Everest-Erstbesteigung: Der Bienenzüchter und der Tiger des Schnees

Vor 63 Jahren erklommen Edmund Hillary und Tenzing Norgay als erste Menschen den höchsten Berg der Welt und machten sich zu Legenden

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29. Mai 2016, 08:00

In Österreich wusste jemand schon in der Sandkiste, dass er einmal Bundeskanzler werden würde. Und im fernen Neuseeland, da war sich ein Teenager einst sicher, den höchsten Berg der Welt zu besteigen. Dass ihm das als erstem Menschen überhaupt gelingen sollte, war Edmund Hillary damals vermutlich nicht klar. Doch es war tatsächlich ein historischer Schritt, als er vor genau 63 Jahren gemeinsam mit Sherpa Tenzing Norgay den Mount Everest erklomm. Während aber zum Beispiel Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond die bedeutungsschwangeren Worte "Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit" wählte, gab Hillary am 29. Mai 1953 schlicht von sich: "Wir haben den Bastard endlich bezwungen." ("We finally knocked the bastard off.")

Höher hinauf als hier geht nicht.

Der Mount Everest, mächtige 8.848 Meter hoch und nach dem Landvermesser George Everest benannt (die Sherpas nennen den Berg Chomolungma, die Muttergöttin der Berge), war für das britische Königreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine nationale Frage von Stolz und Ehre, da es sich andere Pionierleistungen wie die Erreichung des Nord- (USA) oder Südpols (Norwegen) nicht ans Revers heften konnte. Und der Everest galt damals als der dritte Pol der Welt.

Streitfall Mallory/Irvine

Ab 1921 entsandte London Expeditionsteams ins Himalaja-Gebirge, um den höchsten der 14 Achttausender zu bezwingen. Die besten Bergsteiger des Königreichs näherten sich dem Gipfel des "Bastards" – von 8.225 Metern im Jahr 1922 auf 8.573 Meter zwei Jahre später. So weit sollte bis 1952 aber keiner mehr nachweislich kommen. Mal gingen Sauerstoff oder Essen aus, mal spielte das Wetter nicht mit oder man wählte eine Route, auf der es irgendwann kein Weiterkommen gab. Und natürlich stieß auch oft der menschliche Körper an seine Grenzen. (Wie weit George Mallory und Andrew Irvine 1924 kamen, ist unklar, da sie nicht mehr zurückkehrten. In der Bergsteigerszene wird ihnen immer wieder zugetraut, den Gipfel erreicht zu haben. Mallorys Leiche wurde aber 1999 ohne Hinweise auf eine Gipfelbesteigung gefunden. Hillary sagte dazu, es gehe nicht nur darum, als Erster oben zu sein, sondern darum, auch heil wieder runterzukommen.)

foto: dpa
Archivfotos von Edmund Hillary und Tenzing Norgay aus dem Jahr 1950 nach der Erstbesteigung des Everest im Juni 1953 und am 3. August 1953 bei der feierlichen Ankunft am Londoner Flughafen Heathrow (von links nach rechts).

Richtig interessant für den weiteren Verlauf der Geschichte wurde es 1935, als ein Sherpa namens Tenzing Norgay als Träger an einer britischen Expedition teilnehmen durfte. Für ihn selbst war der Weg allein bis dorthin schon beschwerlich. Am 29. Mai 1914 als Sohn einer tibetischen Yakhüterfamilie aus dem Kharta-Tal am Fuße des Mount Everest geboren (sowohl Geburtsdatum als auch Geburtsort gelten als umstritten), half er anfangs seinem Vater bei der Arbeit. Doch schon bald wurde es in der Heimat zu eng. "Zu reisen, zu erleben und zu lernen – das heißt leben", begründete er später den Schritt, als 13-Jähriger zunächst in Nepals Hauptstadt Kathmandu und wenig später ins indische Darjeeling zu ziehen – jenen Ort, von wo aus damals die Everest-Expeditionen starteten.

foto: reuters/navesh chitrakar
Statuen von Edmund Hillary und Tenzing Norgay in Kathmandu.

