Ich bin Feministin, weil ich Mutter bin

Blog12. Juni 2016, 08:00
337 Postings

Feminismus? Das war doch was für die Frauen um die Jahrhundertwende oder für die Frauen in den 1970ern. Aber jetzt – geh bitte!

Feministin zu sein ist überflüssig. Das finden viele Männer und auch Frauen. Feministin zu sein, das ist doch irrelevant in einer Gesellschaft, in der Frauen ohnehin gesetzlich gleichberechtigt sind und wo wir uns doch alle miteinander eigentlich Sorgen darum machen müssen, dass es nicht die Buben und Männer sind, die wegen der Bevorzugung der Frauen ins Hintertreffen geraten.

Die dann in der Schule nicht mehr ausreichend gefördert werden und die dann im Berufsleben benachteiligt sind, weil – wie wir wissen – heutzutage überall nur Frauen in Führungspositionen kommen und die Männer dann auch noch zu Hause staubsaugen, in Karenz gehen und Wäsche waschen sollen.

Ehrlich, also bitte, es reicht jetzt wirklich mit diesem Feminismus. Seien wir doch ein einziges Mal ganz realistisch. Blicken wir auf die harten Fakten und Zahlen.

Zahlen und Fakten

Die Kriminalstatistik des Innenministeriums zeigt, dass im Jahr 2014 insgesamt 4.216 Delikte betreffend strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung angezeigt wurden. 95 Prozent der Tatverdächtigen waren Männer, 86,6 Prozent der Opfer waren Frauen, darunter 273 Mädchen (und auch 107 Buben) unter zehn Jahren. Zum Kotzen.

Die Teilzeitquote von Frauen lag laut Statistik Austria 2015 bei 47,4 Prozent, die der Männer bei 11,2 Prozent. Hauptgrund für die Teilzeit von Frauen sind nach wie vor Betreuungspflichten – für Kinder oder pflegebedürftige Erwachsene.

Im Februar 2016 bezogen laut Familienministerium 126.294 Menschen in Österreich Kinderbetreuungsgeld. Davon waren 95,78 Prozent Frauen. Gut, das ist eine Momentaufnahme eines Monats. Daneben gibt es auch eine umfassende Auswertung der Väterbeteiligung, wieder vom Familienministerium, die diese Momentaufnahme nicht widerlegt, eher bestätigt, denn nur 18, 12 Prozent aller Väter in Österreich haben sich an der Karenz beteiligt und Kinderbetreuungsgeld bezogen. Je länger der Bezug, desto geringer die Beteiligung, am höchsten war sie mit 28,56 Prozent beim einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeld.

Weil sie Frauen sind

Frauen verdienen laut Statistik Austria abseits aller Faktoren wie Teilzeitbeschäftigung, Alter, Unternehmenszugehörigkeit oder unterschiedlichen Branchen und Lohnniveaus, noch immer unerklärliche 15 Prozent weniger als Männer – einfach nur, weil sie Frauen sind. Die Durchschnittspensionen von Frauen liegen bei 941 Euro, die von Männern bei 1.549 Euro.

All diese Faktoren führen auch dazu, dass Frauen etwas öfter als Männer armutsgefährdet sind. Ganz besonders betroffen von Armut sind Ein-Personen-Haushalte mit Kindern, und auch hier trifft es die Frauen, denn 85 Prozent der Alleinerziehenden sind weiblich.

Am Stammtisch

Tja, das schaut jetzt aber alles nur so aus. Echt jetzt. Weil in Wirklichkeit, da sind es doch die Frauen selber, die zu Hause beim Kind bleiben wollen und wenn sie schon zu Hause sind, da können sie dort halt auch gleich staubsaugen und Wäsche waschen, weil ein Kind, das ist ja jetzt nicht tagesfüllend, oder?

Und dann ist es auch klar wegen der Pension und der Altersarmut, weil Zu-Hause-Bleiben und Teilzeit bringt nicht viel für die Pension. Und außerdem, das mit der sexuellen Belästigung, ein bisschen Spaß muss schon sein, und Pograpschen ist ja jetzt nichts Verwerfliches, oder? Und Gewalt, ja mein Gott, da gibt’s auch viele Frauen, die das jetzt irgendwie schon ein bisschen herausfordern. Die Frauen müssen ja jetzt nicht in der Nacht irgendwo allein draußen herumgehen, oder?

Und dass berufstätige Mütter noch immer gefragt werden, wo denn überhaupt ihre Kinder sind ("Im Kindergarten – ah geh, arm!"), und überhaupt nicht für Führungspositionen in Frage kommen ("Da müsstest du halt schon 40 oder besser 50 Stunden arbeiten"), ist ja jetzt eh nimmer so. Und es passiert mittlerweile genauso vielen Buben wie Mädchen, dass sie in der Disco blöd angemacht werden, dass man ihnen in den Schritt greift oder an den Busen und sie sich beim Nach-Hause-Gehen im Dunkeln lieber ein paar Mal öfter umdrehen.

Ironie off

Und jetzt ganz ohne Ironie, ganz ohne die Persiflage der Stammtischdiskussion: Feminismus bedeutet, einen egalitären Lebensentwurf zu verfolgen. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten für alle Menschen zu fordern und gleiche Forderungen an alle Menschen zu stellen. Es bedeutet, sich für Menschenrechte einzusetzen. Für Grund- und Freiheitsrechte aller. Oder, wie Johanna Dohnal es einmal formuliert hat: "Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn."

Das ist eine Diskussion, die wir in Österreich ambitioniert führen müssen, aber noch viel ambitionierter, wenn wir über unsere Grenzen hinausblicken. Gesetze zu machen ist das eine. Bewusstsein zu schaffen das andere. Und dieses Bewusstsein in unseren Leben umzusetzen, in unserer Umgebung dafür zu werben, sich gegen Klischees zu wehren und dabei auch Diskussionen zu riskieren, das hat viel mit Courage zu tun. Mit Reflexionsfähigkeit, mit Empathie.

Vielleicht, liebe Nichtfeministinnen und Nichtfeministen, liebe Quotengegnerinnen und Quotengegner, liebe junge Frauen, die den Feminismus nicht mehr brauchen, und liebe junge Männer, die sich vom Feminismus bedroht fühlen: Vielleicht ist das Ganze doch eine ernsthafte Überlegung wert. Und vielleicht brauchen wir den Feminismus 2016 doch. Nicht nur für die Frauen, sondern tatsächlich für uns alle. (Sanna Weisz, 12.6.2016)

Share if you care.