Zweiter Frühling für betagte Aktien

25. Mai 2016, 15:26
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Der Markt für historische Wertpapiere ist klein, dennoch lassen sich mitunter erstaunliche Preise erzielen

Wien – Historische Wertpapiere waren in gewissem Sinne sein Schicksal: Vor rund 30 Jahren ist Heinz Weidinger, schon damals leidenschaftlicher Sammler, erstmals mit Schuldverschreibungen oder Aktien aus längst vergangenen Zeiten in Kontakt gekommen. Der Rest ist – launisch formuliert – Geschichte. Er wurde selbst von der Leidenschaft zu historischen Wertpapieren erfasst und gründete in weiterer Folge mit Kollegen in Wien die Handelsgesellschaft für historische Wertpapiere, bei der er noch heute als geschäftsführender Gesellschafter tätig ist.

"Die Rechnung ist im Großen und Ganzen aufgegangen", meint Weidinger. Derzeit hat sein Unternehmen "ein paar Tausend Stück" dieser Papiere in seinem Fundus, denen freilich hauptsächlich unter Sammlern ein Wert beigemessen wird. Dabei gilt es, das Angebot der Nachfrage der Szene anzupassen: "Massen kann man davon nicht verkaufen." Dazu führt Weidinger pro Jahr vier Versteigerungen durch, eine davon – heuer im Spätherbst – ist öffentlich zugänglich.

Preisbestimmende Faktoren

In gutem Zustand sollten die Wertpapiere sein, also nicht beschädigt oder verhutzelt, und möglichst wenige Stücke sollten davon erhalten sein. Ebenfalls wertsteigernd wirkt es sich aus, wenn es sich beim Emittenten um eine lebende Firma handelt, zu der viele Leute einen emotionalen Bezug haben – oder das Unternehmen gewissermaßen selbst die eigene Geschichte zurückkauft.

foto: handelsgesellschaft für historische wertpapiere
Zur Versteigerung kommt unter anderem eine Aktie der Eisenbahn Wien-Aspang aus dem Jahr 1882. Der Rufpreis beträgt 250 Euro.

Wichtig ist zudem ein optisch ansprechendes Design. Als Beispiel nennt Weidinger Kriegsanleihen aus der Zeit des Jugendstils: "Damals hat man bekannte Künstler zur Gestaltung herangezogen, um die Anleihen an den Mann zu bekommen." Dieses Prinzip funktioniert grundsätzlich bis heute, wie Weidinger anhand der "Actie der Comischen Oper", später als Ringtheater bekannt, erklärt: Diese wurde von Johann Strauß (Sohn) eigenhändig unterfertigt, wovon es nur noch vier Stück gibt. Bei einer Auktion in Frankfurt wurde ein Papier um 55.000 Euro versteigert. "Das war der bisher höchste je erzielte Preis für ein historisches Wertpapier", hebt Weidinger hervor.

Vier Versteigerungen jährlich

Die aktuelle Versteigerung der Handelsgesellschaft läuft noch als Fernauktion: Bis Freitag, den 27. Mai, können Interessierte Gebote für die rund 830 betagten Wertpapiere abgeben. Kommt eines davon tatsächlich unter dem Hammer, müssen Käufer und Verkäufer jeweils 15 Prozent des erzielten Preises an Weidingers Handelsgesellschaft bezahlen – sofern das Papier nicht ohnedies aus dessen Besitz stammte. Die erzielten Preise schwanken laut Weidinger in der Regel zwischen dem Rufpreis und einem 30-prozentigen Aufschlag.

foto: handelsgesellschaft für historische wertpapiere
Die 5,5-prozentige Anleihe der Republik Österreich aus dem Jahr 1954 zum Wiederaufbau der Staatsoper hat einen Rufpreis von 250 Euro.

An "neue" Papiere kommt Weidinger, indem er selbst zu Auktionen ins Ausland fährt, manchmal werden ihm auch von Privaten Exemplare offeriert. "Selten werden dabei gute Papiere angeboten", schränkt er ein. An welche Wertpapiere er noch gerne kommen würde? Aktien aus der Gründerzeit bis 1873, als in Wien die größte Börse der Welt beheimatet war.
(Alexander Hahn, 25.5.2016)

  • Sie tragen ein Stück Wirtschaftsgeschichte in sich und erfreuen – zumindest in den meisten Fällen – auch das Auge: historische Wertpapiere.
    foto: jochen lübke

    Sie tragen ein Stück Wirtschaftsgeschichte in sich und erfreuen – zumindest in den meisten Fällen – auch das Auge: historische Wertpapiere.

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