Die Odyssee für Schmerzpatienten

27. Mai 2016, 10:21
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Schmerzpatienten sind in Österreich schlecht versorgt – mangels Anlaufstellen dauert es zwei Jahre bis zur Diagnose

Das österreichische Gesundheitswesen steht in dringendem Verdacht, anhaltend zu wenig zur Versorgung chronischer Schmerzpatienten zu tun. "21 Prozent der Menschen haben chronische Schmerzen, sagte der Kärntner Schmerzspezialist Rudolf Likar bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado.

Likar, Chef der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt, führte dramatische Zahlen an: Von 8,4 Millionen Einwohnern in Österreich haben 1,760.000 chronische Schmerzzustände, davon leiden allein 30 Prozent (528.000) an chronischen Rückenschmerzen. 50 Prozent der Frühpensionierungen (264.000) seien wegen chronischer Rückenschmerzen erfolgt.

Bis zu zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes gehen wegen schmerzhaften Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems verloren. "Bei Chronifizierung betragen die direkten Kosten 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro", sagte Likar. Mit den indirekten Kosten (Krankenstände etc.) seien es 5,5 Milliarden Euro.

Langer Weg bis zur Diagnose

Die Versorgungssituation der Betroffenen ist offenbar schlecht. "Chronische Schmerzpatienten gehen im Durchschnitt acht Mal pro Jahr zum Arzt. Die Zeit bis zur Diagnosestellung beträgt 1,7 Jahre plus 1,9 Jahre bis zu einer entsprechenden Behandlung. 18 Prozent der Patienten erfahren keine Diagnosestellung, 23 Prozent keine adäquate Behandlung", sagte der Spezialist.

Pro Jahr bedeutet das in Österreich laut den Daten von Likar auch einen Verlust von rund 660.000 Arbeitstagen durch Krankenstände infolge von schmerzhaften Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems. "Bei chronischen Rückenschmerzen geht die Rückkehrwahrscheinlichkeit an den Arbeitsplatz nach mehr als zwei Jahren Arbeitsausfall gegen Null", sagte Likar. Bei mehr als einem Jahr Ausfall sind es nur noch 20 Prozent der Betroffenen, die an einen Arbeitsplatz zurückkehren, nach mehr als sechs Monaten Ausfall immerhin noch mehr als 50 Prozent.

Dass sich an der Situation in diesem Bereich in Österreich in den vergangenen zwei Jahrzehnten nichts geändert habe, kommentierte der Experte mit der Formulierung: "Das ist schwer traurig." Dabei könne man mit einer multimodalen, langfristigen und individuellen Therapie mit interventionellen Eingriffen (gezielte Schmerzblockaden), adäquater medikamentöser Behandlung und Maßnahmen wie kontrollierter Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren, Ergotherapie viel ausrichten.

Strukturelles Versorgungsproblem

Die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) kritisiert seit Jahren vehement das Fehlen eines strukturierten Versorgungssystems für Patienten mit chronischen Schmerzen in Österreich von entsprechend ausgebildeten Ärzten in der niedergelassenen Praxis über spezialisierte Ambulanzen bis hin zu stationären Einrichtungen. Stattdessen dürften laut ÖSG die Behandlungskapazitäten von den Krankenhausträgern (Bundesländer) immer mehr zurückgefahren werden.

2015 existierten demnach in Österreich an die 40 spezialisierte Schmerzambulanzen. Das waren aus Kostengründen um neun weniger als noch zwei Jahre davor. Kritisiert wurden auch die österreichweit oft langen Wartezeiten auf Untersuchungen via bildgebende Diagnostik (CT, Magnetresonanz). Es gibt auch Klagen über monatelange Wartezeiten auf Termine für spezialisierte Ambulanzen. (APA, 27.5.2016)

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