1.000 Wörter und fast genauso viele Fehler

29. Mai 2016, 15:12
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Meine Laufbahn vom Flüchtlingskind, das kaum Deutsch spricht, zum freien Autor, der Texte schreibt

Schon komisch. Heute sitzt sie auf einem unbequemen Sessel und muss auf mich warten. Unsere Rollen sind vertauscht. Früher war das umgekehrt. Vor zwölf Jahren saß ich auf einem unbequemen Sessel und musste warten, bis sie unser Klassenzimmer betrat – die sechste Klasse eines Wiener Realgymnasiums im fünften Wiener Bezirk. Damals, 2004, war ich 16 und gerade frisch aus Holland nach Österreich gekommen, wo ich zuvor als Flüchtling schon fünf Jahre mit meiner Familie gelebt hatte.

Ich hatte keine Ahnung, wusste aber, dass ich mit der Schule weitermachen wollte. Ich konnte kein Wort Deutsch, beim Vorstellungsgespräch mit dem Direktor sprach ich Englisch. Mein Wissen über Österreich beschränkte sich auf Mozart und Sigmund Freud, den ich allerdings nur von der 50-Schilling-Banknote kannte, mit der mich mein Onkel, der seit über 40 Jahren in Wien lebt, ab und an beschenkte, wenn er uns in Mazedonien besuchte.

Ich war ein unsicherer Schüler, deswegen war meine Strategie einfach: nicht auffallen, nicht reden. Das klappte gut, nur bei Frau Professor Trimmel nicht, Klassenvorstand und Deutschlehrerin. Nun saß sie vor mir, nach Jahren: freundlich und frisch pensioniert. Es hatte ewig gedauert, bis ich den Kontakt zu ihr herstellen konnte. Was würde meine ehemalige Lehrerin sagen, wenn sie wüsste, dass ich heute mein Geld mit dem Schreiben von Texten verdiene? Deswegen war ich hier.

Faust und Biedermann

Für Frau Trimmel waren alle Schüler gleich: weiche Krautschädel, die sie zu funktionsfähigen Individuen formen musste. Da war es ihr egal, ob jemand Alberto, Semra oder Muhamed hieß. Gefühlt lag der Anteil an Kindern mit einem Migrationshintergrund in meiner Schule bei 80 Prozent. Ihr war wichtig, dass man lernen wollte. Und natürlich wollte ich das. Aber es war nicht einfach, noch eine neue Sprache zu bewältigen, die noch dazu eine Ähnlichkeit mit dem Holländischen hat (maar eigenlijk een totaal andere taal is – aber eigentlich eine total andere Sprache ist). Für mich bedeutete das, Geografie, Geschichte, Chemie, Physik, Biologie auf Deutsch zu lernen und nebenbei noch zu verstehen, wie Trigonometrie funktioniert, aber zudem alle deutschen Begriffe zu lernen, um Trigonometrie überhaupt verstehen zu können.

Es war hart. Denn obwohl ich wirklich Deutsch lernen wollte, wollte ich trotzdem ein Teenager sein, ausgehen, Playstation spielen und Filme schauen. In Deutsch hat das meist nur für einen soliden Fünfer gereicht, aber sie hat bemerkt, erzählt sie mir heute, dass ich mich bemühe. Ich kann mich heute noch immer an meine erste Schularbeit erinnern. Wir mussten eine kurze Geschichte schreiben, einen Krimi. Ich schrieb eine Story über eine Prostituierte, die vor ihrem Zuhälter geflüchtet ist, weil dieser einen Kunden ermordet hat. Der Text hatte rund 1000 Wörter und fast genauso viele Fehler.

"Aus dir wird nie etwas"

Auch in der siebten und achten Klasse wurden meine Noten nicht sehr viel besser. Als Hausaufgabe mussten wir immer wieder Bücher lesen. Das mochte ich sehr. Damit konnte ich mir manchmal meine Note ein wenig aufbessern. Faust und Biedermann und die Brandstifter habe ich zum Beispiel gelesen. Doch manches wollte ich nicht verstehen und las es nicht. Auch das hat sie bemerkt, lacht sie heute. Früher ist sie in solchen Momenten ausgerastet. Ich erinnere mich noch gut an die Sätze, die sie dann gesagt hat: "Aus dir wird nie etwas."

Sie war milde und streng zugleich. Diese Mischung habe ich, im Nachhinein betrachtet, gebraucht. Wäre sie strenger gewesen, hätte ich wohl kapituliert. Wäre sie milder gewesen, hätte ich zu wenig gelernt. Das alles sage ich ihr heute in einem Wiener Innenstadtkaffeehaus. Es ist eine Art Dankeschön, bevor ich ihr von den Texten, Berichten, Reportagen erzähle, die ich heute schreibe, und von den Medien, für die ich das mache.

Wie sieht ein Gesicht aus, das vollkommen erstaunt und gleichzeitig sehr zufrieden ist? Ich weiß es. Selbst wenn meine ehemalige Professorin irgendwo meinen Namen gelesen hätte, sie hätte dabei niemals an mich als Autor gedacht. Aber vielleicht bin ich selbst noch immer so überrascht wie sie heute. Und ich finde es nach wie vor sehr erstaunlich, welchen Einfluss eine gute Lehrerin auf eine Laufbahn hat. Ähnlich wie die Gravitation die Bahn von im All herumfliegenden Kometen beeinflusst. (Muhamed Beganovic, 28.5.2016)

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