Resümee zum Abschied: Was wir am Silicon Valley vermissen werden

2. Juni 2016, 06:00
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Vielleicht kontrafaktisch aber einladend: Die Einstellung, dass alle Herausforderungen bewältigbar sind

Das ist der letzte der Berichte aus Stanford, ein Resümee zum Abschied. Vieles werden wir vermissen in Österreich. Zum Beispiel das inspirierende intellektuelle Buffet, welches Stanford anbietet. An einem einzigen Tag gibt es hier mehr hochkarätige Events als in ganz Wien in einer Woche. Die "Third Mission", die gesellschaftliche Wirkung einer Universität über Forschung und Lehre hinaus, ist in Stanford längst Selbstverständlichkeit. Die Stanford-Events reichen von öffentlichen Vorlesungen über Schwarze Löcher bis zu Jazzkonzerten, Kunstausstellungen und Sportveranstaltungen. Stanford bietet mehr als eine normale Universität – was bei dem Vermögen und Budget kein Wunder ist.

Wo Streber kein Schimpfwort ist

Zum Beispiel die smarten Studierenden. Engagement und Intellekt sind mit den Zuständen an österreichischen Universitäten nicht vergleichbar. Schon in der Elementary School lernen die Kids: Mitarbeit in den Klassen ist wichtig, Schummeln und Trittbrettfahren sind kein Kavaliersdelikt. Im Unterschied zu Österreich, wo "Streber" ein Schimpfwort ist und Prüfungsbetrug eine Heldentat, sind hier Einsatzbereitschaft und Ehrlichkeit als Werte internalisiert. Unvorstellbar, dass sich ein Student in Stanford über eine zu hohe Workload beschwert.

Auch jenseits der Universität werden wir in Österreich einiges vermissen: die hohe Qualität der Lebensmittel und der Supermärkte, die eine selbst für Österreich ungewohnte Breite an Bio-Produkten zu vernünftigen Preisen anbieten – TTIP-Kritiker sollten sich das einmal vor Ort anschauen.

Die professionell geführten Schulen mit engagierten Lehrern und innovativen didaktischen Konzepten; und die Qualitätsmedien. Die New York Times informiert nicht nur bestens über das Weltgeschehen, sie hat auch einen einzigartigen Stil und unschlagbaren Online-Auftritt. Für Zeitschriften wie die New York Review of Books, The Atlantic und das öffentliche Radio KQED sucht man in Europa vergeblich Vergleichbares (von der TV-Auswahl einmal ganz zu schweigen).

Demokratie mal anders

Selbst der US-Variante von Demokratie kann ich einiges abgewinnen. Natürlich ekeln wir uns vor dem schrillen, menschenverachtenden und rassistischen Wahlkampf Donald Trumps, obwohl unser Magen durch österreichische Rassismus-Hausmannskost abgehärtet ist.

Andererseits wären Kandidaten wie Bernie Sanders in Europa unmöglich – er finanziert sich den Wahlkampf durch viele kleine Spenden und trat gegen das Establishment an. Das Polit-System ist durchlässiger als bei uns. Und es besticht durch finanzielle Transparenz: Man kann jederzeit abrufen, wer in seinem Wahlkampf wieviel Geld ausgibt, und von wem diese Mittel stammen. Derzeit sind das 216 Millionen Dollar für Hillary Clinton, 183 Millionen Dollar für Bernie Sanders, und zwölf Millionen Dollar für Donald Trump.

Auf www.crowdpac.com bekommt man nicht nur alle aktuellen Zahlen, man kann Kandidaten seiner Wahl auf allen Ebenen des demokratischen Systems finanziell unterstützen und ihnen politische Aufträge mitgeben. Das erinnert zwar an "wer zahlt, schafft an", – Bernie Sanders zeigte aber, dass es perfekt für alternative Politik genützt werden kann. Neue Medien erleichtern das Crowdfunding von Kampagnen und damit die demokratische Offenheit.

Gute Laune und gutes Wetter

Die Freundlichkeit, mit der Menschen hier auf andere zugehen, wird uns fehlen. Schaut man einem Unbekannten in Europa in die Augen, wendet er seinen Blick ab. Tut man das hier, wird man zumindest gegrüßt, meist in einen kleinen Smalltalk verwickelt.

Die US-typische Einstellung, dass alle Herausforderungen bewältigbar sind, mag zwar blauäugig und kontrafaktisch sein, man kann sich aber gut daran gewöhnen. Ich fürchte mich schon wieder vor dem österreichischen "das geht bei uns aber nicht".

Auch an das Wetter im Valley kann man sich leicht gewöhnen, und viele hier meinen, dass das ausgeglichene und frische ozeanische Klima der Hauptgrund ist, warum das Silicon Valley der dynamischste Wirtschafts- und Wissenschaftsraum der Welt geworden ist.

Reger Austausch im Forum

Kurzum: Ich habe viel Verständnis für die Österreicher und Europäer, die sich entschlossen haben, hier zu leben. Uns wird der Abschied schwer fallen – und dann doch wieder leicht: Neben den Freunden – die Qualität sozialer Beziehungen ist in Europa doch eine andere – vermissten wir am meisten die funktionierende Verwaltung und Infrastruktur. Österreich ist ein sehr gut organisierter Staat, das wird aus der Distanz noch deutlicher.

Das Berichten half mir, meine Erfahrungen zu verdichten. Rückmeldungen auf derStandard.at belegen, dass die USA nach wie vor polarisieren: Mal kam der Vorwurf, dass ich kritiklos US-euphorisch bin, dann wieder, dass ich hier alles schlecht mache. Viele Postings waren hilfreich, danke für die wertvollen Rückmeldungen. (Michael Meyer, 2.6.2016)

Michael Meyer leitet das Institut für Non-Profit-Management an der WU Wien und berichtet für den STANDARD über seinen Forschungsaufenthalt in Stanford.

Frühere Teile:

USA: Private Großzügigkeit und öffentliche Armut

Political Correctness: US-Unis auf dem Weg zum Streichelzoo?

Wahlkampf der Datenbanken in den USA

Silicon Valley: Ein Ort der Extreme

  • Smarte Schüler, professionell geführte Schulen, Qualitätsmedien, Erfindergeist und das Wetter – Michael Meyer wird einiges am Silicon Valley vermissen. Die Verwaltung funktioniere in Österreich aber besser.
    foto: basil stüchele

    Smarte Schüler, professionell geführte Schulen, Qualitätsmedien, Erfindergeist und das Wetter – Michael Meyer wird einiges am Silicon Valley vermissen. Die Verwaltung funktioniere in Österreich aber besser.

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