Kulturkrieg in den Toiletten North Carolinas

Reportage26. Mai 2016, 15:20
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Ein Gesetz gegen Transgender-Personen spaltet North Carolina. Gegner sehen Zusammenhänge mit der Präsidentenwahl, Befürworter zitieren die Bibel

Es ist morgens um halb zehn, als Alexis Dinyovszky zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Sie muss aufs Klo, und da sie sich als Frau fühlt, geht sie auf die Damentoilette. In der Höhle des Löwen, dem Parlament North Carolinas, das mit drakonischen Gesetzen verfügte, dass es Ausnahmen nicht geben darf: dass eine Transgender-Frau wie Alexis Dinyovszky aufs Männerklo muss, weil sie als Mann geboren wurde.

Der Testfall auf den Fluren der General Assembly endet völlig unspektakulär. "Niemand hat sich darum geschert", sagt Alexis Dinyovszky. "Es war, wie es immer war." Nie habe sie Ärger bekommen in den fünfzehn Jahren, in denen sie nun schon aufs Frauen-WC geht, in Restaurants, in Museen, auf Flughäfen. Schon deshalb versteht Alexis Dinyovszky ihn nicht, den Sinn von HB2.

Klage der Bundesstaaten

Die House Bill Nr. 2, eine Novelle des Repräsentantenhauses North Carolinas, wurde Ende März im Eilverfahren durchgesetzt. Seitdem beschäftigt sich das ganze Land so intensiv mit Toiletten, wie es nicht mehr der Fall gewesen ist, seit Elvis Presley auf einer starb. Der Online-Zahlungsdienstleister PayPal hat auf den Bau einer neuen Operationszentrale in North Carolina verzichtet, die Deutsche Bank legte eine geplante Personalaufstockung auf Eis, während die Handelskette Target wissen ließ, dass HB2 in ihren Kaufhäusern nicht gelte. Worauf eine Initiative evangelikaler Christen eine Petition in Umlauf brachte, die dazu aufrief, Target zu boykottieren.

Diese Woche reichten elf US-Staaten – unter der Führung von Texas – Klage gegen die Bundesregierung ein. Washington will, dass Transgender-Personen an Schulen die freie Toilettenwahl haben. Szenen eines Kulturkriegs.

foto: reuters / jonathan drake
Protestaktion gegen das umstrittene Transgender-Gesetz auf der Toilette eines Hotels in der Stadt Durham. Die im März von North Carolinas Repräsentantenhaus beschlossene House Bill Nr. 2 spaltet die Einwohner.

Alte Südstaaten-Strategie

Vor dem Geschichtsmuseum in Raleigh, der Hauptstadt North Carolinas, haben sich an einem Montag im Mai Gegner von HB2 zum Protest versammelt, angeführt von William Barber, einem afroamerikanischen Geistlichen, dessen kräftige Baritonstimme eigentlich kein Mikrofon bräuchte. "Hate Bill 2" steht auf Postern: Statt Toleranz zu fördern, werde Hass gesät.

Im Interview spricht Barber von der alten Südstaaten-Strategie der Konservativen, vom Versuch, mit emotional aufgeladenen Themen einen Keil zwischen die Menschen zu treiben. "In Zeiten der Rassentrennung haben sie gesagt, du kannst schwarze Männer nicht in die Büros lassen, in denen unsere weißen Frauen sitzen, unsere Frauen schweben sonst in Gefahr. Heute sind es die Transgender-Leute, die sie ins Visier nehmen, um Hysterie zu schüren."

November-Politik nennt Barber das, mit Blick auf das Präsidentschaftsvotum am 8. November, bei dem das lange Zeit stramm republikanische, inzwischen liberaler gewordene North Carolina zu den Staaten zählt, in denen es auf der Kippe steht. "Der Süden ist nicht mehr der Süden", bringt es Barber auf eine prägnante Zeile. Weshalb HB2 für ein verzweifeltes Aufbäumen der Good Ol' Boys stehe, der alten Seilschaften.

Vor verschlossenen Türen

Tags darauf ziehen die Engagiertesten unter den Verfechtern der Toleranz in Fünfergruppen zur Volksversammlung, um Abgeordneten ins Gewissen zu reden, von Angesicht zu Angesicht. Nur dass Ted Frazer, einer der Organisatoren, schon vorher ahnt, dass die Abgeordneten keine Zeit haben werden. Erste Station, Zimmer 1307, Howard Hunter III: leider in einer ganz wichtigen Besprechung. Zweite Station, Zimmer 510, Larry Bell: leider gerade beim Lunch. "Immer das Gleiche, überall verschlossene Türen", klagt Sue Ellen Horwitz, bevor sie anstelle Bells dessen Sekretärin erzählt, welche Seelenqualen ihre Enkeltochter gerade durchleidet.

