Italien reißt sich um ein neunmonatiges Waisenmädchen

27. Mai 2016, 16:21
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Hunderte Elternpaare wollen das kleine Mädchen aus Nigeria aufnehmen – Italien erlebt eine Welle der Solidarität

Rom – Im Zuge der Flüchtlingskrise erreichen immer öfter Kleinkinder ohne Eltern das italienische Festland. Nachdem am Mittwoch die erst neun Monate alte Favour alleine auf Lampedusa gelandet war, kam am Donnerstag ein fünfjähriger Bub ebenfalls unbegleitet auf der Insel an.

Favours schwangere Mutter war bei der Überfahrt aus Nordafrika wegen eines defekten Motors an starken Verbrennungen gestorben. Die Angehörigen des Buben seien hingegen vermutlich bei der jüngsten Flüchtlingstragödie vor der libyschen Küste ertrunken, berichtete die Zeitung "La Stampa" am Freitag. Dabei waren nach Angaben eines Sprechers der EU-Mission EUNAVFOR MED am Donnerstag mindestens 20 Flüchtlinge ums Leben gekommen sind.

Adoptiveltern stehen Schlage

Derweil ist landesweit eine wahre Welle der Solidarität angerollt – zahlreiche Familien möchten die kleine Favour adoptieren. Das Baby stammte entgegen erster Berichte nicht aus Mali, sondern aus Nigeria, wo die islamistische Terrorgruppe Boko Haram seit Jahren Angst und Schrecken verbreitet. Mehr als 1.000 Menschen aus allen Teilen Italiens hätten ihre Bereitschaft erklärt, das Mädchen bei sich aufzunehmen, hieß es. Ein Gericht in Palermo soll nun entscheiden.

Auch der Arzt der Insel, Pietro Bartolo, ist bereit, das Mädchen in Pflege zu nehmen und hat einen entsprechenden Antrag gestellt. "Ich weiß, dass meine Frau und ich ein gewisses Alter haben, aber ich wäre sehr glücklich, wenn ich sie aufnehmen dürfte", sagte der 60-Jährige.

"Kind des Meeres"

Bartolo ist einer der Protagonisten des Dokumentarfilms "Fuocoammare" (Feuer auf See) des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi, der im Februar in Berlin den "Goldenen Bären" gewonnen hatte. "Favour ist ein bildhübsches und sehr süßes Mädchen", erklärte er. "Sie hat mich umarmt, sie hat keine Träne vergossen und sich untersuchen lassen, ohne sich je zu beklagen." Die Kleine sei ein wenig unterkühlt und dehydriert gewesen, aber sonst gehe es ihr gut. "Wer weiß, ob Favour je wieder einen ihrer Verwandten umarmen wird oder ob sie selbst wissen wird, wo sie herstammt", kommentierte "La Stampa". Sie sei ein "Kind der Meeres, eines Meeres, das Menschen verschlingt und andere rettet."

Bartolo war auch zur Stelle, als nun der Fünfjährige auf Lampedusa ankam. Zusammen mit mehr als 90 Menschen konnte der Bub nach dem Untergang des Flüchtlingsbootes, auf dem er mit seiner Familie unterwegs nach Europa war, von EUNAVFOR MED und der italienischen Küstenwache in Sicherheit gebracht werden. Seine Eltern werden jedoch im Mittelmeer vermisst. Aus welchem Land Afrikas das Kind stammt, war nicht klar, aber er sei völlig durchnässt und halb erfroren gewesen, als Bartolo ihn in Empfang nahm. "Er stand unter Schock und hatte weit aufgerissene Augen", hieß es.

Pflicht zu helfen

Bei der Berlinale hatte Bartolo scharf die europäische Flüchtlingspolitik kritisiert. "Manche bauen Mauern, andere ziehen Stacheldraht hoch, aber weder Mauern noch Drähte werden diese Leute aufhalten", erklärte der Arzt, der seit 30 Jahren ankommende Migranten auf Lampedusa versorgt. Die einzige Möglichkeit, um den Zustrom zu stoppen, sei es, den Menschen in ihren eigenen Ländern zu helfen, "und so lange dies nicht passiert, ist es die Pflicht von jedem von uns, ihnen zu helfen, sie aufzunehmen". (APA, red, 27.5.2016)

  • Das Kind auf dem Foto stammt aus Syrien, es ist mit seiner Mutter im September 2015 nach Österreich gekommen.
    foto: apa

    Das Kind auf dem Foto stammt aus Syrien, es ist mit seiner Mutter im September 2015 nach Österreich gekommen.

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