Wahlentscheidung: Die Zerreißprobe

Kolumne26. Mai 2016, 18:07
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Die Hysterie, mit der seit Sonntag eine Zerrissenheit Österreichs medial zelebriert wird, liefert Anlass zur Nachdenklichkeit

Ist eine Nation, die eine Wahlentscheidung mit 50,3 zu 49,7 Prozent trifft, wirklich um so viel zerrissener, als sie es bei Ergebnissen von 51,1 zu 48,9 Prozent (Schärf), 50,7 zu 49,3 Prozent (Jonas) oder 52,4 zu 47,6 Prozent (Fischer) war? Es ist nicht die rechnerische Knappheit des Ergebnisses, sondern die Hysterie, mit der seit Sonntag daraus eine tiefe Zerrissenheit Österreichs abgeleitet und medial zelebriert wird, die Anlass zu Nachdenklichkeit liefert. Wobei sich als erste Frage aufdrängt: Wem nutzt die Zerreißprobe?

Früher ging man nach einer Bundespräsidentenwahl – mehr oder weniger glücklich – zur Tagesordnung über, diesmal wird der Eindruck geschürt, es liege ein Irrtum vor und der entscheidende Kampf um die Macht im Lande stünde nun erst recht bevor. Es ist natürlich die FPÖ, die diese alarmistische Stimmung schürt, und sei es nur, um zu kaschieren, dass selbst unter Straches genialer Führung knapp daneben eben auch daneben ist.

Schon hatte er sich zum Wiener Bürgermeister ausgerufen, schon hat sich Hofer ohne jeden Respekt vor dem Wählerwillen öffentlich zum Bundespräsidenten, über den man sich noch wundern wird, erklärt – machten die Wählerinnen und Wähler trotzdem nicht mit, wird nun eben der Kampf um die Kanzlerschaft proklamiert. Immer kann sich das Volk doch nicht irren! Oder Verschwörung.

Die zweite Frage wäre: Wie kommt man von dieser Hysterie wieder weg? Einen ersten, leider aber nur scheinbar guten Beitrag hat dazu Strache selber geliefert. Er hat sich von jenen seiner "Freunde und User" auf Facebook distanziert, die auf ein demokratisches Wahlergebnis mit Beschimpfungen, Vergewaltigungsfantasien und Drohungen gegen den gewählten Kandidaten reagierten. Da macht sich einer aus dem Staub, den er jahrelang aufgewirbelt hat.

Aus Sorge, einer von denen, die "völlig unangemessen reagiert und Kommentare hinterlassen haben, die mit dem Respekt gegenüber der Demokratie völlig unvereinbar sind", könnte seinen Fantasien freien Lauf und ihn als geistigen Anstifter erscheinen lassen, zieht der FP-Obmann – nach der Wahl! – die Notbremse. Die plötzliche Erleuchtung hat eher taktische Gründe und weniger solche eines neuen Anstands. Das Internet wird in der nächsten Zeit erweisen, welchen Einfluss Strache auf seine "Freunde" hat.

Die Gräben zuzuschütten, wird nun allgemein verlangt, und diese Aufgabe dem neuen Bundespräsidenten umgehängt. Der wird sicher seinen Beitrag dazu leisten, aber es ist dies eine Aufgabe, die vor allem denen zukäme, die die Gräben aufgerissen haben und mit der fortgesetzten Beschwörung der Zerrissenheit offen halten wollen. Van der Bellens Erklärung, keinen Bundeskanzler anzugeloben, der Österreichs Austritt aus der EU propagiert, war nur jenes klare Wort, zu dem ein ehrlicher Kandidat den Wählern verpflichtet ist, auch wenn Strache das als Ausgrenzung verleumdet.

Gräben zuzuschütten wird auch an der renovierten Regierung liegen, in einer Zusammenarbeit neuen Stils, der öffentlich macht, dass es Besseres gibt, als die Übernahme populistischer Konzepte und eine engstirnige Anbetung von Heimat zulasten der humanitären Traditionen Österreichs. (Günter Traxler, 27.5.2016)

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