Die NS-Führungsetage in Salzburg

28. Mai 2016, 12:51
4 Postings

Barbara Huber erforscht systematisch Leitung und Entnazifizierung des NS-Apparats

Ganz zufrieden ist Barbara Huber nicht mit dem Begriff "Täterforschung" – das Gebiet, auf dem sie arbeitet. "Innerhalb des nationalsozialistischen Systems ist es oft schwierig, zwischen Schreibtischtätern, Mittätern und Mördern zu unterscheiden. Da gibt es oft einen Graubereich – besonders, wenn es nicht um Einzelbeispiele, sondern um die breite Masse von NS-Akteuren geht."

Die 1986 geborene Historikerin von der Universität Salzburg schaut ganz genau hin. Für ihre Dissertation zum Thema "Herrschafts- und Machtstrukturen der NSDAP Salzburg. Profil(e), Vernetzungen, Handlungs(spiel)räume" bekam sie kürzlich ein Marie-Andeßner-Stipendium des Zentrums für Gender-Studies und Frauenförderung der Uni Salzburg zugesprochen.

In ihrer Arbeit konzentriert sich Huber auf die führenden Personen im Salzburger NSDAP-Parteiapparat in der Zeit zwischen 1938 und 1945. "Mittlerweile konnte ich 143 NSDAP-Amtstragende erheben, also Gau-, Kreis- und Ortsgruppenleiter und ihre Stellvertreter sowie die Leiter von NSDAP-Ämtern", sagt Huber.

Für jene Personen, für die sie in diversen Archiven Daten gefunden hat, erfasste sie mit statistischen Methoden Altersstrukturen, berufliche Laufbahn, soziale Schichtzugehörigkeit und Zeitpunkt des Eintritts in die NSDAP. Was das Geschlecht betrifft, sind Frauen in der NS-Führungsebene übrigens rar – fünf Frauen hat Huber bisher in ihrem Sample.

Im zweiten Teil untersucht Huber, wie die Entnazifizierung in Salzburg vonstattenging. "Derzeit wühle ich mich durch zwei Bananenschachteln voller Gerichtsakten", erzählt sie. Ziel ist es, die Protokolle der Volksgerichtsverfahren nach Kriegsende diskursanalytisch zu untersuchen: "Ich schaue mir an, welche Themen angesprochen wurden, was relevant war und welche Konsequenzen daraus gezogen wurden."

Momentan kann sie erste Ergebnisse aus den Statistiken ableiten: "Die Hypothese, dass nach dem ,Anschluss' viele Parteipositionen mit Reichsdeutschen besetzt wurden, kann ich für Salzburg ausschließen. Ebenso wenig wurden Positionen nur mit illegalen Nationalsozialisten besetzt", berichtet sie. In der ersten Zeit seien aber bayrische Parteifunktionäre für den Aufbau des Apparats zur Verfügung gestanden.

Was den Eintritt in die NSDAP betrifft, habe sich gezeigt, dass auf Gauebene vergleichsweise wenige Personen vor dem Parteiverbot 1933 beigetreten waren, während auf niedrigeren Ebenen offenbar die meisten davor Mitglied wurden. "Das liegt unter anderem daran, dass die Angaben nach 1945 gemacht wurden und anzunehmen ist, dass die höheren Parteifunktionäre besser über die Konsequenzen informiert waren und viele nicht die Wahrheit sagten."

Neben ihrer Dissertation arbeitet Huber weiter an einem Großprojekt der Stadt Salzburg zur Aufarbeitung der NS-Zeit. Sie kann sich aber durchaus vorstellen, künftig das Thema zu wechseln. "Mich interessiert viel, vom Mittelalter aufwärts." Kritik äußert sie am Publikationsdruck in der Wissenschaft. "Ich bin gern Forscherin, aber ich möchte nicht längerfristig Teil eines Wissenschaftsbetriebs sein, in dem oft die Qualität geopfert wird, um möglichst viel zu veröffentlichen." Die Freude an der Geschichte kann ihr das aber nicht nehmen. (Karin Krichmayr, 28.5.2016)

  • Für ihre Dissertation hat Barbara Huber ein Marie-Andeßner-Stipendium bekommen.
    foto: privat

    Für ihre Dissertation hat Barbara Huber ein Marie-Andeßner-Stipendium bekommen.

Share if you care.