Tenzing schlug sich anfangs mit Gelegenheitsjobs durch und bot sich immer wieder als Träger für die Expeditionen an. Doch mit seinen tibetischen Wurzeln galt er bei den nepalesischen Sherpas als Außenseiter. Aufgeben war allerdings nie eine Option für ihn. Und so wurde er im besagten Jahr 1935 als 20-Jähriger erstmals von britischen Bergsteigern als Träger angeheuert.

Bis 1953 nahm Tenzing, der sich als starker, ausdauernder und laut seinem späteren Biografen Ed Douglas "stets lächelnder" Träger erwies, an fünf weiteren Expeditionen teil. 1952 stellte er mit dem Schweizer Bergsteiger Raymond Lambert mit 8.600 Metern einen neuen Höhenrekord auf, bevor sie aufgeben mussten. Die restlichen 248 Meter sollte er ein Jahr später Seite an Seite mit Edmund Hillary bewältigen – einem Bienenzüchter aus Neuseeland.

foto: by aalamaki (own work) [cc by-sa 3.0 (creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via wikimedia commons
Edmund Hillary auf der neuseeländischen Fünf-Dollar-Note.

Am 20. Juli 1919 in Auckland geboren, zeichnete sich lange Zeit nicht ab, dass aus Hillary ein Nationalheld werden würde, dessen Antlitz einmal die neuseeländische Fünf-Dollar-Note schmücken sollte. In der Schule galt er – klein und schmächtig – als alles andere als eine Sportskanone. "Ich war ein scheuer Bursche mit Minderwertigkeitsgefühlen", sagte er später über seine Anfangszeit in der Schule. Vertrauen in seinen Körper bekam er erstmals, als er mit dem Boxen anfing. Und seine Leidenschaft fürs Bergsteigen entdeckte er mit 16 Jahren auf einem Schulausflug am Mount Ruapehu. Dabei fiel ihm auf, dass er – ohne spezielles Training – eine weit bessere Grundausdauer besaß als andere. Nur wenig später nahm er sich schließlich vor: "Eines Tages besteige ich den Mount Everest!"

Navigator im Zweiten Weltkrieg

Bis dahin sollte es aber noch einige Jahre dauern. In der Zwischenzeit wuchs er auf stattliche 1,95 Meter heran, erklomm 1939 mit dem Mount Ollivier (1.933 Meter) seinen ersten namhaften Gipfel und trat als Bienenzüchter in die Fußstapfen seines Vaters. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg als Navigator in der Royal New Zealand Air Force gedient hatte und Großbritannien wieder den dritten Pol der Welt in Angriff nahm, erreichte er nach und nach neue Höhen. 1948 bestieg er den Mount Cook (3.724 Meter), den höchsten Berg Neuseelands. 1951 war er mit vier weiteren neuseeländischen Bergsteigern im Himalaja unterwegs, ein Jahr später erkundete er mit einer britischen Expedition eine neue Route auf den Everest.

grafik: der standard

Die Chancen, den zu jener Zeit als unbezwingbar geltenden Everest zu erklimmen, waren damals rarer als ohnehin schon. Die Route über das seit 1951 von China besetzte Tibet wurde geschlossen, und Nepal erlaubte genau eine Expedition im Jahr. 1953 durften es die Briten wieder versuchen, und Hillary, der sich im Himalaja bewährt hatte, sowie Tenzing erhielten einen Platz im Team unter Führung von John Hunt.

Team Hunt war mit mehr als 400 Mann riesig, London wollte mit aller Macht endlich den Everest erobern. Mitte März brach es von Kathmandu aus auf, und als man zweieinhalb Monate später das letzte Lager in 7.980 Metern Höhe errichtete, wurde es ernst. Am 26. Mai schickte Hunt die erste Seilschaft los, die aus Tom Bourdillon und Charles Evans bestand. Sie erhofften sich durch ein neuartiges Sauerstoffsystem Vorteile, doch genau das wurde ihnen zum Verhängnis. Evans System vereiste, als sie den Südgipfel erreichten – mit noch ungefähr 91 Höhenmetern vor ihnen. Die beiden waren zur Rückkehr gezwungen.

