Sawtschenko kann sich vorstellen, ukrainische Präsidentin zu werden

27. Mai 2016, 16:47
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Aus russischer Haft entlassene Ukrainerin beschwört Weltkriegsszenarien um die Krim herauf

Kiew/Moskau – So hatte sich das Julia Timoschenko sicher nicht vorgestellt: Als die ehemalige Ministerpräsidentin vor knapp zwei Jahren Nadeschda "Nadia" Sawtschenko auf den Spitzenplatz ihrer Parteiliste – noch vor ihrem eigenen Namen – setzte, zielte der Schritt darauf ab, der "Vaterlandspartei" bei der Parlamentswahl Stimmen aus dem nationalistischen Lager zu sichern. Das gelang – doch kaum zurück aus ihrer Haft in Russland, stellt eben jene Sawtschenko nun eigene Ansprüche.

In der ersten Pressekonferenz nach ihrer Rückkehr in die Ukraine erklärte Sawtschenko ihre grundsätzliche Bereitschaft für das Präsidentenamt: "Ukrainer, wenn ihr wollt, dass ich Präsidentin werde, dann werde ich Präsidentin – obwohl ich lieber fliege", antwortete sie auf die Frage, ob sie in die Streitkräfte zurückkehren wolle oder eine politische Karriere anstrebe. Allerdings schätzt sie ihre Chancen – zumindest öffentlich – als nicht besonders hoch ein. "Ich glaube nicht so recht daran, dass die Ukrainer gelernt haben, nicht mit dem Bauch abzustimmen", sagte sie.

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Für den Bauch ist das Programm Sawtschenkos in der Tat nichts. Zu den wirtschaftlichen Problemen des Landes äußerte sie sich nicht, in der Rada will sie sich künftig um die Belange des Militärs kümmern. Darüber hinaus gab sie ihren Standpunkt zum Status des Donbass und der Krim kund. Das Minsker Abkommen nannte sie "nicht effektiv genug", doch immer noch die beste Chance auf ein Ende der Kämpfe. Sie sei sowohl bereit zu kämpfen als auch sich zu versöhnen, versicherte sie, um dann ein ultimatives Schauerszenario hervorzukramen.

Krim als Weltkriegsauslöser

Der Verlust der Krim wäre nur durch einen Krieg zu verhindern gewesen, sagte Sawtschenko. Und auch für die Rückkehr der Krim sieht sie vor allem militärische Gründe: "Ich hatte das Gefühl, dass der Dritte Weltkrieg beginnen könnte. Diese schlimme Vorahnung hat mich leider noch nicht verlassen. Wenn es zum Dritten Weltkrieg kommt, kehrt die Krim zurück", sagte sie. Immerhin bot sie als Alternative auch noch "irgendeine Arbeit am internationalen Recht" an.

Dieser Radikalismus dürfte es sein, der am Ende auch die Ukrainer vor einer eventuellen Wahl Sawtschenkos abschreckt. Die derzeitige Popularität der 35-Jährigen – basierend auf den Medienberichten über ihren Widerstand in russischer Gefangenschaft – könnte schnell der Enttäuschung weichen, wenn sie sich im politischen Alltag bewähren muss.

Das Absingen der Nationalhymne vor der Pressekonferenz mag ihr derzeit noch Patriotismuspunkte einbringen. Angesichts des dramatisch gefallenen Lebensniveaus der Ukrainer rücken für die einfache Bevölkerung aber andere Probleme in den Vordergrund. Einen Krieg um die Krim führen wollen selbst in Kiew ohnehin nur die wenigsten. (André Ballin, 27.5.2016)

  • Die aus russischer Haft entlassene Nadeschda Sawtschenko bei der ersten Pressekonferenz nach ihrer Rückkehr in die Ukraine.
    foto: reuters / gleb garanich

    Die aus russischer Haft entlassene Nadeschda Sawtschenko bei der ersten Pressekonferenz nach ihrer Rückkehr in die Ukraine.

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