Harter Rap in lyrischem Rahmen

Ansichtssache28. Mai 2016, 07:00
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Der Name der Veranstaltung ist Programm: Bei "Rapper lesen Rapper" interpretieren heimische HipHop-Künstler Größen der Rapgeschichte in lyrischem Kontext neu, diesmal im Rahmen einer Ausstellung von HipHop-Porträts des Fotografen Daniel Shaked in der Galerie des Rabbit Eye Movement

Stefanie Sargnagel aka Sprengnagel ist beim diesjährigen Wettlesen um den Ingeborg-Bachmannpreis die einzige Österreicherin – auf Einladung von Sandra Kegel – die um den renommierten Literaturpreis lesen darf (Marko Dinić hat zwar durch Wien als Geburtsort einen starken Österreichbezug, besitzt jedoch einen serbischen Pass). Die literarischen Ergüsse der Facebook-Poetin mögen manchem Leser despektierlich erscheinen, nichtsdestotrotz trifft sie einen Nerv. So hat sie auch verkündet, in ihrem Text (den sie laut ihrer Facebookpage zwei Tage vor Abgabe geschrieben hat) auch "ein paar Rap-Elemente" eingebaut zu haben. Bei der 40. Preisverleihung in Klagenfurt (von 29. bis 3. Juli im ORF-Theater) kann es also passieren, dass der HipHop Einzug in die Welt der Literaturgeschichte findet.

Die "Street" im Buch

Wie die "Street" ins gelbe Buch kommen könnte, haben sich auch die drei Gründer der Veranstaltungsreihe "Rapper lesen Rapper" gefragt: Julian Langwiesner, der Teil des Labels Honigdachs Records ist, Leonhard Immervoll, er reimt als Rapper von DRKxFOZx ALLIGATORMAN, und der Moderator David Scheid, der als DJ und Kabarettist arbeit. Die Idee, Raptexte lyrisch zu interpretieren ist keine neue Erfindung.

Aus Deutschland stammt beispielsweise der Youtube-Kanal "Deutschrap neu interpretiert" von Kackspritze, deren Rapper stilvoll drapiert neben einer Bibliothekslampe auf dem Lesetisch Texte von beispielsweise B-Tight, Sido oder Bushido lyrisch lesen. Die Rapper von Wisecrack erläutern in ihren "Thug Notes. Classic Literature. Original Gangster." verständlich Das Fass Amontillado von Edgar Allan Poe, Shakespeare-Werke oder J. D. Salingers Der Fänger im Roggen.

"Rap ist ja unter anderem eine Imitationskultur. Vor allem, wenn man beginnt, wird einiges nachgemacht und jeder Rapper hatte schon einmal den Gedanken einen anderen Text zu lesen, zu rappen oder vorzutragen", so Leonhard Immervoll, der selbst als Rapper von DRKxFOZxALLIGATORMAN bekannt ist.

"Editionportrait"

Das Team um "Rapper lesen Rapper" wollte diese Konzept auch in Österreich möglich machen. Das erste Mal fand die Veranstaltung im Separee eines Restaurants in kleinem Kreis statt, mit Freunden und dem Labelumfeld der Jungs. Trotz experimenteller, familiärer Atmosphäre führten gröbere Platzprobleme zur Verlagerung der #editionzwei ins Werk X. Zum dritten Mal nun fand die Veranstaltung – dieses Mal unter dem Hashtag "Editionportrait" – in Kombination mit einer Ausstellung von Portät-Fotografien von Daniel Shaked im Artspace des Rabbit Eye Movement in der Gumpendorferstraße statt.

Moderator der Veranstaltung, DJ und Kabarettist David Scheid erzählt in der Eröffnungsrede von der Intention von "Rapper lesen Rapper".

Nach dem traditionellen Anschnitt des Tetrapak-Rotweins mit dem Jagdmesser startet die Veranstaltung mit dem Text von Anna Schauberger alias The Unused Word (Label: Duzz Down San). Diese haderte bei der Auswahl des Textes zwischen einem emanzipierten Song von Missy Elliot und "etwas ganz Argem" und hat sich schließlich unüberhörbar für das "ganz Arge" entschieden: Necros "Who´s ya Daddy? (The Sexorcist).

foto: der standard
Links: A.geh Wirklich? verwienert den Hit von den Fatboys. Rechts: The unused word interpretiert einen der wohl sexistischsten Songs von Necro.

