"Das Reich Gottes": Einfach eine tolle Geschichte

29. Mai 2016, 07:00
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In seinem neuen Buch erzählt der französische Autor Emmanuel Carrère nicht nur von eigenen Lebenskrisen und Glaubensversuchen, sondern vor allem die Biografien der vier Evangelisten. In Frankreich wurde es ein Bestseller

Das Evangelium nach Emmanuel: Der Franzose hat als Drehbuchautor einen Sinn für spannende Stoffe und als Schriftsteller mit seinem Buch "Das Reich Gottes" einen ungewöhnlichen Bestseller über das Urchristentum geschrieben.

In der Geschichte des Christentums gibt es einen neuralgischen Punkt: Der wichtigste Außendienstler hatte Jesus nie gesehen. Niemand hat sich so viele Verdienste um die Verbreitung der Botschaft vom auferstandenen Christus erworben wie Paulus, der Jude aus Tarsus.

Er hat die junge Religion, als noch niemand ahnen konnte, dass es sich um eine solche handelte, aus Palästina in die ganze Welt des Mittelmeers verbreitet. Er hat aus einer endzeitlichen Botschaft, von der er wohl gar nicht so viel wusste, eine Heilslehre entwickelt, in der es nicht zuletzt um die Frage ging, ob das Christentum eine jüdische Splittergruppe oder eine universale Religion sein sollte.

"Kirche der Vorhaut"

Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère verdeutlicht diese Auseinandersetzung mit einem plastischen Begriffspaar: Eine "Kirche der Vorhaut" war für die Freiheit vom jüdischen Gesetz, eine "Kirche der Beschneidung" wollte nicht so einfach aus dem überlieferten Zusammenhang ausscheren, der seinerzeit mit den mythischen Figuren Abraham und Moses begonnen und in der Verkündigung des Gesetzes am Sinai den Höhepunkt erreicht hatte.

Das Reich Gottes heißt Carrères Buch, in Frankreich war es ein Bestseller, und man versteht auch sofort, warum das so ist. Denn es ist einfach eine tolle Geschichte, die hier zu erzählen ist, und Carrère, der schon mehrfach mit originellen Themen erfolgreich war (Amok, Limonow), erkennt mit dem untrüglichen Sinn des Erzählers, was hier alles zu tun ist.

Eine ganze Menge, denn von den Urgemeinden wissen wir zwar viel, aber noch viel mehr fehlt. Ungeheure Lücken an historischer Information klaffen da. Carrère maßt sich nicht an, sie alle zu schließen, aber er versucht, mit der Freiheit des informierten Laien ein paar Ergänzungen und Klärungen vorzunehmen, zu denen sich die chronisch zerstrittenen Wissenschafter nie durchringen würden.

Lukas als Romancier

Der Kronzeuge, an den Carrère sich dabei hält, ist gut gewählt: Das Reich Gottes ist auch so etwas wie eine Biografie des Evangelisten Lukas, der mehrfach mit Paulus unterwegs war und von dem die ausführlichste Lebensgeschichte Jesu stammt. Was auch daran liegt, dass er am meisten dazuerfunden hat, zum Beispiel die Geburt Jesu in einem Stall, von einer Mutter, die von einem Engel empfangen hatte.

Mit Lukas kommt trotz dieser Wundergeschichten ein moderner Geist in das Urchristentum: Der Arzt aus Mazedonien (wenn man Carrère das glauben will) ist ein gebildeter Bürger des Imperium Romanum, er schreibt ein elegantes Griechisch, von den Streitigkeiten in Jerusalem hat er keine Ahnung. Er weiß, wie Paulus, wenig von Jesus. Aber anders als Paulus erkundigt er sich. So entstehen zwei zentrale Bücher der christlichen Bibel: das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte.

