"Der Pirat im Kleiderschrank": Konsumschlacht in der Zentrifuge

26. Mai 2016, 16:41
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Thomas Birkmeirs Stück im Renaissancetheater

Wien – Der kleine Gunnar (Stefan Rosenthal) teilt das Schicksal vieler aufgeweckter Kinder. Er lebt mit der Mama ganz dem Andenken seines verstorbenen Vaters. Er wird wegen seines Namens gehänselt und flieht darob in die Bezirke der Einbildungskraft.

Wir befinden uns im Theater der Jugend. Dort, im Renaissancetheater, hat Thomas Birkmeir sein eigenes Stück Der Pirat im Kleiderschrank inszeniert. Jung und Alt werden in eine verblüffende Bilderzentrifuge geworfen, und wir verdanken es der stupenden, kaum altersgerechten Bildung Gunnars, dass wir Theseus und Minotaurus begegnen, sodann einem autokratischen Maharadscha, der samt Turban Purzelbäume schlägt, im weiteren Fortgang der Handlung sogar einer gewissen Marie Antoinette (Julia Edtmeier mit vorstädtischem Biss).

Damit nicht genug. Des Buben nächtliche Fantasiereise nimmt durch die Bekanntschaft mit einem waschechten Piratenkapitän (Uwe Achilles) überhaupt erst ihren Anfang. Eine Zauberkugel dient als Antriebsaggregat. Und weil die Schauplätze allerliebst sind, bemächtigt sich eine famose Spiellust des Ensembles.

Delikate Details

Nie hat ein antiker Held bezaubernder sein Coming-out als schwuler Friseur gefeiert denn der blondgelockte Theseus Florian Stohrs! Ein delikates Detail jagt das nächste, und historische Vorurteile werden nachdrücklich abgebaut. So die Wundermär vom mildtätigen Wirken Robin Hoods im Wald von Sherwood. Sein Jobprofil lautet: gewöhnlicher Strauchdieb.

Alles wäre somit eitel Wonne auf Hans Kudlichs Bühne, die sich vom Beamer fein mit Bildern bewerfen lässt. Birkmeirs Detailbeflissenheit zeitigt ein anderes kleines Problem. Der blitzsaubere Intellekt Gunnars unterbindet sehr nachhaltig alle Gefühle von Empathie mit der Halbwaise.

Hübsch, aber schlapp

Auch sonst gilt: Die hübschen Einfälle hängen an der (schlappen) Fabel wie zu viele Kugeln am dürren Weihnachtsbäumchen. Ein unschönes Völlegefühl bemächtigt sich recht früh des Zuschauers. Obendrein demonstriert Birkmeir ein bei ihm ungewohntes Hipstertum. Von Nintendo bis Captain Sparrow wird herangeschafft, was die Kulturindustrie für ihre kleinsten potenziellen Konsumenten vorsorglich im Angebot führt. Bei aller Ironie also: ein Hochfest der Affirmation.

Wie man mit sparsamsten Mitteln eine Fabel in den Himmel hebt, das hat Birkmeir mit Tschick nach Herrndorf doch erst vor kurzem eindrucksvoll bewiesen. Kleiner ist schöner. Den jungen Fans gefiel es trotzdem. (Ronald Pohl, 26.5.2016)

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