Harnik und Klein: Wenn sich Buhmänner wehren

25. Mai 2016, 16:22
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Martin Harnik und Florian Klein lassen sich keine Mitschuld am Stuttgarter Abstieg andichten. In sozialen Netzwerken wurde gehetzt und gedroht

Laax – Es ist nicht so, dass Fußballer nach Medienterminen lechzen. Aber Martin Harnik und Florian Klein, mit dem VfB Stuttgart aus der deutschen Bundesliga abgestiegen, nutzten die Bühne in den Bündner Bergen, um Dinge klar zu stellen. Die Zeitung "kicker" hatte geschrieben, die beiden wären Mitschuld am Stuttgarter Untergang gewesen, ihre Einstellung habe nicht gepasst. Das löste eine Lawine aus, der Artikel wurde zum Tsunami, in den sozialen Netzwerken, die mitunter schneller als der Schall sind, spielte es sich ab, es wurde gehetzt und gedroht, die beiden Kicker mieden daraufhin öffentliche Plätze.

In der Schweiz sind sie nun absolut sicher, sie schätzen die "Wohlfühloase Nationalteam", Österreichs rechte Seite leckt Wunden. Sie sind die einzigen Mitglieder des Kaders, die vor der EM so richtig durchgebeutelt wurden. Der 28-jährige Harnik sagte: "Wir haben kein Einstellungsproblem. Ich lasse nicht zu, dass behauptet wird, ich habe mich mit Stuttgart nicht identifiziert. Ich war sechs Jahre dort, habe oft meinen Kopf hingehalten, wir sind keine Buhmänner, lassen uns nicht in ein schlechtes Licht rücken."

Harniks Piefke-Rhetorik

Der 29-jährige Klein schloss sich dem vollinhaltlich an. "Ich habe alles gegeben. Der Abstieg tut weh, ist eine Geschichte, auf die ich später einmal nicht zurückschauen möchte." Klein hatte seinen Stammplatz im Winter verloren, der neu verpflichtete Kevin Großkreutz wurde ihm vorgezogen. Großkreutz kickte zwar mäßig, schleimte sich aber bei den Fans ein. Im letzten Heimspiel gegen Mainz (1:3) wurde der Platz gestürmt. Klein: "Diese Dinge muss man erst einmal aus dem Kopf kriegen. Aber es ist klar, für die Anhänger ist es am ärgsten. Sie bleiben einem Klub ein Leben lang treu, wir können wechseln." Der Verteidiger hat einen Vertag für ein weiteres Jahr, er gilt für die zweite Liga. Natürlich strebt er einen Wechsel an. "Die EM ist eine große Plattform, die ich nützen möchte."

Harnik ist ablösefrei zu haben, möglicherweise wird er vor der EM fündig, es herrscht kein Mangel an Interessenten. Er würde den Verbleib in der deutschen Bundesliga bevorzugen, schließt einen Wechsel ins Ausland aber nicht gänzlich aus. "Ich will jetzt nicht pokern, sondern auf eine sehr gute EM hoffen." Harnik ist und bleibt der "Piefke" im österreichischen Team. Ein Medientermin dient ab und zu der Wiederentdeckung des Humors. "Ich bin der, der rhetorisch am meisten am Kasten hat. Diskussionen mit mir werden gemieden, weil ich als Piefke die Leute an die Wand argumentiere."

Lauter Porsche, laute Aufregung

Der Piefke bekam übrigens mehr Fett als Klein ab. Der Stürmer hatte sich mitten im Abstiegskampf seinen längst bestellten und endlich gelieferten Porsche (wer hat, der soll dürfen) abgeholt. In der Freizeit. Der aberwitzige Händler, ein Wichtigtuer, hat ein Bild von der Übergabe ins Netz gestellt. Und das ist schneller als jeder Porsche. "Ich habe sehr sauber gelebt. Es hat mich unglaublich geärgert, dass in wenigen Wochen alles, was ich aufgebaut habe, zusammengeworfen wird", sagte der 54-fache Teamspieler. "Es ist im Endeffekt unser Beruf. Da sind wir ganz schön gescheitert. Es tut mir leid für viele Mitarbeiter im Verein, die haben Angst, fürchten um ihre Existenz."

Klein und Harnik sind Stuttgart jedenfalls entkommen. Die Lust auf die Europameisterschaft wächst und wächst, sie sprechen von "einem Traum. Wir dürfen Teil, einer großen Geschichte sein." Harnik ist bereits bei der Heim-EM-2008 im Einsatz gewesen. "Damals habe ich die Bedeutung nicht so realisiert. Ich war zu jung. Außerdem haben wir uns nicht sportlich qualifiziert, wir waren als Gastgeber einfach nur da. Jetzt ist es ein langer Weg gewesen, den wir gemeinsam beschritten haben." Vertrauen, sagte Harnik, sei das Wichtigste im Fußball. Teamchef Marcel Koller habe das Klein und ihm immer geschenkt. Klein: "Und wir haben und werden es immer zurückgeben." Das nächste Mal schon am Donnerstag gegen den Schweizer Sechstligisten US Schulein Ilanz. (Christian Hackl, 25.5.2016)

  • Stuttgarts Abstieg hat für Martin Harnik und Florian Klein noch ein Nachspiel.
    foto: apa/jaeger

    Stuttgarts Abstieg hat für Martin Harnik und Florian Klein noch ein Nachspiel.

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