Schließlich beauftragte Hunt Hillary damit, den nächsten Versuch zu wagen. Und der wählte Tenzing als Seilpartner. "Tenzing war sehr fit, sehr stark – ich war beeindruckt", erklärte Hillary später, "und er liebte den Konkurrenzkampf, wollte der Erste sein. Das war ein gutes Zeichen." Mit drei anderen – George Lowe, Alfred Gregory und Ang Nyima – schafften sie es, ein Lager auf 8.500 Metern Höhe zu errichten, dann waren die beiden auf sich gestellt.

foto: ap
Archivfoto von Edmund Hillary und Tenzing Norgay aus dem Jahr 1953.

Am 29. Mai um 4.30 Uhr wollten die beiden, mit einem klassischen Sauerstoffsystem ausgerüstet, den Gipfel in Angriff nehmen. Die Wolken waren verschwunden, der Wind hatte sich gelegt. Doch Hillarys Schuhe waren in der Nacht gefroren, es dauerte zwei Stunden, sie wieder aufzutauen. Mit Verspätung und bei immer noch minus 25 Grad ging es, beide mit 14 Kilogramm schweren Rucksäcken, los. Entscheidend für Erfolg und Misserfolg dieser Mission war eine zwölf Meter hohe und über 70 Grad steile Felsstufe auf 8.760 Metern – die letzte ernsthafte Hürde vor dem Gipfel. Hillary fand einen Weg, um sich zwischen Felswand und Eis hochzudrücken, Tenzing folgte. Wenig später wurde diese Stelle zu Ehren ihres ersten Bezwingers Hillary Step genannt.

Kurz orientierungslos

Der Rest, berichteten beide später, war im Vergleich dazu ein Kinderspiel. Nur kurz gab es Probleme, weil sie den Gipfel einfach nicht finden konnten. Als dann aber der Kamm vor ihnen abfiel und sie das tibetische Hochland sahen, wussten sie, dass er hier irgendwo sein musste. Schließlich erreichten sie am 29. Mai 1953 um 11.30 Uhr den höchsten Punkt der Welt.

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Szenen von der Heimkehr der "Everest Heroes".

Am Ziel angekommen, schüttelte Hillary in angelsächsischer Tradition seinem Kompagnon die Hand, der ihm wiederum in unbritischer Manier in die Arme fiel. Danach hinterließ Hillary ein Kreuz, das ihm von Hunt mitgegeben worden war, und machte Fotos, während Tenzing ein kleines Loch grub und Süßigkeiten hineinlegte – Opfergaben an die buddhistische Gottheit Miyolangsangma, die auf dem Gipfel wohnt.

"Oben zu sein war nicht so wahnsinnig aufregend, wie die Leute meinen", beschrieb Hillary das Gefühl, "wir waren müde, und ich spürte nur ein Gefühl innerer Zufriedenheit". Insgesamt verbrachten sie 15 Minuten auf dem Gipfel, bevor sie den mühsamen Abstieg angingen. Der berühmteste Beleg dafür ist das Foto von Hillary, das er mit seiner Kodak Retina gemacht hatte: der vermummte Tenzing, der einen Eispickel mit den Fahnen von Großbritannien, Nepal, Indien und den Vereinten Nationen hält.

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Ankunft in Delhi.

Umgekehrt gibt es kein einziges Bild von Hillary auf dem Gipfel. "Ich deutete ihm, dass ich jetzt ein Foto von ihm machen will. Aber er schüttelte den Kopf: Er wollte nicht", sagte Tenzing danach. Hillary erklärte später sein Verhalten: Tenzing hatte zuvor noch nie eine Kamera benutzt, "und der Gipfel des Mount Everest war wohl kaum der richtige Ort, um ihm zu zeigen, wie das geht". Auf dem Weg bergab trafen sie als Erstes George Lowe, der ihnen mit heißer Suppe entgegenkam. An den waren auch die bereits genannten Worte gerichtet: "George, wir haben den Bastard endlich bezwungen."

