Kamerun: Hier entsteht das neue Afrika

29. Mai 2016, 08:00
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Für eine kulturwissenschaftliche Konferenz reiste der Wiener Schriftsteller im April nach Kamerun. Ein Bericht aus Jaunde, wo Afrikaner gerade kreativ werden und sich eigene Wege in die Zukunft ausdenken

Dass Kamerun eine Ausgabe von Afrika im Kleinen sei, ist ein Klischee, das man hier in Kamerun in der Woche siebenmal hören kann – freilich nicht ganz unbegründet. Landschaftlich hat Kamerun so ziemlich alles: Regenwald, Savanne, Wüste, Meer, Seen und über 4000 Meter hohe Berge. Auch die ethnische Vielfalt ist typisch: In dem Land mit einer Einwohnerschaft von 22 Millionen werden 250 bis 285 verschiedene indigene Sprachen gezählt. Dazu gibt es wie im großen Afrika auch in Kamerun einen frankofonen und einen anglofonen Teil. Nachdem die deutsche Kolonialherrschaft, die 1884 begonnen hatte, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder zu Ende war, wurde der größere, südwestliche Teil vom Völkerbund unter französisches Mandat gestellt, ein schmaler Streifen an der Grenze zu Nigeria unter britisches. Nach der Unabhängigkeit 1960/61 kam das vorwiegend christliche südliche Britisch-Kamerun nach einer Volksabstimmung zu Kamerun, der muslimisch dominierte nördliche Teil schloss sich Nigeria an. Beide Kolonialsprachen sind heute offizielle Staatssprachen, bloß aus dem anglofonen Bereich kommen immer wieder Klagen über Benachteiligung.

Ökonomisch liegt man mit einem BIP von rund 3000 Dollar pro Kopf im unteren Bereich, steht aber weitaus besser da als etwa die Zentralafrikanische Republik mit 600 Dollar. Nigeria hat im Vergleich dazu ein doppelt so großes BIP pro Kopf und Süd-afrika wiederum das Doppelte davon. Die Arbeitslosigkeit beträgt 30 Prozent. In dieser Hinsicht steht Südafrika auch nicht viel besser da, ganz anders als das aufstrebende Ghana, das mit 3,6 Prozent den Neid europäischer Sozialpolitiker wecken könnte. Der Präsident ist seit 33 Jahren im Amt.

Kleine Zwischenhändler

Geht man durch die Straßen der Hauptstadt Jaunde – das kann man auch als Fremder, auch wenn einem vom Besuch mancher Viertel abgeraten wird – bekommt man die extravagante Architektur der Regierungsgebäude zu sehen, prächtige Villen hinter Mauern und Stacheldraht, ein paar langweilige staatlich geförderte Wohnblocks, und das winkelige Gassenwerk dicht an dicht gebauter privater Häuser, Häuschen und Hütten.

Von der Wirtschaft sieht man vor allem den informellen Sektor. Eine Frau zum Beispiel betreibt eine Callbox: ein Tischchen, ein Sonnenschirm, ein Handy. Sie verkauft Telefonanrufe, eine Minute um hundert zentralafrikanische Francs, das sind 0,15 Euro. Man kann bei ihr aber auch das eigene Handyguthaben aufstocken. Da der hiesige Anbieter erlaubt, Guthaben per SMS von einem Handy aufs andere zu übertragen, kann man bei den Callboxes Guthaben in viel kleineren Einheiten erwerben als beim Telefonanbieter selbst – natürlich mit einem kleinen Aufschlag. Das ist typisch für das Wirtschaften kleiner Leute: Wer wenig Geld hat, kauft nur zwei Zigaretten und nicht ein Paket, tankt nur so viel, wie für den nächsten Weg nötig ist, kauft bei der Straßenhändlerin eine Batterie und nicht im Supermarkt ein Viererpack. In Summe kauft man so teurer. Und von der marginalen Differenz ernähren sich die kleinen Zwischenhändler. Die Frau mit der Callbox kann am Tag 3000 bis 6000 CAF verdienen. Damit kann sie – so sagt sie – ihre Kinder in die Schule schicken.

Für das nette maßgeschneiderte Kleid, das die junge Deutschlehrerin Lisa zum Empfang beim deutschen Botschafter trägt, hat die Schneiderin 7000 CAF verlangt, das sind 10,65 Euro. Der Preis ist für die Arbeit, den Stoff hat Lisa woanders gekauft. Bei solchen Preisen wird die Schneiderin nie so viel Kapital akkumulieren können, dass sie sich vielleicht eine zweite Nähmaschine anschaffen und eine Mitarbeiterin beschäftigen könnte. Aber sie muss mit den Preisen der Gebrauchttextilien konkurrieren, die aus Europa und Amerika importiert werden. Ein Liter Haltbarmilch im Supermarkt kostet 1600 CAF. Aber wer kauft schon im Supermarkt?

An der Université de Yaoundé I studieren 60.000 junge Menschen. An der zweiten Uni noch einmal 30.000. Der Campus ist so weitläufig, dass ein Elektrobus die Runde machen muss, um die Studierenden zu ihren Hörsälen zu bringen. Manche haben Laptops dabei. Wi-Fi gibt es nicht. Die Toiletten muss man suchen, aber wenn man sie gefunden hat, funktionieren sie.

