"Andersen": Von der Wiedergeburt des denkenden Mörders

27. Mai 2016, 15:39
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Charles Lewinskys Roman über das unauslöschlich Böse im Menschen

Wien – Wie dunkel muss die Welt sein? Wie schwarz? Und wie böse der Mensch? Und: Kann das Bewusstsein Echos früherer Leben enthalten?

Letzteres mag esoterisch klingen. Aber der in Zürich und Frankreich lebende Schweizer Charles Lewinsky, der mit Romanen wie Melnitz und Johannistag für Furore und Verkaufserfolge sorgte, verhandelt in seinem jüngsten Roman geschickt die Causa des anthropologisch unausrottbaren Ur-Bösen.

Märchenhaft ist der Titel: Andersen. Und im ersten von fünf, aus je anderer Perspektive geschilderten Kapiteln beginnt es märchenhaft: mit einem Erzähler, der in einem dunklen, feuchten Raum Selbstgespräche führt und seine Ansichten ausbreitet. Er ist – ein Embryo im Mutterbauch.

So erstaunlich diese Erzählperspektive anmutet, so bekannt ist sie. Denn dies praktizierte bereits Laurence Sterne in Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1759-1767), einem der ausschweifendsten Romane der Weltliteratur. Sternes Erzähler wird erst gar im dritten Band geboren.

Geburt und Terror

Lewinsky variiert originell wie schockierend diese Ausgangsposition. Er kombiniert sie mit dem Terror des 20. Jahrhunderts. Denn nicht nur um Geburt und Wiedergeburt, auch um Erinnerungen geht es in Andersen.

Um nicht gelöschte Erinnerungen eines früheren Lebens. Sein Protagonist heißt gar nicht Andersen. Dies war eine Tarnidentität, die er nach 1945 annahm: Damian Andersen, angeblich Bauernsohn, 1948 Gründer eines Milchladens, aus dem sich eine Supermarktkette entwickelte, Anfang der 1970er-Jahre verstorben. Nun, 30 Jahre später, wird er wiedergeboren, mit den Fermenten seiner eigentlichen Identität, der eines kaltblütigen, grausamen Folterexperten im Dienst eines menschenverachtenden Regimes, für das er zahllose Verhaftete auf unsagbare Weise brach, quälte, exekutierte.

Das Wissen um diese Vergangenheit steckt ungebrochen in dem Baby Jonas, das als innerlich reifer Mann zur Welt kommt.

Jonas ist so von Anbeginn an abgebrüht, kalt, welterfahren. Er kontrolliert sich sorgsam. Doch ab und an verliert er die Kontrolle über sich, ersticht so im Kindergarten fast einen anderen Buben, stößt wohl seine Großmutter, die in ihm etwas höchst Ungewöhnliches, Unnatürliches witterte, vor die Bim, schaut seinem Vater, einem IT-Experten, über die Schulter und zweigt Millionen von Euro von dem Konto eines Großkunden ab.

Gefühlsfreiheit

Nach der Flucht im Alter von zwölf Jahren, die zum Zerbrechen der Ehe seiner Eltern führt, lernt er seinen eigenen Enkel kennen. Und versucht, Mephistopheles, der er ist, diesen in seine Welt einzuführen. Was zur nächsten Katastrophe führt – und zur neuerlichen Wiederkehr des Bösen.

In diesem "denkenden Mörder" (Bettina Stangneth) umreißt Lewinsky das Porträt des anthropologisch unauslöschlichen Diabolischen. So gelungen, weil Atem verschlagend die Kapitel aus Jonas' komplett gefühlsfreier Perspektive sind, so lau und überlang und langweilend die anderen. Vor allem für den Vater Arno, ein naiv lamentierender Hiob, findet Lewinsky nur einen plappernd-oberflächlichen, wenig überzeugenden Sprachduktus. (Alexander Kluy, 27.5.2016)

Charles Lewinsky, "Andersen", Roman, € 25,60 / 400 Seiten. Nagel & Kimche, Zürich 2016

  • Roman über ein liebes Kind mit böser Seele: Charles Lewinsky.
    foto: lukas maeder

    Roman über ein liebes Kind mit böser Seele: Charles Lewinsky.

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