Quickies mit Hühnern in Krisenzeiten

24. Mai 2016, 17:35
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Angst ist keine Option: Zur dreizehnten Ausgabe des Wiener Festivals für Kurzfilm, Animation und Musikvideo

Wien – Zu Tode gefürchtet ist bekanntlich auch gestorben. Da es nun aber auf dieser Welt Dinge gibt, vor denen man sich fürchten könnte (Terroristen, Chlorhühner, Verletzungen im ÖFB-Team), das Leben aber ab und an auch seine angenehmen Seiten hat, sollte man sich von der Angst nicht gänzlich kontrollieren lassen. Gleicher Meinung ist man beim Kurzfilmfestival Vienna Independent Shorts (VIS), wo heuer das Motto Fear Is Not an Option ausgegeben wurde.

Angstbefreiend

Tatsächlich gelingt es dem Medium Film gerade in seiner kompakteren Ausprägung leichter, sein ganzes kreatives Potential zu zeigen und dabei nicht nur angstbefreit, sondern auch angstbefreiend zu sein. Und das betrifft trotz all ihrer Meriten nicht nur Katzenvideos allein!

Diese vielfältigen Arbeiten einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, darum bemüht sich das Festival für Kurzfilm, Animation und Musikvideo nun bereits in seinem 13. Jahr mit wachsendem Erfolg.

Seit heuer ist VIS das erste "Academy Qualifying Festival" Österreichs. Die gezeigten Arbeiten können sich somit direkt für die Longlist der kommenden Oscar-Verleihung qualifizieren. Das Programm bietet neben vier Zusammenstellungen zu privaten und universellen Krisen auch vier Wettbewerbskategorien, in denen 114 Filme um die Auszeichnung als bester Kurzspiel- oder Kurzdokumentarfilm, beste Animation, bester heimischer Beitrag und den Österreichischen Musikvideopreis konkurrieren.

Dazu gesellen sich Spezialprogramme, etwa zum kolumbianischen Animationsfilm oder zu erotischen Quickies. Mit dem Filmmuseum feiert man zudem das Schaffen Bill Plymptons, der unter anderem Homer Simpson eine freundschaftliche Beziehung zu dessen Couch anzeichnete.

Der belgischen Multimedia-Künstlerin Anouk De Clercq, die die Leinwand mit der Schwärze eines existenzialistischen Rollkragenpullovers füllt, ist auch eine Personale gewidmet.

Ungleich schriller präsentiert sich The Chickening von Nick Denboer und Davy Force, ein filmischer Remix von Stanley Kubricks The Shining. Wenn sich Jack Nicholson als Betreiber einer Hühnerfarm des Grauens in ein überdimensioniertes Federvieh verwandelt, muss das nicht jedermanns Geschmack sein, vergessen wird diesen Trip aber auch niemand so schnell.

Meer und Flüchtlinge

Ruhiger aber auch komplett gegensätzlich fallen die Animationsfilme LOVE (Reka Bucsi) und This Ain’t Disneyland (Faiyaz Jafri) aus. Zeigt Bucsi in lieblichen Bildern den Kreislauf des Lebens auf einem fernen Planeten, entwirft Jafri ein Szenario, in dem er den Einsturz des World Trade Center mit Bambi kombiniert.

Ein noch eindringlicheres Werk ist dem Südtiroler Ronny Trocker mit Estate gelungen. An einem europäischen Strand könnte Fotoidylle herrschen – wenn das Meer nicht afrikanische Flüchtlinge an Land gespült hätte. Aus dem Wechselspiel von Stillstand und Bewegung, Aufmerksamkeit und Teilnahmslosigkeit formt Trocker Fragen von Relevanz. Deren Beantwortung mag schwierig sein, Angst ist aber keine letztgültige Option. (Dorian Waller, 24.5.2016)

  • Gestörte Fotoidylle mit angespültem Flüchtling in Ronny Trockers Film "Estate",  26. 5., 19 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus beim Vienna Indipendent Shorts.
    foto: vienna independent shorts

    Gestörte Fotoidylle mit angespültem Flüchtling in Ronny Trockers Film "Estate", 26. 5., 19 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus beim Vienna Indipendent Shorts.

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