Politik für Eltern: Warum Kinderbetreuung politisch ist

Blog29. Mai 2016, 08:00
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Kinder beim Erwachsenwerden zu begleiten erfordert Organisationsfähigkeit und klare Strukturen. Letzteres wünschen sich Eltern auch von der Politik

Wer ebenso wie ich daran glaubt, dass das Private politisch ist, der wird die Veränderungen der vergangenen Wochen genauso interessiert verfolgt haben: Österreich hat einen neuen Bundeskanzler, eine neue Bildungsministerin und ab Juli auch einen neuen Bundespräsidenten. Und damit zumindest die grundsätzliche Möglichkeit, dass Dinge in Bewegung geraten.

Als Frau und Mutter Mitte 30 steht man irgendwie immer dazwischen. Zwischen Kindern, Karriere und eigenen Wünschen. Und oft hat man das Gefühl, nirgends den Ansprüchen zu genügen, weder anderen noch sich selbst gegenüber.

Moment, ich habe tatsächlich "Kind und Karriere" geschrieben. Man mag mir jetzt Naivität vorwerfen. Mir entgegenhalten, dass nicht alles geht. Dass das Leben eben kein Wunschkonzert und kein Ponyhof ist. Und dennoch: Ich möchte all das. All das zusammen jetzt und nicht irgendwann. Warum? Because it’s 2016, würde wahrscheinlich Justin Trudeau sagen.

Betreut und gefördert

Ist es tatsächlich so abwegig, dass gut qualifizierte Frauen Mitte 30 oder Anfang 40 nach jahrelanger Berufserfahrung Führungspositionen anstreben? Obwohl oder gerade weil sie Mütter sind? Ist das wirklich eine überzogene Erwartungshaltung? Der direkte Vergleich veranschaulicht dann nochmals die Absurdität einer solchen Kritik: einem Vater in diesem Alter würde so ein Bestreben wohl nicht als negativ ausgelegt werden.

Meine Kinder würde ich in der Zeit meiner Berufstätigkeit gerne nicht nur beaufsichtigt, sondern betreut und gefördert wissen. In einer möglichst qualitativen Kinderbetreuungseinrichtung, die möglichst flexibel auf die Bedürfnisse der Eltern eingeht. Dieses Thema betrifft nicht nur Frauen, die tatsächlich Kinder und Karriere verbinden möchten. Das betrifft fast alle Eltern in diesem Land.

Viel zu oft schon hat die Politik angekündigt, diskutiert, wurden Reformen versprochen. Geblieben ist genauso oft das Verharren in der bloßen Beteuerung und dessen schaler Nachgeschmack.

Statt Ankündigungspolitik...

Im Regierungsprogramm 2013 ist zu lesen: Falls Bedarf bestünde, gäbe es nunmehr die Möglichkeit, im Fall von zwei Parallelklassen in einer Volksschule eine davon als verschränktes Ganztagsmodell zu führen. Ich sehe den Bedarf überall, auch vor meiner eigenen Haustüre. Die für die Umsetzung notwendigen Unterstützungserklärungen der Eltern hätte ich in wenigen Stunden gesammelt. Es scheitert, wird mir gesagt, an der Finanzierung. Es gebe doch eh einen Hort.

Auch die im November vergangenen Jahres angekündigte Bildungsreform harrt nach wie vor ihrer Umsetzung. Darin wird eine "Modell-Schule der 6- bis 14-Jährigen" angekündigt. Ob die ganztägig ist oder nicht, soll situationsspezifisch entschieden werden. Außerdem dürfen nur 15 Prozent aller Standorte bzw. 15 Prozent aller SchülerInnen eines Bundeslandes an dieser Modell-Schule teilnehmen. Ein Fragezeichen bleibt in meinem Kopf: Ist das jetzt eine Weiterentwicklung oder ein Zurücknehmen der Vereinbarungen aus dem Regierungsprogramm?

Allzu oft haben wir Eltern auch schon von einheitlichen Kinderbetreuungsstandards in allen Bundesländern gehört. In der Realität ist es so, dass etwa niederösterreichische Kinder auch in Wiener Kindergärten betreut werden können. Die Grenze zwischen den beiden Bundesländern zu passieren kostet aber: Hunderte Euro bezahlen in Niederösterreich gemeldete Eltern mehr pro Monat als Wiener Eltern für die Betreuung in Wiener Kindergärten.

Viel kostengünstiger ist die Betreuung niederösterreichischer Kinder in niederösterreichischen Kindergärten, wo aber gänzlich andere Rahmenbedingungen gelten. Dort müssen zum Beispiel Abholzeiten drei Monate im Voraus festgelegt oder die Sommerferienbetreuung des Kindes Ende Februar bekanntgegeben werden. Auch Kindergartenleiterinnen dürfen dort nicht teilzeitbeschäftigt sein, es könnte ihnen selbst ja die Vereinbarkeit zwischen ihrer Berufstätigkeit und der eigenen Familie erleichtern.

…Politik an der Realität ausrichten

Die Diskussion darüber, ob Kinder schon in den ersten Lebensjahren fremdbetreut werden sollen, ist längst von der Realität eingeholt worden. Ebenso die Diskussion über die Nachmittagsbetreuung von Volksschulkindern. Warum also nicht den Schritt wagen, einheitliche Kinderbetreuungsstandards für ganz Österreich zu etablieren? Oder eine ganztägig bis 15 Uhr geführte Volksschule oder Gesamtschule einführen, in der sich Lern- und Freizeitphasen abwechseln?

Eine Schule, in der erst gar keine Diskussion darüber entsteht, welche Schulform Eltern wählen sollen und wieviel Geld sie für welche Variante bezahlen müssen. In der nicht mit hohem Aufwand komplizierte Berechnungen über Essensbeiträge angestellt und minutengenaue Formulare zur Abholzeit geführt werden müssen.

Eine Schule, in der Eltern von sechs- bis zehnjährigen (oder vierzehnjährigen) Kindern in ganz Österreich gar keine Wahl haben, weil es nur eine Wahl gibt. Und damit in Zeiten der unendlichen Wahlfreiheit eine klare Ansage. Die noch dazu, so schreiben es zumindest viele Bildungsexpertinnen und -experten, auch bestmögliche Förderung aller Kinder garantieren würde.

Ich sehe zwar, dass es ein Bemühen der Politik gibt, Eltern die Vereinbarkeit zu erleichtern. Bloß bringt dieses Bemühen nicht immer pragmatische und gute Lösungen hervor. Und dieses Bemühen verschweindet allzu oft in vermeintlich ideologischen Gräben, die bei sachlicher Analyse wahrscheinlich leicht überwindbar wären.

Faire und gerechte Chancen

Viele von uns setzen die Hoffnung daher nun auf einen Kanzler, den wir Eltern nicht in erster Linie als erfolgreichen Manager sehen. Wir sehen ihn als Vater von vier Kindern. Als Vater, der – so wird es zumindest kolportiert – eines dieser Kinder auch für eine gewisse Zeit allein erzogen hat.

Ein Bundeskanzler, der uns einen für Eltern so ungemein wichtigen Gedanken für die Zukunft skizziert: Sie reden von einem Land, in dem alle Kinder faire und möglichst gerechte Chancen haben. Und von einer Gesellschaft, die wieder an eine positive Zukunft für sich und für ihre Kinder glaubt. (Sanna Weisz, 29.5.2016)

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