"Universal Hospitality": Gastfreundschaft vor begrenzten Horizonten

24. Mai 2016, 17:44
2 Postings

Die Festwochen-Ausstellung widmet sich humanistischen Ideen der Aufklärung und ihrem Verschwinden. Auch das Konstrukt des Nationalstaats wird dabei infrage gestellt

Wien – Grenzen diskriminieren. So lautet ein Satz in Oliver Resslers Animationsfilm Emergency Turned Upside-Down: Das durch Grenzen ungehinderte Fließen der Kapitalströme in der globalen Wirtschaftswelt sei den Körpern versagt, heißt es auf der Erzählebene. Währendessen bauschen sich abstrakte Liniengeflechte etwa zu Stacheldrähten auf oder zeichnen vibrierend und kräuselnd Migrationsrouten oder Staatsumrisse nach.

Und schon ist man mitten in der Ausstellung Universal Hospitality. Der Auftakt in einer etwas zugigen leeren Halle der Alten Post – überzogen mit der melancholischen Patina des längst obsolet Gewordenen – führt uns auch atmosphärisch mitten hinein in die düsteren politischen Umwälzungen und Krisen unserer Zeit: zu den Themen Migration, Grenzen, nationale Identitäten.

Kapital und Mensch, Äpfel und Birnen

Das Unmögliche zu tun, also Kapital und Mensch wie Äpfel und Birnen zu vergleichen, das wagt hier auch Marina Naprushkina: Auf Schautafeln bringt sie die ökonomischen Entwicklungen Deutschlands unmittelbar mit Zahlen der Migration in Verbindung: Im Jahr 1980 waren das 7,4 Millionen Flüchtlinge weltweit und 12.000 positive deutsche Asylbescheide gegenüber umgerechnet 180 Milliarden Euro Warenexport; aktuell sind es 60 Millionen Flüchtende, 137.000 Asylbewilligungen und eine Ausfuhr von Gütern im Wert von 1,1 Billionen. Die Märkte in den Heimatländern der Flüchtlinge wolle man erobern, bei den Menschen sei man weniger freizügig.

Weltumspannende Freiheiten und nationalstaatliche Gefüge, sie scheinen sich, folgt man etwa Resslers Argumentationslinien, gegenseitig aufzureiben. In der großen, gut drei Dutzend Arbeiten umfassenden Festwochen-Ausstellung verweist daher vieles auf die Idee der "Weltrepublik".

Uneingeschränkte Gastfreundschaft als Paradoxon

Ja, der ganze Titel Universal Hospitality nimmt Anleihen bei Kant: "Die Erde gehört allen gemeinsam." Kant war seiner Zeit weit voraus, als er 1795 die Idee der "Weltrepublik" oder eines "Völkerstaats" entwarf. Gastfreundschaft ist darin wesentliche Voraussetzung für Ewigen Frieden.

Aber wer ist der Herr, wer der Gast im Haus? Um solchen Differenzierungen zu entgehen, schuf Derrida den Begriff der "unbedingten Gastfreundschaft". Eine Sehnsucht, die bis zum "Punkt der Selbstauslöschung" führt, so Edit András, die gemeinsam mit Wolfgang Schlag dieses durch und durch politische Projekt (begleitet von einem dreitägigen Forum,
3. bis 5. Juni) verantwortet. Uneingeschränkte Gastfreundschaft sei innerhalb eines souveränen Nationalstaats ein Paradoxon.

"Ich glaube nicht, dass nationale Identität mich repräsentiert", so Nüria Güell Serra in ihrem Antrag auf Zurücklegung der Staatsbürgerschaft. Ihm wurde nicht stattgegeben.

Ein Paradoxon ist gewissermaßen auch die der Schau temporär gewährte Herberge, die Alte Post auf der Dominikanerbastei: Als Institution habe die Post einst feudalen Privilegien in der Kommunikation ein Ende bereitet, so András. Jetzt wird die Post allerdings zum Symbol eines gegenläufigen Wandels. Denn wenn aus dem Entlein ein Schwan geworden ist, schlafen in der Luxusanlage der Soravia Group künftig jene, die in einer neuen feudalen Gesellschaft auf der Butterseite zum Liegen gekommen sind.

Utopie des Kosmopolitismus

Einstweilen regiert in den Zimmerfluchten aber die wichtige Diskussion über das, was die Utopie des Kant’schen Kosmopolitismus verhindert: alte und neue Gesichter von Nationalismus, Populismus und Rassismus, darunter viel Dokumentarisches zu Flucht- und Protestbewegungen.

Aus einem Raum dringt das unerbittliche Hämmern des in Stein getriebenen Meißels, ein Akt der Gewalt, von dem nur noch die Spuren zu sehen sind: Steinstaub und Grabsteine mit ausgelöschten Namen. Artur Żmijewskis kraftvolle Installation erinnert daran, dass in Breslau in den 1950ern und 1960ern jede Spur deutscher Vergangenheit ausgelöscht wurde, man Grabsteine etwa als Material für den Straßenbau verwendet hat; Żmijewski regt an, über den gegen eine komplette Nation gerichteten Hass nachzudenken.

Gänzlich zerbröseln und sich damit vollenden wird sich mit der Zeit auch das Wahrzeichen des ungarischen Staates: Das Duo Lörinc Borsos hat ein Modell des Parlamentsgebäudes auf einen Rütteltisch gestellt. Beim Nähertreten leitet ein Sensor den Selbstzerstörungsmechanismus ein. (Anne Katrin Feßler, 24.5.2016)

  • "In der Welt geht es nicht nur um die letzten 500 Jahre!" – In "Compsognation" (2013) von András Cséfalvay erteilt der Dinosaurier dem Gegenwartsmenschen Lektionen.
    filmstill:_cséfalvay / festwochen/ into the city

    "In der Welt geht es nicht nur um die letzten 500 Jahre!" – In "Compsognation" (2013) von András Cséfalvay erteilt der Dinosaurier dem Gegenwartsmenschen Lektionen.

Share if you care.