Obama fordert in Hiroshima eine Welt ohne Atomwaffen

27. Mai 2016, 13:47
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Überlebende des Atomangriffs loben Bereitschaft zu Rede, kritisieren aber fehlenden Inhalt

Hiroshima – Zum ersten Besuch eines US-Präsidenten ist Barack Obama am Freitag in Hiroshima eingetroffen. Zusammen mit Japans Regierungschef Shinzo Abe besucht er die Stadt, die im August 1945 von einer amerikanischen Atombombe zerstört wurde. Der historische Besuch folgt auf den Abschluss des G7-Gipfels in Ise-Shima, das rund 400 Kilometer von Hiroshima entfernt liegt.

Vor seiner Rede legte Obama am Mahnmal für den Atombombenabwurf einen Kranz für die Opfer nieder. Obama schloss kurz die Augen, als er vor dem Mahnmal innehielt. An seiner Seite war Abe, der sich verbeugte.

"Gemeinsame Verantwortung" für die Zukunft

Obama sprach in seiner Rede erneut von seiner Vision einer Welt ohne Atomwaffen, die er in seinem ersten Amtsjahr bei einem Besuch in Prag dargelegt hatte. Es gebe "eine gemeinsame Verantwortung", der Geschichte ins Auge zu schauen und sich zu fragen, wie ein solches Leid künftig verhindert werden könne. Die Atomwaffenstaaten müssten den Mut aufbringen, der Logik der Furcht zu entkommen und eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen.

Friedensforscher hatten Obama schon vor seinem Besuch vorgeworfen, zwar immer wieder von dieser Version zu sprechen, tatsächlich aber an einer Modernisierung des US-Atomwaffenarsenals zu arbeiten.

Keine Entschuldigung

Eine Entschuldigung für den Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki äußerte Obama nicht. Diese war auch nicht erwartet worden, auch weil der US-Präsident schon allein wegen seines Besuchs in Hiroshima zu Hause in die Kritik geraten ist. Im Vorfeld hatte es geheißen, die Rede werde vor allem eine Warnung vor den Gräueln des Krieges sein. "Vor 71 Jahren fiel der Tod vom Himmel, und die Welt veränderte sich", sagte Obama vor zahlreichen Überlebenden des Abwurfs. Wichtig sei, "die Lehren" aus Hiroshima zu ziehen und die Toten des Weltkriegs ehren.

"In dem Bild der aufsteigenden Pilzwolke, die über dieser Stadt aufstieg, werden wir stark an die Widersprüche der Menschheit erinnert", sagte Obama. Wissenschaftliche Entdeckungen und Innovation brächten nicht nur Fortschritt, sondern schüfen auch "immer wirksamere Tötungsmaschinen". Die USA hielten große Arsenale von Atomwaffen. "Aber wir müssen der Logik der Angst entkommen."

Auch Abe äußerte sich nicht konkret zur Vergangenheit. Er betonte aber, der Besuch eröffne Japan und den USA "ein neues Kapitel der Versöhnung". Er würdigt den Besuch als historisch. "Wir schlagen eine neue Seite in unseren Geschichtsbüchern auf", sagte er am Freitag nach einer gemeinsamen Kranzniederlegung am Mahnmal für die Toten des Atombombenabwurfs vor 71 Jahren. Präsident Obama habe mit seinem Besuch "eine schwierige, aber wundervolle Entscheidung" getroffen. Abe steht immer wieder in der Kritik, weil er Japans kriegerische Kolonialvergangenheit verharmlost und stattdessen den Stolz auf die japanische Geschichte betont.

"Mehr als genug"

Mehrere Überlebende, die der Rede in Hiroshima beiwohnten, lobten Obamas Worte. "Ich glaube, die Rede selbst war eine Entschuldigung", sagte etwa der heute 73-jährige Eiji Hattori, dessen gesamte Familie bei der Explosion ums Leben kam. Hattori, der an drei verschiedenen Krebsarten leidet, hatte vor der Rede gesagt, nur eine Entschuldigung könne seinen Schmerz lindern. "Ich fühle mich nun anders, ich hatte nicht erwartet, dass er so weit gehen würde. Auch der 85-jährige Takeo Sugiyama sagte, er sei sehr bewegt von der Rede.

Andere kritisierten, dass Obama keine exakten Schritte angekündigt habe. "Ich fürchte, ich habe nichts Konkretes gehört", sagte etwa Miki Tsukishita (75). "Nur seinem Besuch zu applaudieren, ist nicht genug." Andere merkten an, dass sich auch Japan für den Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor entschuldigen solle.

Große Kluft überwunden

Unmittelbar vor seinem Besuch in Hiroshima hatte Obama das enge Verhältnis zwischen den USA und Japan gelobt. Beide Länder verbinde "eine der größten Allianzen weltweit", sagte er am Freitag auf dem Militärstützpunkt in Iwakuni. Die USA haben rund 47.000 Soldaten in Japan stationiert, Obama sprach vor US-amerikanischen und japanischen Soldaten.

Iwakuni liegt wenige Kilometer von Hiroshima entfernt. Sein Besuch sei eine Gelegenheit, an all jene zu erinnern, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren hätten, sagte Obama in Iwakuni. Er sei zudem ein Beleg dafür, dass auch die größte Kluft zwischen zwei Ländern überwunden werden könne. (red, APA, Reuters, 27.5.2016)

Wissen: Die Stadt Hiroshima

Hiroshima in Japan ist ein weltweites Symbol für Krieg – und für Frieden. Um Japan im Zweiten Weltkrieg zur Kapitulation zu zwingen, hatte die US-Luftwaffe am 6. August 1945 über der Stadt eine Atombombe abgeworfen. Schätzungsweise 70.000 Bewohner starben sofort, rund 70.000 bis 80.000 in den folgenden Monaten. Auch Jahrzehnte nach der Katastrophe leiden und sterben zahlreiche Menschen an den Spätfolgen der atomaren Strahlung. Heute ist Hiroshima auf der Insel Honshu eine Metropole mit etwa 1,1 Millionen Einwohnern, die vor allem für ihre Industrieproduktion bekannt ist. Unter anderem hat die Autofirma Mazda dort eine ihrer Hauptproduktionsstätten. An den Abwurf der Atombombe erinnert der Friedenspark mit der ausgebrannten Kuppel einer Ausstellungshalle als mahnendem Symbol. (red, APA)

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