Roms Bürgermeisterwahl wird zur Jagd nach dem Fettnapf

26. Mai 2016, 18:47
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Die Kandidaten für das römische Bürgermeisteramt überbieten einander im Wahlkampf mit peinlichen Darbietungen

Den Anfang hatte Alfio Marchini gemacht, der von Silvio Berlusconi unterstützte Kandidat der bürgerlichen Rechten: Sein Sohn sei nach einem Unfall nur deshalb wieder aus dem Koma erwacht, weil er niemals Cannabis konsumiert habe, erklärte er in einer Talkshow. Danach beherrschte das berauschende Thema tagelang den römischen Wahlkampf: Keine Kandidatin, kein Kandidat kam umhin, dem Publikum die eigene Erfahrung oder Nicht-Erfahrung mit Haschisch kundzutun und sich als Legalisierungsgegner oder -befürworter zu verorten.

Nicht, dass die Freigabe sogenannter weicher Drogen nicht eine relevante politische Frage wäre – nur hat sie wenig mit den wirklichen Problemen der Stadt zu tun. Vor allem aber wird es nicht der nächste Bürgermeister Roms sein, der über eine Legalisierung der Joints befinden wird – das fällt in die Kompetenz des nationalen Parlaments, das derzeit andere Prioritäten hat. Die wirklichen Probleme Roms: tägliches Verkehrschaos, jämmerlicher öffentlicher Verkehr, allgegenwärtiger Dreck, milliardenhohe Verschuldung, schleichende Ausbreitung mafiöser Strukturen, völlige Gleichgültigkeit der Behörden gegenüber jeglichem Regelverstoß.

Natürlich wäre es ungerecht, den Kandidatinnen und Kandidaten vorzuwerfen, sie redeten ausschließlich über das Kiffen. Virginia Raggi, die Kandidatin von Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung, hat am Wochenende einen Kongress über Müllentsorgung organisiert. Während der Tagung verbreitete sich im Saal die Nachricht, dass draußen Verkehrspolizisten zu Gange seien. Es gab Panik, als handelte es sich um eine Bombendrohung: Zuhörer und Podiumsteilnehmer rannten hinaus, um ihre Autos umzuparken. "Es ist beruhigend zu sehen, dass es sich auch bei den Reinen und Gerechten, als die sich die ,Grillini' in Szene setzen, um normale Menschen handelt", spottete die Zeitung La Stampa.


Mit dem Ferrari in den Abgrund

Spott erntete auch Marchini. Der schwerreiche Baulöwe steht vor dem Problem, einen Ferrari zu besitzen, aber zugleich auch jene Römer überzeugen zu müssen, die sich nur eine Monatskarte für die städtische Metro leisten können. Also begann der Kandidat, mit einem Fiat Panda zu Auftritten zu fahren. Das machte sich zunächst ganz gut – bis Marchini auf einer Raststätte an Roms Ringautobahn bei einem Autotausch beobachtet wurde: Er übergab den Fiat seinem Chauffeur, der dort mit dem Ferrari gewartet hatte. Die Episode kostete den zuvor keineswegs Chancenlosen in den Umfragen 10 Prozent.

Auch zwei Enkelinnen des früheren Diktators Benito Mussolini mischen im Wahlkampf mit: Die Europa-Abgeordnete Alessandra Mussolini unterstützt Marchini, ihre Halbschwester Rachele die post faschistische Kandidatin Georgia Meloni. Diese hat Anfang der Woche mit einem Vorschlag Aufsehen erregt, auf den die Römer ebenfalls nicht wirklich gewartet haben: Sie will im Fall ihrer Wahl eine Straße nach Giorgio Almirante benennen, der nach dem Sturz Mussolinis die faschistische Nachfolgepartei MSI gegründet hatte. Nach dem Ferrari-Lapsus Marchinis hat sie dennoch Chancen, es am 5. Juni in die Stichwahl zu schaffen – zusammen mit Raggi, der Favoritin. (Dominik Straub aus Rom, 26.5.2016)

  • Falsch parkende Anhänger: Virgina Raggi, Kandidatin der Fünf-Sterne-Bewegung.
    foto: reuters / tony gentile

    Falsch parkende Anhänger: Virgina Raggi, Kandidatin der Fünf-Sterne-Bewegung.

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