Auf die Jubelschreie folgt der Wiener A.Geh Wirklich?, dessen Stil von Elementen aus dem Wiener Dialekt, Schrammel-Liedern, R&B und HipHop geprägt ist. Ans Lesepult tritt er mit der Interpretation des Hits Fatboys are back von The Fatboys, einer amerikanischen HipHop-Formation aus den 80ern oder in der Übersetzung A.Gehs: "Die blaaden Buam san zruck". Im Vergleich des Originaltextes mit der Interpretation von A.Geh Wirklich? zeigt sich die neue Verortung: Durch Austriazismen wie "blaad" und das Ersetzen des "Slice of cake" durch "Gugelhupf" versetzt A.Geh die Urauffführung der "blaaden Buam" auf jede beliebige österreichische Bühne.

derstandard.at
A.geh Wirklich? liest seine Blaaden Buam, die Interpretation des Songs der Fatboys.
foto: der standard
Links: Rapper Drk Poet – Teil von DRKxFOZxALLIGATORMAN – interpretiert Vom wundersamen Wundersamen von L.A.R. Rechts: Trishes liest den Dialektrapper MC Markee.

DRK Poet ist Teil von DRKxFOZxALLIGATORMAN und liest Vom wundersamen Wundersamen von L.A.R. Bei seiner Art zu reimen achtet er stets darauf, auf möglichst viele Silben und Substantive Reime zu finden, was dem Original-Autor L.A.R. reimschematisch mit "mittelmäßige Bläserinnen sind nicht zu gebrauchen wie Dichtungsschäden an Regenrinnen" ungefragt gelingt – ein "kongenialer" Rapper, laut DRK Poet.

derstandard.at
Eine Strophe aus Vom wundersamen Wundersamen von L.A.R. interpretiert von DRK Poet.

Die lyrische Interpretation von Raptexten schließt mit der Lesung von Trishes, dem Menschen zur Stimme, die seit nunmehr 15 Jahren jeden Donnerstagabend auf FM4 gemeinsam mit DJ Phekt die HipHop-Sendung Tribe Vibes hostet. Als "relativ hochdeutsch erzogenes Kind" und nicht "nativer Dialektler" wagt er sich unter anderem an Dreckige Rapz des Mannes, der den Dialektrap dorthin gebracht hat, wo er heute ist und auch in der Ausstellung porträtiert wurde: MC Markee alias Marquis, Marquee, Markee, Tibor Foco, Jack Untawega, Kroko Jack und Teil der aus Linz stammenden HipHop-Band Rückgrat. "Dreckige Raps – I kumm oag, voi streng und fett – Marquee am Megga-Beat – Vasteckts eich ihr Fakes!"

Literatur ins Face

Was bei Walther von der Vogelweide mit (hier ins Neuhochdeutsche übersetzt) "Unter der Linde, auf der Heide, wo unser beider Bett war, da werdet ihr finden Blumen und Gras, beides abgeknickt. Vor dem Wald in einem Tal, tandaradei, schön sang die Nachtigall" schön umschrieben wird, wird im HipHop meist etwas direkter angesprochen und kommt auch ohne Metaphern aus. Die Metapher im HipHop wiederum lebt vom Kontext. Liest beispielsweise The unused word den Sexorcist von Necro, hebt sie den frauenverachtenden Text aus seinem Kontext und – lyrisch gelesen – bleibt von "Frauenversteher" Necro nur mehr ein Häufchen Phallus-Komplex übrig.

