"Der Nachtmahr": Der Unzertrennlichen liebes Geheimnis

28. Mai 2016, 11:00
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In seinem neuen Streifen erschafft der Filmemacher und Künstler Akiz ein mysteriöses Wesen, das eine junge Frau heimsucht. Ein bemerkenswerter Film über die Notwendigkeit der Selbstliebe

Wien – Das Furchtbarste am Monstrum ist seine Nähe zum Menschen. Denn das Monströse ist weniger das angsteinflößende Fremde als die Selbsterkenntnis. Der Blick auf das Ähnliche. Das Monstrum weicht auf schauderhafte Weise vom menschlichen Körper ab, lässt ihn aber noch als solchen erkennen. Wenn der Mensch im Monstrum einen Teil seiner selbst erkennt, wird der Unterschied zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem aufgehoben. Und weil jeder von uns sich vom anderen unterscheidet, ist bereits jede Abweichung zugleich eine kleine Monstrosität.

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"Was willst du von mir?", will die junge Frau von dem seltsamen Wesen wissen, als sie es zum ersten Mal erblickt. Gehört hat sie es schon früher, seine Anwesenheit geahnt. Die Kreatur, bucklig, nackt, nicht größer als ein Kind, gibt eine unverständliche Antwort. Es sind seltsame Laute, schnatternd und zugleich kehlig, ohne dabei die Tonhöhe zu ändern. Diese erste Begegnung zwischen Tina (Carolyn Genzkow) und dem Fremden verläuft völlig unspektakulär: als ob es das Natürlichste von der Welt wäre, kauert diese groteske Erscheinung vor dem geöffneten Kühlschrank, dessen Inhalt sie auf dem Fußboden verstreut hat. Es isst. Tina beginnt zu schwanken, man meint den dünnen Körper bereits fallen zu sehen. Dann lehnt sie das freundliche Angebot der Kreatur, sich zu ihr zu gesellen, ab.

Mensch und Monstrum

Dieser für den Film so wichtige Augenblick verdeutlicht exemplarisch die Verkehrung der Beziehung zwischen Mensch und Monstrum, die Der Nachtmahr kontinuierlich in seine Erzählung überführt. Denn es ist ein Moment der Anerkennung. In diesem Film geht es, wie sich bald und völlig unaufgeregt herausstellt, nicht um den Horror, sondern um die Neugierde. Was ist dieses Andere, dem man sich untrennbar verbunden fühlt? Was genau dieses Wesen von der jungen Frau will, wird der Film nicht beantworten, wohl aber die Frage, wozu sie ihren neuen – und bald einzigen – Begleiter noch brauchen wird.

Es ist eine hedonistische Welt der Beats und Bytes, in der Tina als Berliner Wohlstandskind die Erwachsene nur spielt und in der die Grenzen zwischen Nacht und Tag, zwischen Rave und Klassenzimmer verschwimmen. Familie und Freundinnen reagieren auf Tinas merkwürdiges Verhalten hilflos, die üblichen Gegenmaßnahmen versagen kläglich. Sie solle diese Kreatur doch einfach ansprechen, rät der von den hilflosen Eltern abgestellte Psychologe, während die Kammerjäger suchen und das psychiatrische Krankenhaus wartet. Auch davon erzählt dieser Film: Was nicht sein kann, das darf es auch nicht geben. Aber falls doch, was dann?

Symbiose der Körper

Er habe die Kreatur viele Jahre vor seinem Film geschaffen, erklärte der deutsche Künstler Akiz – mit bürgerlichem Namen Achim Bornhak – im Gespräch mit dem STANDARD beim Filmfest in Locarno, als sein Regiedebüt vergangenen Sommer seine internationale Premiere feierte und zu einer beachtlichen Festivalkarriere ansetzte. "Eine Skulptur aus Steinguss, eine Mischung aus Embryo und Greis. Dann habe ich Gelenke eingebaut, eine neue Oberfläche kreiert – bis ich zum ersten Mal an eine Filmszene dachte." Gedreht wurde Der Nachtmahr schließlich mit minimalem Budget und maximaler Effizienz.

Der weite Spielraum, den dieser Film für Interpretationen gewährt, geht einher mit der Vielfalt der kulturhistorischen Bezüge, die vom Gemälde Johann Heinrich Füsslis bis zur Lyrik William Blakes reichen, mit denen die Klassenlehrerin (Kim Gordon) ihre Schüler konfrontiert. Doch diese mannigfaltigen Verweise bleiben nur angedeutet, sind eher kleine Anhaltspunkte in einem Film, der den permanenten Ausnahmezustand seiner Protagonistin als die eigentliche Normalität beschreibt.

Der Weg über sich selbst

Was im Körperhorror von David Cronenberg, etwa in Dead Ringers, oder bei David Lynch in Eraserhead noch zu tödlicher physischer Deformierung führte, wird hier als völlig neue Form der Symbiose gedacht. Die zerstörerische Liebe ist keine solche, sondern der Weg zu ihr kann über sich selbst führen.

"Ich sehe Tina als eine Kriegerin, die sich durch eine multimediale Welt kämpft. Am Ende ist es egal, was passiert – es wird nicht mehr so schlimm sein wie vorher", so Akiz. Tatsächlich ist Der Nachtmahr ein optimistischer Film, der seine fiebrige Atmosphäre knapp achtzig Minuten lang aufrechterhält, bis er mit einem Befreiungsschlag, nein, einer Offenbarung endet. (Michael Pekler, 28.5.2016)

Jetzt im Kino

  • Während sich auf der Haut erste Zeichen der Symbiose bilden, ist der Blick in den Spiegel für Tina (Carolyn Genzkow) ein Augenblick der Selbsterkenntnis.
    foto: luna filmverleih

    Während sich auf der Haut erste Zeichen der Symbiose bilden, ist der Blick in den Spiegel für Tina (Carolyn Genzkow) ein Augenblick der Selbsterkenntnis.

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