Arco: Optimistische Liaison in Lissabon

27. Mai 2016, 18:00
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Im Jubiläumsjahr zum 35. Bestehen der Arco Madrid wagen die Macher der iberischen Kunstmesse den Sprung ins benachbarte Portugal nach Lissabon. Mit bewährtem Konzept und einer Vision: Richtung Übersee

Geglückt scheint die Erstauflage der Arco Lissabon. In der Cordoaria Nacional, einer alten Seilerei im Stadtteil Belém, lancieren die Macher der Madrider Gegenwartskunstmesse noch bis Sonntag, 29.5., ihre erste Auslandstochter. Trefflich ist die Wahl des Areals, die 500 Meter lange Halle einer Fabrik, wo man einst die Taue der portugiesischen Handelsflotte fertigte. Hier präsentieren sich 45 Galerien, darunter 19 aus Portugal, 13 aus Spanien sowie fünf aus Brasilien.

Das Glas scheint hier nicht halb leer, sondern übervoll, zumindest aus der Sicht des portugiesischen Künstlers Gonçalo Barreiros: Aus dem auf dem Boden neben einer Bierflasche platzierten Plastikbecher quillt massives Messing, 2500 Euro hat Galeristin Vera Cortés (Lissabon) für das unbetitelte Werk veranschlagt. Seine Silikonspiegeleier (Edition von zehn Stück) für 250 Euro gefielen Schnäppchenjägern gleich zum Auftakt.

Lechzen nach Neuem

"Die junge Kunstszene hier ist eine sehr aktive", unterstreicht Galeristin Cortés, "Künstler und Sammler lechzen nach Neuem." Für sie und ihre portugiesischen Kollegen wurde mit der Arco Lissabon ein seit 2011 gehegter Wunsch realisiert. Basierend auf der Idee von Arco-Direktor Carlos Urroz und lokalen Galerien, hofft man sich als Fixtermin im dichten internationalen Messekalender zu etablieren.

"Krisensituationen bewirken bei jungen Kunstschaffenden eine Explosion kreativer Energie", sagt Sébastien Rouet. Er sammelt seit 17 Jahren Werke junger Künstler und lebt in Frankreich. Für "die kleine, konzentrierte Neomesse" ist er voll des Lobes. "Neben Interesse an aufstrebenden Portugiesen" habe ihn "das Nahverhältnis zu Südamerika" hierhergelockt. Auf dem Radar hatte er etwa kleinformatige Kaffeetassenabdrucke des Kolumbianers Arturo Felipes bei Baginski (Lissabon, 1900 Euro).

Boutiquecharakter

"Hier ist es wie in einer Boutique", erklärt José Martínez Calvo (Espacio Mínimo, Madrid), "ein kleinerer Rahmen, der uns auch sichtbarer macht." Im Programm hat seine Galerie etwa Arbeiten von Liliane Porter, darunter die Mischtechnik The attempt, Circle um 30.000 US-Dollar.

Zu den Gründen für die Teilnahme gehört aus Sicht der Galeristen eine starke internationale Sammlerriege. Die lateinamerikanische Seilschaft, darunter Nueveochenta (Bogotá), hofft deshalb auch schon auf eine Arco in Übersee. "Betagte Sammlerveteranen aus Deutschland, Frankreich und Italien übersiedeln immer öfter nach Portugal. Eine kontinuierlich wachsende Stammklientel", erzählt Christopher Grimes (Santa Monica, USA). Laut Galerist Leon Tovar (New York) würden solche "Expats" nun von Steuervorteilen profitieren. Bislang mussten sie ihre Pensionszahlungen in Portugal als Einkünfte versteuern, nun lockt eine zehnjährige Steuerbefreiung.

"Geht die Rechnung heuer auf, komme ich sicher wieder", verspricht Tovar. Unisono mit Grimes, der neben dem Portugiesen Carlos Bunga die Brasilianerin Lucia Koch im Gepäck hat, etwa den überdimensionalen C-Print der Innenansicht einer Zuckerschachtel Organic Sugar um 40.000 Euro.

Lateinamerika als Liaison

"Die Liaison aus Lateinamerika und Europa ist die besondere Anziehungskraft der Arco – erst in Madrid und nun in Lissabon", ist Grimes überzeugt. Iñigo Navarro Valero (Leandro Navarro, Madrid), der im Arco-Kontext sonst oftmals die teuersten Werke aufwartet, hat Kleinode mit: Picas- sos Miniaturformat Stillleben mit Zitrone (1947, 14 cm x 17,8 cm) für 530.000 Euro oder Oscar Schlemmers Kopf- und Figurenstudie von 1928 für 150.000 Euro.

Preislich höher ist die Arte povera von Mario Merz bei Giorgio Persano (Turin) angesetzt. Das Haus des Gärtners (1984/85, "Mixed-Media-Iglu") ist mit 1,5 Millionen Euro das teuerste Werk im Messeangebot, exklusive Mehrwertsteuer wohlgemerkt. Ebenso die mit 700.000 Euro kalkulierte wandfüllende Mischtechnik von Merk (Prähistorischer Wind von den vereisten Bergen, 1985), die täglich mit frischen Blau- und Weißkrautköpfen bestückt wird.

Als weiterer Blickfang fungiert die Hommage an Mark Rothko (85.000 Euro) des Mexikaners Bosco Sodi bei Fernando Santos (Porto). Das aus Sägemehl, Kleister und Pigment gefertigte Werk war ebenso von Besuchern umschwärmt wie die riesigen, gehäkelten Hängeskulpturen (u. a. Dragonera, 35.000 Euro) der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos bei Horrach Moya (Palma de Mallorca). (Jan Marot aus Lissabon, Album, 28.5.2016)

  • "Metall-Vorhang" auf, bei der Premiere der Arco Lissabon: vom in Rio de Janeiro lebenden Katalanen Daniel Steegmann Mangrané (Múrias Centeno, Lissabon) um je 30.000 Euro (Dimension variabel).
    foto: blues photography studio

    "Metall-Vorhang" auf, bei der Premiere der Arco Lissabon: vom in Rio de Janeiro lebenden Katalanen Daniel Steegmann Mangrané (Múrias Centeno, Lissabon) um je 30.000 Euro (Dimension variabel).

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