Prozess um gefährliche Drohung: Der Stau, die Großfamilie und die Pistole

12. Juni 2016, 12:13
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Ein 21-Jähriger soll ein Verkehrsrowdy sein und seinem Unmut Luft gemacht haben, indem er eine Familie mit einer Pistole bedrohte

Wien – Andreas Z. scheint schwache Nerven zu haben. Zumindest im Straßenverkehr. Im Februar soll er einen Van mit einem Ehepaar und seinen fünf Kindern im dichten Verkehr am Gürtel zunächst bedrängt haben. Beim Überholen zeigte er eine sehr unfeine Geste, für die man den Mittelfinger benötigt, nachdem er sich wieder eingeordnet hatte, soll er mehrmals unvermittelt gebremst haben.

Der schwerste Vorwurf gegen den 21-Jährigen: Als er neben seinem Kontrahenten zu stehen kam, soll er die Familie, im Auto sitzend, mit einer Pistole bedroht haben. Richterin Martina Krainz muss also über eine gefährliche Drohung verhandeln.

Die Sache mit der Waffe streitet der Unbescholtene vehement ab. Er habe nur sein iPhone in der Hand gehalten, beteuert er. Als die Polizei später zu ihm kam, fand man tatsächlich keine Schusswaffe.

Kinder begannen zu schreien

Vater, Mutter und eine Tochter bleiben am zweiten Verhandlungstag aber ebenso vehement bei ihrer Darstellung. "Ich wollte ihn fotografieren, damit wir ihn wegen der Fahrweise anzeigen können", erklärt die Mutter. "Dann haben die Kinder plötzlich zu schreien begonnen, und ich habe die Pistole gesehen!"

Die 33-Jährige beginnt zu schluchzen. "Wir können seitdem kaum mehr schlafen, ich kann nicht mehr Auto fahren, der Jüngste traut sich alleine nicht mehr aus der Wohnung", sagt sie unter Tränen.

Richterin Krainz hat es nicht ganz leicht. Die Verhandlung begann ohnehin mit Verspätung, eigentlich möchte sie zügig verhandeln. Verteidiger Klaus Ainedter bohrt dennoch nach und strapaziert die Nerven der Richterin, da er teilweise bereits beantwortete Fragen stellt. "Das ist jetzt hart am Quälen", murmelt die Richterin und nimmt damit auf das Versprechen Ainedters Bezug, sie nicht quälen zu wollen.

"Ein bissi gedrängelt"

"Gibt's etwas, wofür Sie sich entschuldigen wollen?", fragt Krainz am Ende der Zeugenaussage den Angeklagten. "Nein", sagt der. "Ham S' vielleicht doch gedrängelt?" – "Vielleicht ein bissi." – "Und haben Sie dann abgebremst?" – "Nein, nur eingeordnet, aber es war viel Verkehr."

Der Vater und die Tochter wollen ebenso eine Pistole gesehen haben und beschreiben eine silbergraue, 20 Zentimeter lange Waffe, die Mündung habe einen Durchmesser von zwei Zentimetern gehabt. Mit einem Handy sei das unmöglich zu verwechseln, betonen sie.

Der Staatsanwalt dehnt die Anklage um das Delikt der Nötigung aus, da Z. die Familie mehrmals zum Abbremsen gezwungen habe. Das gibt er schließlich zu, Krainz entscheidet sich daraufhin für eine Diversion. Innerhalb von sechs Monaten muss er 180 Stunden gemeinnützige Leistungen erbringen.

"Leute werden immer aggressiver"

"Es ist leider ein Phänomen, dass die Leute im Verkehr immer aggressiver werden. Sie werden sich geärgert haben, vielleicht haben Ihnen auch die Kopftücher der Frauen missfallen, ich weiß es nicht. Aber Drängeln und Abbremsen sind auch im Stadtverkehr wirklich gefährlich."

In der Sache mit der Pistole gibt es dagegen einen Freispruch im Zweifel, da keine Waffe gefunden worden ist. Einen guten Rat hat die Richterin am Ende noch: "Sie sollten etwas ruhiger werden." (Michael Möseneder, 26.5.2016)

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