Zusammenarbeit mit Heilern

An solchen Universitäten entsteht das neue, selbstbewusste Afrika. Hier am chemischen Institut arbeitet man daran, in Zusammenarbeit mit indigenen Heilern traditionelle Heilpflanzen zu identifizieren, die wirksamen Bestandteile zu isolieren und daraus standardisierte Medikamente zu gewinnen. Sapele ist ein wertvolles Nutzholz, ähnlich dem Mahagoni. Die Baka, waldbewohnende Sammler und Jäger, haben die Rinde schon immer gegen rheumatische Beschwerden benutzt. Das Team um Professor Kouam konnte daraus vielversprechende entzündungshemmende Wirkstoffe isolieren. Aus der Rinde eines verwandten Baumes konnten sie einen Wirkstoff gegen einen Malariaerreger isolieren, der gegen herkömmliche Medikamente bereits resistent geworden ist.

Laut WHO werden 25 Prozent aller modernen Medikamente aus Pflanzen gewonnen, die zuerst in der traditionellen Medizin verwendet wurden. Immer mehr afrikanische Wissenschafter sind heute damit befasst, die Schätze afrikanischer Biodiversität selbst zu heben. Regenwald und das geheime Wissen traditioneller Heiler – das passt noch immer gut zum europäischen Klischeebild von Afrika. Aber Kamerun beherbergt auch eines der fünf Zentren der Next Einstein Initiative des African Institute for Mathematical Science. Hier werden die begabtesten Studentinnen und Studenten des Kontinents von international führenden Köpfen des Fachs ausgebildet. Man befasst sich sowohl mit theoretischer als auch mit angewandter Mathematik. Eines der Next-Einstein-Projekte ist eine App, in die Fischer im Senegal Ort, Zeit und Menge ihres täglichen Fangs eingeben sollen. Die Daten werden zentral ausgewertet, und die Fischer erhalten – wiederum über die App – Empfehlungen, wo und wie viel sie fischen sollen, um bei genügend Ertrag den Fischbestand nicht zu gefährden.

Aus Kenia kommt Ushahidi (Kisuaheli: Zeuge), eine kostenlose Open-Source-Software. Während der Unruhen nach den umstrittenen Präsidentenwahlen von 2007 haben die Entwicklerinnen und Entwickler eine Website geschaffen, die Augenzeugenberichte, die per E-Mail und SMS hochgeladen wurden, auf einer Karte angezeigt hat. Ushahidi bzw. die von Ushahidi geschaffene Crowdmap wird inzwischen weltweit eingesetzt und hat etwa beim Erdbeben in Haiti 2010 schon eine wichtige Rolle gespielt, um einen raschen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe und notwendige Einsätze zu bekommen. Die Gruppe um Ushahidi hat auch den sogenannten BRCK geschaffen, ein ziegelgroßes Gerät, das in Gegenden mangelhafter Infrastruktur stabile Internetkonnektivität gewährleistet. Insgesamt hat sich im vergangenen Jahrzehnt die Zahl wissenschaftlicher Publikationen von Afrikanerinnen und Afrikanern verdreifacht.

Überwindung der Opferrolle

Nach der Eröffnung einer Ausstellung über den österreichischen Dichter Jura Soyfer an der Universität Jaunde frage ich Professor Simo, Kulturwissenschafter und Leiter des germanistischen Instituts, nach der seiner Meinung nach notwendigen Überwindung des Opferbewusstseins in Afrika. Denn dort, ebenso wie in Europa, sehen viele den Kontinent und seine Menschen immer noch zuerst als Opfer von Kolonialismus und Imperialismus und nicht als aktive Akteure der Geschichte. Er gab mir folgende Antwort: "Trotz Sklaverei, trotz Kolonisation ist Afrika nie das geworden, was andere wollten. Es ist unter Umständen vorangetrieben worden, die historisch bekannt sind, aber das, was aus Afrika geworden ist, ist nicht unbedingt das, was andere mit Afrika machen wollten. Selbstermächtigung, das geschieht überall, wo Afrikaner kreativ werden, wo sie sich Wege in die Zukunft ausdenken, wo sie Stücke der Wirklichkeit in ihrem Sinne verändern. Wissen Sie, es hat mal Zeiten gegeben, in denen darüber diskutiert wurde, wie viel Prozent ausländische Musik im kamerunischen Rundfunk ausgestrahlt werden soll. Inzwischen gibt's die Frage nicht mehr. Es gibt so viel gute kamerunische Musik, dass keiner auf die Idee kommt, überhaupt ausländische Musik auszustrahlen. Die Rundfunkanstalten haben einfach eine Fülle von Musik verschiedener Richtungen, die von Afrikanern, Kamerunern, geschaffen wird. Das meine ich." (Martin Auer, 29.5.2016)

Martin Auer, geb. 1951 in Wien, ist österreichischer Schriftsteller und wurde für seine Kinderbücher vielfach ausgezeichnet.

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Jura Soyfer 1912–1939

  • Von der Wirtschaft sieht man hier in Jaunde vor allem den informellen Sektor:  Ein Straßenverkäufer verkauft Sneakers.
    foto: picturedesk

    Von der Wirtschaft sieht man hier in Jaunde vor allem den informellen Sektor: Ein Straßenverkäufer verkauft Sneakers.

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