Julya Rabinowich: Sternhagelvoll und kornblumenblau

Kolumne27. Mai 2016, 17:00
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Verteidigung der Kornblume: Wie jemand in Mönchstracht, wenn er drauf angesprochen wird, ein Mönch zu sein und dieses mit Wut und Verve verneint

Die letzten Wochen verliefen schicksalsvoll, um nicht zu sagen, hochinteressant. Ich glaube, ich habe jetzt schon zu zählen aufgehört, wie oft ich in diesem Jahr schon darauf hingewiesen habe, dass der Spruch "Mögest du in interessanten Zeiten leben" vermutlich als übler Fluch gemeint gewesen ist.

So sind sie nämlich, die alten Chinesen. Schöne Möbel, schöne Sprüche, und wenn es darauf ankommt, der allerärgste Zynismus überhaupt, trotz Klangschale, Transzendenz und Entspannung. Dabei hätte das ganze Land diese Entspannung so bitter nötig!

Das Volk hat nun eine Betonrolle anstelle des Nackens, und die Magen sind noch flau. Wäre die Erleuchtung doch nur bereits vor Einsetzen des Wahlkampfes erledigt gewesen ...

Aber auch nachträglich kann ein bisschen reinigende Erleuchtung nicht wirklich schaden, und wenn das schon nicht einmal arschknapp erreicht werden kann, so doch hoffentlich wenigstens ein Scheibchen Transzendenz – oder wenigstens etwas Abgehobenes.

Weder Chemtrails noch Wahlkartenproblematik sind gemeint, und es wird auch dringend ersucht, sämtliche Überlegungen zur Zaubertinte auszulassen, die von manchen als Erklärung für den Wahlausgang mit großer Kraftanstrengung herangezogen worden ist wie ein toter Wal.

Aber wer nicht erleuchtet ist, der kann wenigstens dem Leben neue Aspekte abgewinnen. Wir entdeckten, dass blau-weiße Geschichten auch international zu fesseln vermögen, entdeckten das erste und vermutlich auch das letzte Mal den Reiz von "Julia sucht das Glück", und lernten auch, dass jemand nicht unbedingt sternhagelvoll gewesen sein muss, um ganz kornblumenblau im Parlament herumzusitzen.

Dass dieses Blau der Kornblume trotz aller Vorgeschichten nur eine schöne Reminiszenz an die Monarchie sei – was immer diese Monarchenreminiszenz in einer demokratischen Einrichtung auch verloren haben mag.

Ein wenig ist diese Interpretation, diese Verteidigung der Kornblume mit jemandem vergleichbar, der in Mönchstracht unterwegs ist und darauf angesprochen wird, ein Mönch zu sein und dieses mit Wut und Verve verneint. Nu, hätte er sich anders gekleidet. (Julya Rabinowich, 27.5.2016)

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