten wird. Es ist ein Kriegstyp, den ich "irregulären nichtstaatlichen Krieg" nenne.

Unter den Kriegsflüchtlingen befinden sich nicht nur Opfer der Gewalt, sondern auch viele Täter, ja sogar zahlreiche Islamisten. Hinzu kommt, dass diese vorwiegend jungen Männer im Alter von 14 bis 20 Jahren die Kultur der Gewalt, auch die gegenüber Frauen, mit sich aus Nahost nach Europa bringen. Die Silvesternacht in Köln ist nur ein Beweis hierfür und kein Einzelfall, wie uns Politiker vormachen wollen, um die Bedeutung der Angelegenheit herunterzuspielen.

Unabhängig vom Krieg ist das Frauenbild in der arabisch-orientalischen Kultur patriarchalisch, ja umfassend menschenverachtend. Dieses Frauenbild darf in Europa nicht unter dem Mantel des Respekts für andere Kulturen zugelassen oder gar geduldet werden. Und es geht dem arabischen Mann bei der ausgeübten sexuellen Gewalt nicht nur um die "sexuelle Attraktion" der europäischen Frau, sondern auch um den europäischen Mann, dessen Ehre der Orientale beschmutzen will. So ist es auch in Köln geschehen. Das war nur der Anfang. Wenn Deutschland über eine Million Menschen aus der Welt des Islam holt und ihre Erwartungen nicht erfüllt, muss man sich auf einiges gefasst machen.

Aus der Werbung glauben diese jungen Männer zu wissen, dass jeder Europäer eine Luxuswohnung, ein Auto und eine "hübsche Blondine" hat; sie denken, dass sie dies auch bekommen und am Wohlstand beteiligt werden. Wenn aber diese jungen Männer stattdessen in eine Notunterbringung in Schul- und Sporthallen kommen, dann fühlen sie sich betrogen, ja diskriminiert. Also entwickeln sie Rachegefühle gegenüber dem europäischen Mann. Die enttäuschten und wütenden arabischen Männer rächten sich in Köln und Hamburg an deutschen Männern, vertreten durch ihre Frauen.

Als Syrer, der einen aufgeklärten Islam vertritt und für Respekt gegenüber Frauen einsteht, sage ich: Das war ein kulturell verankerter Racheakt, der in einem großen Kontext steht. Was hier zu kritisieren ist, ist nicht so sehr die oft beklagte falsche Toleranz als vielmehr die Unwissenheit über andere Kulturen. Der Konflikt in Syrien zwischen Sunniten und Alawiten, der sich zu einem blutigen Krieg entwickelt hat, wird uns noch jahrelang begleiten. Die Zahl der Toten beträgt inzwischen etwa eine halbe Million Syrer, darunter hunderttausend Alawiten, der Rest sind Sunniten. In der Fachsprache meiner Disziplin (die Internationalen Beziehungen) werden solche Konflikte, wie gesagt, als "protracted conflicts" bezeichnet. Diese Kategorie von Konflikten ist schwer zu lösen, und deshalb dauern sie viele Jahre.

Ein Beispiel hierfür aus der Vergangenheit ist auch der Libanon- Konflikt zwischen Christen und Muslimen, der von 1975 bis 1990, also 15 Jahre gedauert hat. In Syrien hat der Konflikt eine lange Geschichte: Die syrische Hauptstadt Damaskus ist die älteste noch bewohnte Stadt der Welt; sie war von 661 bis 750 die Hauptstadt des Omayyaden-Reiches, also des ersten imperialen Kalifats im Islam, das sich von Spanien bis Westchina erstreckte. Im späten 19. Jahrhundert wurde von Christen und Muslimen die europäische Idee der Nation übernommen, in der beide gleichberechtigt lebten (also anders als im Kalifat, wo die Christen als Gläubige zweiter Klasse galten). Daraus ging der säkulare Panarabismus hervor. Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches wurde Syrien 1920 bis 1945 französisches Mandatsgebiet, danach eine unabhängige, säkulare Republik.

