"Asphalt Hyänen": Über mein neues Buch und die Angst, es zu verlegen

Glosse27. Mai 2016, 09:01
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Die erste umfassende Beschreibung der blutigen Geschehnisse auf dem Asphalt von Beograd zwischen 1991 und 2003

Die Leser mögen mir verzeihen, wenn ich zuerst Kollegin Steffi Sargnagel dazu gratuliere, dass sie zur Bachmann-Lesung eingeladen ist. Unsere gemeinsame Lesereise durch Deutschland liegt mir noch immer im Magen. Eine Beschreibung dieser Reise findet man hier, betitelt "Babylon Berlin".

Dass ich mein neues Buch gleich selbst bespreche (und selbst verlege), liegt am Thema. Es ist einerseits spezifisch und andererseits doch universal: Balkan-Gangster. Dazu gibt es im deutschsprachigen Raum kaum Publikationen. Mit "Asphalt Hyänen" liefere ich die erste umfassende deutschsprachige Beschreibung der blutigen Geschehnisse auf dem Asphalt von Beograd während der langen serbischen Nacht zwischen 1991 und 2003. Als langen Essay. Balkansky-Style. Weil ich ein Autor bin.

Die Angst

"Asphalt Hyänen" erscheint im Selbstverlag. Das ist drei Umständen zu verdanken. Die meisten Journalisten in Serbien meiden das Thema "Balkan-Gangster". Aus Angst. Die wenigen serbischen Journalisten, die trotzdem darüber schreiben, müssen manchmal unter Polizeischutz leben, nicht selten jahrelang, wie die Journalistin Brankica Stanković, die von einem serbischen Drogenkartell bedroht wird. Der zweite Umstand ist, dass diese Angst wohl bis nach Wien reicht. Man bittet mich, mein Buch selbst zu verlegen, weil man Racheakte der im Buch besprochenen Gangster und Geheimdienstler befürchtet. Für diese Bitte habe ich volles Verständnis.

Zumal – und das ist der dritte Umstand – Angst durchaus berechtigt ist, wenn es sogar in Österreich bereits geschieht, wie zuletzt in Graz 2015, dass Autoren ihr Buch nur unter Polizeischutz öffentlich präsentieren können.

Für mich allerdings nehme ich die einzige Freiheit der Habenichtse in Anspruch, die jeder Autor haben sollte: keine Angst haben zu wollen. Schon gar nicht vor Verbrechern, die keine Bücher lesen. Oder nur ein einziges. Wir wissen es eh: Wer in Angst lebt, stirbt tausend Tode. Wo einer doch reicht.

Der Krieg im Schatten

Die Berichterstattung über die Jugoslawien-Kriege deckt ein anderes Gemetzel zu, weitab von den Fronten des Krieges, den Granatierungen und den Kriegsverbrechen. Es ist ein Krieg, der vor den Augen der Bewohner von Beograd (und ganz Serbiens) stattfindet und nicht minder brutal ist als der "echte" Krieg, in dessen Schatten Beograd und ganz Serbien zur Spielwiese der Belgrader Clans werden. Zwischen 1991 und 2003 erlebt die Stadt zwei große Gangsterkriege, über 300 Morde aus dieser Periode allein in Beograd sind bis heute ungeklärt.

Das letzte und prominenteste Opfer ist der Regierungschef Serbiens, Zoran Đinđić, der am 12. März 2003 vor dem Parlament erschossen wird. Die Attentäter sind Angehörige einer Spezialeinheit der Staatssicherheit (JSO) und ganz gewöhnliche serbische Kriminelle: Drogenhändler, Mörder und Vergewaltiger. An diesem sonnigen Märztag geschieht also mitten in Europa etwas, das wir nur aus der Putschkultur Afrikas oder Lateinamerikas kennen. Wie kann es geschehen, dass ehemalige Autodiebe und Einbrecher zusammen mit Teilen des Geheimdiensts ein europäisches Land mehr als ein Jahrzehnt lang plündern und mit kriminellem Terror überziehen und einen europäischen Regierungschef ermorden?

Die Erbschaft

Wer die Story von den serbischen Gangstern der 90er erzählen will, kann sie auf folgendes Treatment verdichten: Als 1986 Slobodan Milošević den Thron des Zentralkomitees der KP Serbiens besteigt, erbt er eine geheime und sehr erfolgreiche Einheit innerhalb der Staatssicherheit. Ihre einzige Tätigkeit: der Export von Kriminellen in die Länder des Klassenfeindes, ihr Schutz vor Verfolgung und die gelegentliche Beauftragung zu Straf- und Mordaktionen gegen allzu lebhafte Antikommunisten "im Westen". Als diese Tätigkeit mit dem Zerfall Jugoslawiens ihre ideologische Grundlage verliert, ergießt sich ein Strom von heimkehrenden Gangstern über die Städte des untergehenden Landes. Der Kriminaltango beginnt, und die serbische Nacht gebiert Monster wie die Clans von Zemun und Surčin, die zuletzt sogar interkontinentalen Drogenhandel betreiben.