Wer war der Erste?

Wieder heil im Lager angekommen, wurde die frohe Kunde so rasch wie damals möglich verbreitet. In London kam sie am 2. Juni 1953 an – jenem Tag, an dem die 27-jährige Elizabeth II zur britischen Queen gekrönt wurde. Der Gipfelsturm machte weltweit Schlagzeilen, sorgte aber auch für Diskussionen. Das bestimmende Thema: Wer von den beiden war denn nun als Allererster auf dem Gipfel?

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Ankunft in Kathmandu.

"Für einen normalen Bergsteiger ist das natürlich eine völlig überflüssige Frage", sagte Hillary dazu. Sie bildeten eine Seilschaft, die gemeinsam den Everest bezwang. Eine Seilschaft, die zu einer lebenslangen Freundschaft wurde. Und die auch keine Risse bekam, als sie irgendwann gestanden, dass Hillary den ersten Schritt gemacht habe. "Wenn es eine Schande ist, den Gipfel des Mount Everest als Zweiter erreicht zu haben, dann muss ich mit dieser Schande leben", sagte Tenzing einmal.

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Der Sohn von Tenzing Norgay, Norbu Tenzing Norgay, spricht beim Begräbnis von Edmund Hillary am 22. Jänner 2008 in Auckland.

So oder so, beiden brachte ihre Leistung enormen Ruhm ein. Für das Magazin "Time" gehören sie zu den 100 einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Hillary wurde von der Queen zum Ritter geschlagen und in Neuseeland zum Nationalhelden. Seine Landsleute bewunderten vor allem, dass er trotz seiner Berühmtheit der alte blieb und jedem anbot: "Nenn mich Ed." Und dass er sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhte und stattdessen die beiden anderen Pole erreichte, den Ganges in Indien von der Mündung bis zur Quelle erkundete und sich im Himalaja auf die (erfolglose) Suche nach dem Yeti begab.

Dort, im Bergmassiv, setzte er sich auch immer wieder für das Volk der Sherpa ein, gründete eine Stiftung und ließ Schulen und Krankenhäuser errichten. "Wenn ich mal ins Gras beiße, sollte von allem, was ich gemacht habe, das als bleibende Leistung in Erinnerung bleiben", sagte er einmal. Am 11. Jänner 2008 starb Hillary in Auckland.

Kritik an Nepal

Tenzing blieb dem Bergsteigen treu und sorgte dafür, dass die Sherpas bekannt und auch geschätzt wurden. Er, der ehrfürchtig auch "Tiger des Schnees" genannt wurde, galt als erster Asiate aus bescheidenen Verhältnissen, der weltberühmt wurde. Sein Enkel Tashi Tenzing Sherpa beklagte einst, dass Nepal trotz der Verdienste wenig für seinen Großvater getan habe. Deshalb habe er auch bis zu seinem Tod am 9. Mai 1986 im indischen Darjeeling gelebt. Der Trauerzug bei seiner Beerdigung war über einen Kilometer lang.

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BBC-Dokumentation über die erstmalige Besteigung des Mount Everest aus dem Jahr 1997.

Die Besteigung des Everest, heute zum Teil eine Touristenattraktion, beschrieb Tenzing in seiner Autobiografie folgendermaßen: "Der Traum war wahr geworden. (...) In diesem großartigen Moment, auf den ich mein ganzes Leben gewartet hatte, kam mir mein Berg nicht wie ein lebloses Ding aus Fels und Eis vor, sondern warm und freundlich und lebendig. Er war eine Henne, und die anderen Berge waren Küken unter seinen Flügeln." (Kim Son Hoang, 29.5.2016)

Titelfoto: Edmund Hillary und Tenzing Norgay tragen am 26. Juni 1953 in der britischen Botschaft in Kathmandu jene Ausrüstung, mit der sie den Mount Everest bestiegen haben. (Foto: AP)