Architektur-Biennale: Asyl für die soziale Ader der Architekten

26. Mai 2016, 20:59
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Heute wurde in Venedig die 15. Architektur-Biennale eröffnet. Unter dem Generalmotto "Reporting from the front" geht es ziemlich sozial zu. Mal clever, mal peinlich. Österreich befasst sich mit Wohnorten für Flüchtlinge

Und plötzlich stürzen 20 Scheinwerferkegel durch die Decke. Es ist ein bisschen wie Wald ohne Bäume. Mit der Arbeit Lightscapes, sagt Kuratorin Anja Thierfelder, die die Installation gemeinsam mit dem deutschen Klimabüro Transsolar konzipierte, wolle sie uns die natürlichen Ressourcen ins Gedächtnis rufen, jene Eigenschaften also, die es überall gibt und die man so gern übersieht. Lightscapes ist nicht zuletzt eine Generalprobe für jene durchlöcherte Kuppel, die in Jean Nouvels Louvre-Ableger in Abu Dhabi realisiert werden soll, Fertigstellung Ende des Jahres.

Die Lichtkegel, eines der beliebtesten Fotomotive der 15. Architektur-Biennale in Venedig, die gestern, Donnerstag, offiziell eröffnet wurde, fügen sich wunderbar in das Generalmotto des diesjährigen Biennale-Direktors Alejandro Aravena: Reporting from the front. "Mit diesem Thema möchte ich jene Menschen zu Wort kommen lassen, die direkt von der Front berichten und uns, die wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen, eine neue Perspektive auf das Bauen geben können", sagt der chilenische Architekt und Pritzkerpreisträger. Der Fokus richte sich dabei auf Soziales, Politisches, Wirtschaftliches, Ökologisches.

Unpackbar vorhersagbar

So ganz leicht fallen die sozialen und politischen Themen den Architekten allerdings nicht. Anders kann man sich nicht erklären, warum ein erheblicher Teil der Länderbeiträge und der von Direktor Aravena direkt beauftragten Werke so unpackbar vorhersagbar daherkommt. Die einen zelebrieren ihre Kisten, Container und Notunterkünfte, als ob das längst als "Emergency Design" bekannte Tätigkeitsfeld eine Neuerfindung dieser Biennale wäre, die anderen schwingen die Ethnokeule, dass es fast schon wehtut – mitsamt Ureinwohnerlein (Corderie, Arsenale) und Holzpuppenspiel zum Kurbeln (Rumänien-Pavillon).

Umso erfrischender sind die intelligenten Beiträge, die einem mehr als ein Augenrollen entlocken. Deutschland widmet sich unter dem Titel Making Heimat dem Phänomen des Ghettos, Japan bleibt seiner Tradition treu und befasst sich mit den Wohnformen nach dem Erdbeben 2011, Irland erstellt Spielregeln im Umgang mit Demenzkranken, Kanada stellt mit seiner brutalen Bodenausbeutung die eigene Regierung an den Pranger, die Niederlande fragen sich, warum die Camps der weltweiten UN-Friedensmissionen so grauenvoll ausschauen, und Skandinavien schickt sich gleich selbst in Therapie, direkt auf Freuds Couch, um die eigenen Probleme zu analysieren.

"Menschenwürdiges Zusammenleben"

Auch Österreich hat es auf die soziale Seite verschlagen. Kuratorin Elke Delugan-Meissl lud zwei Designstudios und zwei Architekturbüros ein, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man Flüchtlingen die ersten Wochen und Monate in Österreich erleichtern kann. Unter dem Titel Orte für Menschen wurden in Wien drei leerstehende Bürobauten aus den Achtzigerjahren wohnbar gemacht – mit teils simplen, teils klugen, teils verkopften Ideen.

"Der diesjährige Beitrag Österreichs hat sich zum Ziel gesetzt, neue und innovative Architekturlösungen für Menschen in laufenden Asylverfahren aufzuzeigen", sagte Kunst- und Kulturminister Thomas Drozda bei der Eröffnungspressekonferenz und bezeichnet das Projekt als "zukunftsweisenden Ansatz", der "Räume menschenwürdigen Zusammenlebens" in den Mittelpunkt rücke. Allein, von den Wiener Aktionen kriegt man in Venedig nur fotografische und filmische Bruchstücke mit.

"Man darf Architektur nicht auf die Formensprache x, y, und z reduzieren, daher wollte ich auch keine fertigen Projekte zeigen, sondern Prozesse abbilden", sagt die Kuratorin. "Natürlich erschließt sich das einem nicht sofort. Man muss sich damit schon auseinandersetzen." Ob die Biennale dafür der geeignete Rahmen ist, sei dahingestellt. Immerhin: "Das Wichtigste ist für mich, dass man die Berührungsängste ablegt und die Emotionen mit nach Hause nimmt", so Delugan-Meissl. Und sei es in Form eines DIN-A1-Fotoposters zum Einpacken. (Wojciech Czaja aus Venedig, 26.5.2016)

  • Architektur aus einer neuen Perspektive, das war der Wunsch des diesjährigen  Biennale-Direktors Alejandro Aravena. Zu sehen gibt es viel. Zum Wegschauen auch.
    foto: anna blau

    Architektur aus einer neuen Perspektive, das war der Wunsch des diesjährigen Biennale-Direktors Alejandro Aravena. Zu sehen gibt es viel. Zum Wegschauen auch.

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