Aber die Story endet nicht mit dem Abgang von Slobodan Milošević. Sie erreicht nach den "Veränderungen des 5. Oktober" im Jahr 2000, als "Slobo" von der Macht vertrieben wird, erst ihren blutigen Höhepunkt. Unter dem Deckmantel der Jagd nach den Mördern des "Paten von Serbien", Željko Ražnatović "Arkan", ballert die JSO-Spezialeinheit des Geheimdiensts zusammen mit dem Clan von Zemun alle Konkurrenten des Clans ins kalte Grab, erpresst Millionen Euro an Lösegeldern für entführte serbische Unternehmer (und Gangster) und startet das größte Kokaingeschäft in der Kriminalgeschichte Serbiens.

Man kann sagen, dass sich Serbien wohl noch lange am Erbe des Kommunismus, der Autokratie des Slobodan Milošević und der Kumpanei von Politik, Geheimdienst und Gangstern abarbeiten wird, bis es ein nur durchschnittlich korrupter Staat ist. Darüber schreibe ich für dich, den deutschsprachigen Leser.

Aus der Vogelperspektive

Was du in "Asphalt Hyänen" lesen kannst, fasse ich für dich in der Zeitlinie zusammen:

Die 1920er oder der Uropa aller Jugo-Gangster

Jovan Stanisavljević "Čaruga", 1897–1925. Ethnischer Serbe, Freischärler und Bandit, der Slawonien terrorisiert. Er ist der erste "All Yugoslav Gangster". Bis heute tragen viele serbische Verbrecher den Spitznamen "Čaruga".

Die 1945er bis 1960er oder der Exodus der Loser

Die Migration der Antikommunisten. Sie bilden Organisationen im Ausland und beginnen mit terroristischen Anschlägen. Der jugoslawische Geheimdienst schöpft lokale jugoslawische Kriminelle als Informationsquellen über die antikommunistische Diaspora ab.

Die 1960er bis 1970er oder die Ballade vom Gastarbeiter

Die klassische Zeit der Jugo-Gangster im Ausland. Ljubomir Magaš, genannt Ljuba Zemunac, 1948–1986, regiert Frankfurt und Offenbach. Der Geheimdienst beginnt mit dem "Export" von Verbrechern, gibt ihnen gefälschte Pässe, bietet Zuflucht vor Verfolgung und benutzt sie bei Mordaufträgen gegen wichtige Figuren der Emigrantenorganisationen.

Die 1980er oder der Gangster-Export

Das "Verschicken" der heimischen Gangster nach Westeuropa ist auf dem Höhepunkt. Klassisches Beispiel ist Željko Ražnjatović, genannt "Arkan", 1952–2000. Er ist der "Räuber mit der Rose", der Nordeuropa unsicher macht und aus jedem Hochsicherheitstrakt ausbricht. Er ist eng an den Geheimdienst gebunden und wird an Slobodan Milošević weitergereicht, wo er als Kriegsverbrecher des Regimes und Pate von Serbien Karriere macht.

Die 1990er oder die Geburt der Clans von Beograd

Aleksandar Golubović, genannt "Kristijan", 1969–?, ist der typische Vertreter der neuen Generation von heimischen Gangstern, die beginnen, sich in Clans in ihrer Wohngegend zu organisieren. Diese Clans haben lokalen Charakter, sind aber manchmal zu ernsthaften Gangs verbündet. Wie zum Beispiel der Clan von Voždovac des Goran Vuković "Majmun" und der Clan von Bežanija/Novi Beograd des Radomir Trlajić "Bata Trlaja". Diese Gangster haben mit dem Geheimdienst meist nichts zu tun. Nur mit der Kriminalpolizei, die noch immer halbwegs funktioniert.

Die 2000er oder die Herren der Ringe

Der Mega-Klan von Surčin und Zemun entsteht schon in den 90ern, seinen Zenit erreicht er zwischen 1998 und 2003. Ljubiša Buha "Čume", 1964–?, Chef des Klans von Surčin, verbündet sich mit Dušan Spasojević (1968–2003) und Milan Luković (1969–2003), den Bossen des Clans von Zemun. Die "Jungs aus Zemun" nehmen 2003 an der Ermordung des Regierungschefs Zoran Đinđić teil. Dass der Geheimdienst eine wichtige Rolle spielt, ist gewiss, aber bis heute nicht restlos geklärt.

Nach 2003 oder das mögliche Epitaph Serbiens

Der Clan von Zemun und der Clan von Surčin sind zerstört, viele andere auch. Aber bis heute bleibt Serbien ein von krimineller und politischer Korruption ernsthaft befallener Staat am Rande des Scheiterns. Alle Untersuchungen über die Verwicklung des Geheimdiensts in das Attentat auf Regierungschef Đinđić stehen bis heute genau da, wo sie schon 2003 stehen: vor der verschlossenen Tür der Staatssicherheit. Serbien fällt wieder ins Koma. Auf dem Grund des trüben Brunnens liegt noch immer Schlamm, der es vergiftet. (Bogumil Balkansky, 27.5.2016)

"Asphalt Hyänen" ist im Buchhandel nicht erhältlich. Bestellungen bei bogumil.balkansky@gmx.at, Preis 16,10 Euro inklusive Versand, Bezahlung per Nachnahme.

Mein erstes Buch "Auf Neuseeland sind Briten die Tschuschen" ist weiterhin im Buchhandel erhältlich oder direkt beim Verlag Redelsteiner-Dahimene bestellbar.

  • Das neue Buch von Bogumil Balkansky beschreibt die Geschichte der Balkan-Gangster.
    foto: ap photo/darko vojinovic

    Das neue Buch von Bogumil Balkansky beschreibt die Geschichte der Balkan-Gangster.

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