Die Lesung hat das Bild einer teils derben Komik stark wiedergegeben, der Fokus auf das Thema Sexismus – zwei von vier Lesenden haben es behandelt – hat sich zufällig ergeben: "Das ist auch etwas, das man nicht verschweigen darf, das gibt es und deswegen hat es auch seine Berechtigung hier bei uns auf der Bühne dargeboten zu werden", so David Scheid. "Kuratiert" werden die Texte vom Organisationsteam schon: "Wir haben ein Auge auf die Texte, sodass zum Beispiel nichts arg Rassistisches dabei ist, denn irgendwo ist eine Grenze, wo bis dato aber keiner auf die Idee kam, diese auszureizen", lacht Leonhard Nimmervoll. Vorgegeben wird aber gar nichts: "Das ist immer so ein kleines Überraschungsei, denn nicht einmal wir wissen im Endeffekt, was das jetzt für eine Aussage werden wird, wenn hier jemand steht und Texte neu interpretiert", so Julian Langwiesner.

Musik und Text trennen

HipHop lyrisch zu lesen entschleunigt die Musik und lässt in der Stille Details auftauchen, die dem Bewusstsein mit Beat und Drive völlig entgehen. In der letzten Edition beispielsweise wurde The sound of the police (KRS-One) von Olinclusive gelesen, eine klassische Clubnummer, die durch das Trennen von Text und Musik eine völlig neue Konnotation erfuhr. Die unglaublich politische Aussage des Textes drang hier, den Fokus rein auf den Inhalt, die Aussage gerichtet, bei vielen erstmals durch.

Die Unmöglichkeit, HipHop auf den Beat und die Tanzbarkeit für das Publikum zu reduzieren, wird durch die lyrische Interpretation der Texte klar. Findet der Text hinter den starken Beats und fetten Reimen kein Gehör, verliert er aber niemals seinen Sinn. Es braucht oft nur Ideen wie die Lesungen der Jungs von "Rapper lesen Rapper", um auf die Metaebene des HipHop aufmerksam zu machen.

foto: der standard
Die Street im Reclam-Heft: Rapper lesen Rapper im Artspace des Rabbit Eye Movement.

Mit eigenen Augen sehen

Genauso wie die Lesung neue Blickwinkel auf die Aussagen des HipHop schaffen möchte, so will auch Daniel Shaked im Rahmen seiner Ausstellung The Unseen Brücken schlagen. Der Gründer des österreichischen HipHop Magazins "The Message", stellt erstmals in Österreich Porträts von nationalen und internationalen HipHop-Künstlern in der Galerie des Rabbit Eye Movements aus. Die Idee dieses Schwerpunktes trägt er schon seit einer paar Jahren mit sich herum, gefehlt hat ihm bis dato die passende Location. Die Galerie des Rabbit Eye Movements, rund um den international erfolgreichen Street-Art-Künstler Nychos, hat für Shaked den perfekten Rahmen geboten, seine Werke auszustellen.

Hier schließt sich auch der Bogen um den Titel The Unseen, denn "The Unseen bedeutet nicht nur Fotos, die noch nicht gezeigt worden sind, sondern auch etwas zu zeigen, das unter dem Mainstream-Radar, der in Österreich ja sehr hoch angesiedelt ist, liegt. Sachen, die von der breiten Öffentlichkeit nicht gesehen werden", so Fotograf Shaked. Für ihn ist es die erste Solo-Ausstellung, die als Wanderausstellung konzipiert ist und bald auch ins Ausland wandern soll. Einer der Porträtierten ist der heimische Rap-Produzent, DJ und Komponist Brenk Sinatra, auch der US-Hip-Hopper Melle Mel findet sich unter ihnen. Anderson .Paark, Aphrodelics und Diamond D hängen ebenso an den Wänden des Artspace. Der Schnittpunkt mit der Veranstaltung "Rapper lesen Rapper" und Anlass des gemeinsamen Abends war von vornherein klar: Das reizvolle Spiel mit der Hochkultur.


Rapper lesen Rapper: Fixer Folgetermin im Sommer und Herbst

Daniel Shaked ist Fotograf und Gründer des österreichischen HipHop-Magazins The Message (seit 1997). "The Unseen" ist seine erste Soloausstellung in Wien in der Galerie des Rabbit Eye Movement, bis 11.6.
Portfolio Daniel Shaked

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foto: luiz lima

Fotograf Daniel Shaked im Artspace des Rabbit Eye Movement vor seinen Bildern.

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