Angela Gheorghiu: Sing mir ein Lied in Rot

26. Mai 2016, 15:26
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Umjubeltes Galakonzert der rumänischen Sopranistin bei den "Great Voices"

Wien – Der klassische Liebhaber großer Stimmen hat es nicht leicht: Will er diese in echt hören, muss er meist in die Oper gehen. Wie lange so eine Oper oft dauert! Und diese Inszenierungen: entweder völlig verstaubt oder viel zu modern! Und dann singen neben der einen großen Stimme, deretwegen man gekommen ist, noch ein paar mittlere Stimmen mit, sogar einige kleine. Ja, will man sich das denn wirklich antun?

Dann doch lieber in ein Galakonzert. Da bekommt man zehn Arien zum Preis von einer Opernkarte und hört nur die große Stimmkünstlerin, die man erleben möchte: Angela Gheorghiu, zum Beispiel. In der Staatsopern-Tosca musste man sich jüngst doch glatt zwei Mal E lucevan le stelle von Jonas Kaufmann anhören, bevor man die großartige Diva mit Verspätung endlich wieder zu Gesicht bekam! Zu ihrem von der Universal-Group veranstalteten Konzert der Reihe Great Voices im Konzerthaus erschien die Rumänin hingegen rechtzeitig und sang auch keine einzige Arie doppelt.

Üppig, weich und edel

Und, ach, sie war wundervoll. Auch im Spätsommer ihrer Weltkarriere ist Angela Gheorghius Sopran immer noch der pure Luxus: üppig, weich und edel. Ihre Spitzentöne – etwa bei L'altra notte in fondo al mar aus Boitos Mefistofele oder bei Pleurez mes yeux aus Massenets Le Cid – waren groß, satt glänzend und nobel gefasst. Ihre Tiefe war kraftvoll und dunkel. Und dazwischen: auch alles ganz, ganz toll.

Zu Beginn des Konzerts sang sie sich mutig mit Händels heiklem Hit Lascia ch'io pianga ein – für die nicht gerade als Barockspezialistin bekannte Sängerin mutig. Es folgten weitere Klagen über Leid, Einsamkeit und amouröse Kümmernisse, doch wehklagt kaum jemand auf schönere Weise als Gheorghiu, so etwa bei Manons Adieu notre petite table. Dass sie Liebe und Lust auch zu genießen versteht, demonstrierte die 50-Jährige mit Carmens Habanera, die sie mit Spielfreude und einundfünfzig Schattierungen von Sinnlichkeit präsentierte.

Textiles Feuerwerk

Als wäre diese vokale Vielfältigkeit noch nicht genug, fackelte Gheorghiu auch noch ein textiles Feuerwerk ab, das den männlichen Besuchern den Atem raubte: Auf ein rückenfreies langes Schwarzes mit Glitzerlatz folgte ein Flatterkleid in flammendem Rot, mit einem Traum in Gold wurde finalisiert.

Von alldem ließ sich Tiberiu Soare zum Glück nicht groß beeindrucken: Gheorghius Landsmann leitete die engagiert musizierende Bohuslav Martinu Philharmonie mit Präzision und Verve; beim Intermezzo aus Puccinis Manon Lescaut etwa wartete der Klangkörper mit guten Solostreichern und solidem Pathos auf. Zum Abschluss beschenkte Gheorghiu das Publikum mit drei Zugaben, darunter ein wundervoll ebenmäßiges O mio babbino caro von Puccini. Nach elf Arien gingen 1800 Liebhaber großer Stimmen beglückt nach Hause. (Stefan Ender, 26.5.2016)

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