Präsidentenwahl: Welche "Spaltung"?

Kommentar25. Mai 2016, 16:52
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Die sogenannte Spaltung hat vielmehr zu so mancher Klärung beigetragen

"Österreich politisch zerrissen", titelte die "Krone" gar. Die meisten anderen Zeitungen gaben sich etwas milder. "Spaltung" war der Befund angesichts des Wahlergebnisses: Einerseits, weil Blattmacher gerne kräftige Vokabel wählen, andererseits, weil es Sonntagabend 50:50 stand. "Spaltung", als hätte ein Holzklieber einen dicken Stamm mit einem Hieb in der Mitte gespalten.

Oder anders: Eine gespaltene Republik, so als ginge wie nach einem Erdbeben ein plötzlicher Graben quer durch das Land – von Rohrbach im Norden nach Spielfeld im Süden. Konsequenterweise müsste man bei 70:30 für wen immer von einer "Abspaltung" reden. Aber das wäre dann ein "Erdrutsch" zugunsten der Mehrheit.

Ist es nicht normal, dass es zu einer Polarisierung kommt, wenn sich zwei Kandidaten politisch duellieren? Liegt es nicht im Wesen einer "Stichwahl", dass sich Bilder aus dem Säbelfechten anbieten? Dass die Zuseher, in Ermangelung weiterer Bewerber, sich um den ihnen jeweils genehmeren Kandidaten scharen? Möglicherweise hat sogar die von vielen als degoutant erlebte ATV-Diskussion Vorteile für Alexander Van der Bellen gebracht: Endlich hat er die Kontrolle, die Contenance verloren.

Klärung durch "Spaltung"

Die sogenannte Spaltung hat vielmehr zu so mancher Klärung beigetragen. Zwei Beispiele: "Stadt und Land gleichen sich immer mehr", lautet einer der soziologischen Befunde. Stimmt nicht. Zu zeigen am Beispiel Graz: Je weiter man sich vom Zentrum der Stadt wegbewegt, desto höher die Zustimmung für Norbert Hofer. Nach 30 Kilometern ist man am "Land", wo es im Schnitt 65:35 für den FPÖ-Kandidaten ausging. Etwa in Frohnleiten, das wegen seiner lukrativen Mülldeponie über einen beheizbaren Hauptplatz verfügt. Luxus pur.

"Die Hotspots mit den vielen Ausländern und Flüchtlingen in den größeren Städten sind nicht nur gefährlich, sondern treiben immer mehr Leute den Rechtspopulisten zu", ist ein beliebtes Kommentatoren-Argument. Stimmt nicht. Wieder einmal (zuletzt bei den Wiener Wahlen) hat sich gezeigt, dass dort, wo der Ausländeranteil besonders niedrig ist, die Zustimmung zur FPÖ hochschwappt. Vorarlberg, das einen der höchsten Ausländeranteile in Österreich hat, votierte für Van der Bellen.

Starke "Unterschiede" gibt es zuhauf. Zum Beispiel, dass mit steigender Bildung der Anteil der Van-der-Bellen-Wähler gewachsen ist. Oder dass sich Frauen im Ausmaß von 60:40 für den grünen Kandidaten ausgesprochen haben. Und dass junge Leute mit Hauptschulbildung für Norbert Hofer eintraten. Aber ist das eine "Spaltung"? (Gerfried Sperl, 25.5.2016)

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