Doch wie kommt jemand wie Emmanuel Carrère dazu, sich für einen Stoff zu interessieren, der bei aller historischen Spannung doch in erster Linie etwas für Tüftler ist, für Philologen und Archäologen, für Menschen, die jeden (Textbau-) Stein lieber zweimal umdrehen?

Glaubensversuch und Krise

Zwei Gründe sind dafür maßgeblich. Der erste rührt von der Biografie des Autors her. Carrère erzählt von seinem eigenen Glaubensversuch, von einer tiefen Lebenskrise, aus der er einen Ausweg in christliche Frömmigkeit suchte. Inzwischen ist er wieder Agnostiker, aber eben einer, der es sich in dieser Haltung nicht bequem macht, sondern der die Ungeheuerlichkeit noch spürt, die jeder Glaubensakt im Grunde darstellt.

Der zweite Grund ist einer, der zu den Grundbausteinen der Moderne gehört: Was früher einmal absolute Gültigkeit beanspruchte (das Dogma der Kirche, das bezeichnenderweise in einem Dogma über Unfehlbarkeit gipfelte), beruht auf Erzählungen. Und Carrère verschafft nicht nur diesen Erzählungen wieder ihr Recht, er befreit auch die Erzähler aus dem Korsett des biblischen Kanons: Lukas ist für ihn ein "Romancier und Scriptwriter".

Der große Bogen, den Carrère spannt, mit einer Expedition nach Jerusalem und zwei Schlüssen (in Rom und in Ephesus), ist imponierend und besticht vor allem durch diese Umkehrung der Erzählperspektive: Er beginnt eben nicht mit Kreuz und Auferstehung, sondern mit einem Mann, der in einer Synagoge irgendwo im Imperium Romanum das Wort ergreift. Das ist Paulus, Lukas ist unter den Zuhörern.

Schöpferischer Prozess

Im Detail ist Das Reich Gottes an vielen Stellen mehr als angreifbar: Carrère rückt Lukas deutlich zu sehr ins Zentrum der Geschehnisse (so soll er auch den Jakobus-Brief geschrieben haben, ein Schlüsseldokument der Antipaulinen in der frühen Kirche), dafür hat er von anderen Traditionen (vor allem denen rund um Johannes, das späte vierte Evangelium und die Apokalypse) nur einen naiven Begriff.

Und seine Vorliebe für Vergleiche aus der sowjetischrussischen Frühgeschichte mit den ideologischen Auseinandersetzungen und Säuberungen ist zwar anschaulich, schießt aber auch ein wenig über das Ziel hinaus. Doch das beeinträchtigt alles nicht die zentrale Leistung dieses Buches: Es handelt sich um ein frommes Werk, das allerdings eindeutig religionskritisch ausgeht. Die Wahrheit liegt eben nicht in der Verfestigung von Erzählungen in Definitionen, denen man dann zustimmen kann oder nicht (das ist auch eine spannende Geschichte, aber mehr für Theoretiker). Die Wahrheit liegt in diesem schöpferischen Prozess des Weitertragens, von dem deutlich wird, dass das Christentum nie etwas anderes gemacht hat.

Das Reich Gottes erstattet eine Weltreligion den Menschen zurück, die sie als das annehmen können, was sie immer schon war: Ausdruck ihrer Auseinandersetzung mit diesem großartigen Rätsel, das wir selber sind und von dem nicht viele so gut erzählen können wie Emmanuel Carrère. (Bert Rebhandl, Album, 28.5.2016)

Emmanuel Carrère, "Das Reich Gottes". Aus dem Französischen von Claudia Hamm. € 24,90 / 524 Seiten. Matthes & Seitz, 2016

  • Emmanuel Carrère, geb. 1957 in Paris, ist französischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmproduzent. 2014 erschien sein Bestseller auf Französisch.
    foto: apa / joel saget

    Emmanuel Carrère, geb. 1957 in Paris, ist französischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmproduzent. 2014 erschien sein Bestseller auf Französisch.

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    foto: matthes & seitz
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