Sawtschenko nach Gefangenenaustausch frei

25. Mai 2016, 15:10
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Russland begnadigte die ukrainische Kampfpilotin, die Ukraine lässt im Gegenzug zwei russische Soldaten frei

Moskau – Großer Bahnhof auf dem Kiewer Flughafen Borispol: Dutzende Journalisten, Ex-Premierministerin Julia Timoschenko und selbst Präsident Petro Poroschenko warteten auf die Ankunft eines Transportflugzeugs vom Typ AN-74 aus der russischen Millionenstadt Rostow-am-Don. An Bord der Maschine: Die ukrainische Kampfpilotin Nadeschda Sawtschenko, die nach langwierigen Verhandlungen im Rahmen eines Gefangenenaustausches in ihre Heimat zurückkehrte und mit einem Riesenplakat #FREESAVCHENKO empfangen wurde. Im Gegenzug kommen auch zwei in Kiew festgehaltene russische Soldaten wieder frei.

Der Austausch soll nach Medieninformationen bei der Telefonkonferenz des "Normandie-Vierers" Montagnacht vereinbart worden sein. Kremlsprecher Dmitri Peskow erkärte, Wladimir Putin habe Sawtschenko vor der Ausreise "aus humanitären Beweggründen" begnadigt.

Rechtsextremes Bataillon

Sawtschenko wurde im Juni 2014 im Donbass-Gebiet als Kämpferin des rechtsextremen Freiwilligenbataillons "Aidar" von den Rebellen gefangen genommen. Später tauchte die gebürtige Kiewerin in einem Gefängnis im russischen Woronesch auf. Die Staatsanwaltschaft warf ihr Beihilfe zum Mord an zwei russischen Journalisten vor, auf die sie das Artilleriefeuer gelenkt haben soll. Im März wurde sie deswegen zu 22 Jahren Haft verurteilt.

Die 35-jährige Ukrainerin hat die Anschuldigungen stets bestritten. Sie sei zu der Zeit bereits im Gewahrsam der Separatisten gewesen, sagte sie und erhob ihrerseits Vorwürfe gegen die russischen Behörden, die sie gewaltsam nach Russland verschleppt haben sollen. Mehrfach trat Sawtschenko während des Prozesses in den Hungerstreik.

Parlamentssitz

In der Ukraine gilt sie als Volksheldin, in Russland als Verbrecherin. Gemein haben beide Seiten eine starke Instrumentalisierung Sawtschenkos für ihre politischen Kampagnen. Poroschenko hat der Pilotin mehrere Orden und die Auszeichnung "Held der Ukraine" verliehen, die "Vaterlandspartei" setzte sie bei den Parlamentswahlen 2014 auf Listenplatz eins – noch vor Timoschenko. Derzeit hat Sawtschenko offiziell sowohl einen Sitz in der Rada, als auch in der ukrainischen Delegation der Parlamentarischen Versammlung des Europarats inne.

Während der für die ukrainischen Streitkräfte erfolglosen Rückeroberungsversuche des Donbass-Gebiets diente Sawtschenko Kiew als Illustration der russischen Einmischung in den innerukrainischen Konflikt. Ukrainische Medien zeichneten das Bild eines Regimes, das gegen Frauen und Kinder kämpft.

Heikle Rückkehr

Die russische Presse hingegen stellte Sawtschenko als kaltblütige Killermaschine dar, die gezielt Jagd auf Russen machte. Sie sollte damit als Beispiel für einen barbarischen Krieg Kiews gegen die russischsprachige Zivilbevölkerung dienen.

Ihre Rückkehr in die Ukraine ist nun für beide Seiten heikel: Der Kreml muss nun gegenüber der Bevölkerung begründen, warum er eine Frau begnadigt, die bislang in Russland als skrupellose Verbrecherin galt. Die Begründung "Gefangenenaustausch" funktioniert nicht, weil Moskau selbst den Begriff aus taktischen Erwägungen ablehnt und die beiden auf ukrainischem Gebiet gefangengenommenen Russen trotz deren eigener Geständnisse nicht als eigene Soldaten anerkennt.

Für das politische Establishment in Kiew ist die Gefahr hingegen trotz der derzeitigen Euphorie noch größer: Die ukrainische Bevölkerung ist tief enttäuscht von den eigenen Politikern. Sawtschenko hingegen, zur Märtyrerin hochstilisiert, ist noch sehr populär. Ihre Aussagen und Kritik können die öffentliche Meinung stark beeinflussen. Sie wird damit zu einem wichtigen Faktor im anhaltenden Machtkampf innerhalb der ukrainischen Elite. (André Ballin aus Moskau, 25.5.2016)

  • Nadeschda Sawtschenko in Kiew.
    foto: apa/afp/stepanov

    Nadeschda Sawtschenko in Kiew.

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