Glosse "Wortkunde": Grüner Diktator

29. Mai 2016, 11:14
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Österreich wollte nicht auf die Stimme der Vernunft hören. Nun bekommt es einen grünen Bundesdiktator

Es ist eingetreten, was prophezeit worden war. Voller Sorge hatte Norbert Hofer im Wahlkampf vor einem "grünen Diktator" gewarnt, doch die Österreicher wollten nicht auf die Stimme der Vernunft hören: Linksruck, rechtes Lager abgestraft, ein politischer Erdrutsch. Jetzt haben wir den Salat, einen grünen Diktator. So nennt man jemanden, der uneingeschränkt politische Macht in einem Land ausübt, wobei das Grün zugleich den Zustand des Frischg'fangten beschreiben kann.

Nachdem das Wahlergebnis zugunsten Van der Bellens knapp über dem Arsch zu liegen kam, wie man im Diktatorenjargon zu sagen pflegt, wird er nun österreichischer Bundesdiktator, wobei dieser Titel erst seines gönnerhaften Okays bedarf. Doch er hat anderes zu tun. Obwohl er noch gar nicht angelobt ist, zeigt er schon sein wahres Gesicht. Er will das Land versöhnen, mit allen Mitteln. Und schon kapitulieren die Ersten.

Das blaue Herz Österreichs ist seinen brutalen Avancen nicht gewachsen. Niederträchtig verspricht er den Steirern, ihr Bellen würde unter seiner Regentschaft höhere Weihen empfangen. Leichtgläubige reagieren mit spontanen Sprechchören. "Vui supa!", "Aundascht guat!", ist entlang der Weinstraße zu hören, während letzte aufrechte Blaue zu Grünem Veltliner genötigt werden. Kein Wunder, dass sich in vielen Gemeinden die Gemüter ihrer Natur entsprechend eintrüben.

Ebenso rücksichtslos will er gegen Pinkafeld vorgehen. Van der Bellen plant, die Route der heurigen Love Parade durch Hofers Heimat zu führen. Die Pinkafelder sollen ein Stück des Weges mit ihr gehen. "Seit wir mit den EU-Fördermillionen belastet wurden, haben wir nicht so gelitten", sagt ein Pinkafelder. Er überlege, in den Widerstand zu gehen, fürchte aber, dass ihn das die Pendlerpauschale kosten könnte. Da beginnt sein Kinn zu vibrieren.

Andererseits, meint er, verspüre er eine gewisse Rührung. Seit er in Wien jedes Mal mit Beifall empfangen werde, wenn er morgens im Parkhaus aus dem Auto steige, wachse ihm diese vermaledeite Willkommenskultur irgendwie ans Herz: "Verdammte Diktatur, verdammte!" (Karl Fluch, 28.5.2016)

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    foto: reuters/leonhard foeger
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