Kanzler und Vizekanzler sprechen im Radio "Klartext": Schöne Aussichten

26. Mai 2016, 17:13
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Im Ö1-Studio wechselte die Regierungsspitze eloquent die literarische Inspirationsquelle: auf den Zauber Hesses folgt der Wille Schopenhauers

Ein Beitrag zur Streitkultur hätte es werden sollen, als der Bundeskanzler und sein Vize im Radiokulturhaus zum Thema "Wende oder Ende?" zu Gast waren, um ebendort Klartext zu sprechen. Man hätte zwar auch über ORF 3 live dabei sein können, um der Regierungsspitze beim "Überzeugungsdialog" (Kern) zuzuhören. Man entschied sich aber fürs Radio. Und das erwies sich dann auch als die richtige Entscheidung, weil große Worte ihre Wirkung immer noch am besten entfalten, wenn man dabei nichts zu sehen bekommt.

Philosophie für den Tag

Die großen Zukunftsthemen des Landes wurden also besprochen, oder, wie Mitterlehner es formulierte, "man muss auf den Kern kommen der Probleme". Selbiger nahm es mit Humor und stellte dem Partner frei, sich nicht zurückzuhalten: "Diese Wortspiele kenne ich seit der Volksschule." Man hätte es am liebsten ins Radio gerufen: Was ewig währt, wird selten gut. Doch plötzlich wurde man hellhörig: Denn zwischen all den Problemen, die das Land überschwemmen, bildeten Literatur und Philosophie kleine Inseln, an denen neuerdings die Dichter, Denker und Djangos zauberhaft anlegen.

Der Wille zählt

Und spätestens als der Kanzler Schopenhauer zitierte – Shakespeare war zu diesem Zeitpunkt schon durch –, wusste man: Hier beginnt tatsächlich eine neue Ära. "Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will", schrieb Schopenhauer. Kein schlechter Leitgedanke für ein Regierungsprogramm, möchte man meinen. Doch wehe dem, der zu hoch hinaus will! Denn wie schrieb der Philosoph bei der Besteigung der Schneekoppe? "Immer verkleinerte sich die Aussicht, je tiefer wir kamen."(Michael Pekler, 27.5.2016)

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    foto: apa
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