In diesem säkularen Syrien bin ich 1944 in Damaskus als Sprössling der Ashraf-Aristokraten- Familie Banu al-Tibi geboren, unsere Werteorientierung war: Die Religion gehört Allah, aber das Vaterland allen. So dachte die sunnitische Mehrheit, ca. 70 Prozent, und lebte mit einer Vielzahl von religiösen und ethnischen Minderheiten in gegenseitigem Respekt. Damaskus war eine friedliche Stadt mit einem Christen- und einem Kurdenviertel. Das änderte sich nach 1970, als der alawitisch-schiitische General Hafiz al-Assad die Macht ergriff.

In den folgenden Jahren gelang es ihm, alle Schlüsselpositionen in Armee und Sicherheitsdiensten mit Alawiten zu besetzen. Inspiriert vom Arabischen Frühling 2011, gab es einen Aufstand der sunnitischen Mehrheit gegen die Alawiten-Herrschaft. Daraus ging der Krieg als "protracted conflict" hervor. Eine blutige und mit Rachegelüsten beladene Feindeslinie zwischen Sunniten und Alawiten charakterisiert diesen Konflikt. Die beiden Volksgruppen – Alawiten und Sunniten – haben keine gemeinsame Zukunft. Diesen Konflikt können weder regionale noch internationale Mächte in den Griff bekommen.

Der Syrien-Konflikt ist beispielhaft für einen laufenden Prozess des Staatszerfalls in Nahost. Dieser Staatszerfall findet gegenwärtig auch im Irak, in Libyen und im Jemen statt. Die Folge hiervon wird sein, dass in den nächsten Jahren gewaltige demografische Lawinen auf Europa zukommen. Deutschland gilt dank der Einladung von Kanzlerin Merkel als Hauptziel der Flüchtlinge.

Die anderen Europäer machen nicht mit, noch nicht einmal Frankreich. Der Kinderstreit zwischen allen deutschen Parteien über Obergrenze und Limitierung der Zahl belegt, dass deutsche Politikerinnen und Politiker die Dimension der Probleme nicht verstehen. Kanzlerin Merkel hat sich Anfang 2015 nach den Morden in Paris an einer öffentli- chen Demonstration in Berlin Schulter an Schulter mit Islamfunktionären beteiligt, die einen europäischen Islam heftig bekämpfen – und sie weiß noch nicht einmal, was sie da tut. Ihre Syrien- und Flüchtlingspolitik liegt auf dieser Linie. Während deutsche Politiker und deutsche Gutmenschen "in einem deutschen Pathos des Absoluten" (Adorno) über Toleranz und Elend der Flüchtlinge reden, lachen viele Islamisten verächtlich und nennen diese Debatten "byzantinisches Geschwätz".

Der Ursprung des Begriffs ist aufschlussreich: Im Jahre 1453 wurde die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel von einer islamisch-osmanischen Armee belagert. Während dieser Belagerung erschöpften sich Byzantiner und christliche Mönche trotz des Ernstes der Lage in Debatten über magische und religiöse Formeln. Im selben Jahr, 1453, eroberte der islamische Sultan Mehmed II. mit seinen Truppen erfolgreich Konstantinopel und verwandelte die Stadt in ein islamisches Istanbul. Islamische Historiker nennen solche Debatten darum seit jener Zeit "byzantinisches Geschwätz".

Gefährdete Freiheit

Als Syrer aus Damaskus lebe ich seit 1962 in Deutschland, und ich weiß: Patriarchalisch gesinnte Männer aus einer frauenfeindlichen Kultur lassen sich nicht integrieren. Ein europäischer ziviler Islam, den die Islamfunktionäre in Deutschland als Euro-Islam ablehnen, wäre die Alternative. Zurzeit ist dies chancenlos. Mein Lehrer Max Horkheimer hat Europa als "Insel der Freiheit im Ozean der Gewaltherrschaft" bezeichnet. Diese Freiheit sehe ich heute gefährdet. (Bassam Tibi, 27.5.2016)

Bassam Tibi (Jg. 1944) war von 1973 bis 2009 Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen. Dieser Text ist ein Aufsatz, der aus dem Buch "Der Schock" von Alice Schwarzer stammt, das Mitte Mai bei Kiepenheuer & Witsch erschien.

foto: kiwi
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