Geboren im Körper eines Buben, wechselt sie im September von der Volks- auf die Mittelschule. In der alten Klasse war sie von allen als Mädchen akzeptiert, die Sache mit der Toilette kein Thema mehr. Wie es in der neuen sein wird, lässt Sue Ellen Horwitz nachts nicht mehr ruhig schlafen. Werden Eltern ihre Kinder anstacheln, nur ja darauf zu achten, dass die Elfjährige im Burschenkörper aufs Burschenklo geht? Wird sie gehänselt? HB2, sagt Sue Ellen Horwitz, habe nur Probleme geschaffen, "es hat einen Feuersturm entfacht, den es vorher nicht gab". Als ob ein Parlament nicht wichtigere Dinge zu regeln hätte, fügt sie Augen rollend hinzu.

Noch etwas stört die kleine, energiegeladene Frau an HB2: dass sich hinter dem Toiletten-Etikett Passagen verbergen, die mit der Materie an sich nichts zu tun haben. Gegen Diskriminierung jeglicher Art, auch am Arbeitsplatz, darf man nicht mehr vor einem Bundesstaatengericht North Carolinas klagen, sondern nur noch vor einem Bundesrichter, was aufwendiger ist und meist teurer. Und keine Stadt in North Carolina darf den Mindestlohn erhöhen, derzeit 7,25 Dollar, solange der Staat die Anhebung nicht flächendeckend beschließt.

foto: frank herrmann
John Amanchukwu hält das Transgender-Gesetz für richtig.

Im Namen der Bibel

John Amanchukwu, Direktor der Upper Room Christian Academy, einer christlichen Schule, hat sich auf den Besuch des Reporters vorbereitet. Auf dem Schreibtisch liegt eine aufgeschlagene Bibel, aus der er irgendwann vorlesen wird, dass Gott nur zwei Geschlechter geschaffen habe, ein männliches und ein weibliches. Daneben eine Liste mit den Künstlern, die aus Protest gegen HB2 Auftritte abgesagt haben. Ringo Starr, Bruce Springsteen, Michael Moore, um nur drei zu nennen. Sie könnten absagen, soviel sie wollten, gibt Amanchukwu zu verstehen, es ändere nicht, dass dies ein richtiges Gesetz sei. So etwas wie Transgender gebe es nicht.

Dann wettert er gegen Caitlyn Jenner, einst Bruce Jenner, den Zehnkämpfer, der olympisches Gold gewann. "Du kannst dir eine Perücke aufsetzen, dir die Lippen schminken, dir falsche Wimpern ankleben, aber kannst du auch gebären? Siehst du, Gott hat dich nicht als Frau erschaffen."

Wer Probleme mit seiner Identität habe, dürfe einfach nicht auf die Stimmen in seinem Kopf hören, "Stimmen, die dir einreden, etwas zu sein, was du nicht bist". Amanchukwu hat dunkle Haut, seine Brille lässt an Malcolm X denken. Er ist 31 Jahre alt und Jugendpfarrer in einem Wohnviertel, dessen Kinder zu siebzig Prozent bei nur einem Elternteil aufwachsen, oft, weil die Väter im Gefängnis sind. Es stimmt also nicht, das Klischee, wonach es nur die alten, weißen Männer sind, die sich gegen die Transgender-Freiheiten wehren.

foto: frank herrmann
Alexis Dinyovszky erfuhr 2004, dass sie nicht allein ist.

"Das bin nicht ich"

Perücke tragen, Lippen schminken, Frauenkleider allein deshalb anziehen, weil es sexuelle Stimulierung verspricht: "Das bin nicht ich", sagt Alexis Dinyovszky. "Ich habe den Körper eines Mannes einfach nicht als den richtigen empfunden." Mit 21 heiratet der Mann, der damals noch John Dinyovszky heißt. Zwei Jahre später offenbart er sich, nur seiner Frau, niemandem sonst. Sie bleibt bei ihm, obwohl sie zunächst das Gefühl hat, bei der Hochzeit hinters Licht geführt worden zu sein.

Eine Tochter wird geboren, John gründet eine kleine Firma, spezialisiert auf Küchen, und hat so viel zu tun, dass er das Transgender-Thema verdrängt. 2001, im Alter von 49 Jahren, kommt er endgültig aus der Deckung. Bald darauf ändert er seinen Vornamen, es folgt eine Reihe von Operationen: Brustimplantate, vollere Lippen, weiblichere Gesichtszüge.

2004 hört Alexis Dinyovszky von einer Transgender-Organisation namens Southern Comfort, besucht einen Kongress und lernt, dass es anderen ähnlich geht wie ihr. "Die schwierigste Frage ist, was dies nun aus mir macht. Bin ich lesbisch? Bin ich schwul? Was bin ich überhaupt? Ganz ehrlich, ich habe keine Antwort darauf." (Frank Herrmann aus Raleigh, 26.5.2016)

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