Sechs Kandidaten als neuer Chef der Taliban in engerer Auswahl

24. Mai 2016, 15:05
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Nach der Tötung des Taliban-Anführers Mullah Akhtar Mansour, finden im Südwesten Afghanistans Beratungen über dessen Nachfolger statt

Kabul/Kandahar – Nach der Tötung ihres Anführers Mullah Akhtar Mansour durch eine US-Kampfdrohne wählen die radikalislamischen Taliban einen neuen Anführer. Mindestens 14 Kommandeure und Religionsführer diskutierten schon seit Sonntag über Kandidaten, hieß es am Dienstag aus pakistanischen Sicherheitskreisen. Die Beratungen fänden im Südwesten des Landes in der Provinz Baluchistan statt.

Mansours Stellvertreter in engerer Wahl

Informationen der Deutschen Presse-Agentur zufolge fielen im Laufe der Beratungen sechs Männer in die engere Wahl. Unter diesen Männern befindet sich bespielsweise Mansours Stellvertreter für Militärisches Jalaluddin Haqqani. Die USA haben ein Kopfgeld von umgerechnet 4,45 Millionen Euro auf ihn ausgesetzt. Für ihn spricht, dass er als kompetent gilt und einige der öffentlichkeitswirksamsten (weil verheerndste) Anschläge der Taliban in Szene gesetzt hat. "Er hat auch dazu beigetragen, die zersplitterten Taliban mehr zu einen", sagt der Sprecher der Nato-Mission Resolute Support, Charlie Cleveland. Gegen ihn spricht, das er nicht aus dem Süden – dem Kernland der Talibanelite – kommt, sondern aus dem Osten. Eine weitere Überlegung gegen ihn könnte sein, dass die USA sehr auf seine Tötung drängen und möglicherweise, wie bei Mansour, wieder selber die Initiative ergreifen. Haqqani würden von Beginn zur Zielscheibe, und die Bewegung könnte in kurzer Zeit ihren dritten Anführer verlieren.

Ehemaliger Bildungs- und Informationsminister

Als möglicher Nachfolger wird auch Mullah Amir Khan Mottaki gehandelt. Während der Herrschaft der Taliban war Mottaki Bildungs- und Informationsminister. Laut dem deutschen Afghanistan-Experten Thomas Ruttig ist er einer der ältesten und einflussreichsten Mitglieder in der Talibanbewegung. Er genieße breites Ansehen. Ruttig, der ihn als UN-Vertreter im Jahr 2000 getroffen hat, meint, Mottaki "wäre keine schlechte Wahl". Seine Begründung: "Er denkt politisch und ist kein Hardliner. Er hat für die Taliban wichtige Verhandlungen geführt und das Ansehen von Mullah Omar genossen." Auch er stammt allerdings nicht aus Kandahar, sondern aus Paktika.

Söhne von Mullah Omar

Auch den beiden Söhnen des langjährigen verstorbenen Talibanchefs Mullah Omar – Mullah Yaqub und sein jüngerer Bruder Abdul Manan Akhund – werden aufgrund der Beliebtheit ihres Vaters Chancen eingeräumt auf Mansour zu folgen.

Yaqub, der eine Religionsschule in Pakistan besucht haben soll, steuert laut Mitteilungen Militärkommissionen der Taliban in 15 Provinzen Afghanistans. Mit Ende 20 oder Anfang 30 könnte er von vielen als zu jung für den Chefposten wahrgenommen werden. Er wird als "sehr emotional" beschrieben. Als Sohn des verehrten Mullah Omar ist er jedoch auch eine Figur, die zerstrittene Fraktionen wieder versöhnen könnte.

Sein jüngerer Bruder, Mullah Abdul Manan Akhund, war nie sehr prominent unter den Taliban. Erst jüngst kam er zu mehr Ansehen und wurde im April, nach einem Bericht des "Long War Journal", zum Chef der Kommission für "Predigt und Ratschlag" ernannt. Dass er eine nicht kontroverse Figur ist, könnte aber ein Vorteil sein.

Zweite Wahl innerhalb eines Jahres

Der langjährige Chef der Taliban-Militärkommission, Kommandant Abdul Qayyum Zakir: Zakir, und der zweite Stellvertreter von Mansour, Haibatullah Akhundzada, stammen beide aus wichtigen Regionen für die Taliban, was ein Pluspunkt für die beiden Kandidaten sein könnte. Zakir stammt aus Helmand, wo die Taliban einen ihrer wichtigsten Kämpfe um mehr eigenes Territorium führen. Von 2001 bis 2007 war er im US-Terroristengefängnis Guantanamo Bay inhaftiert. Nach seiner Freilassung kehrte er auf das Schlachtfeld zurück. 2014 wurde er wegen Auseinandersetzungen mit Mullah Mansour als Chef der Militärkommission entlassen.

Haibatullah Akhundzada stammt aus dem Kernland der Talibanführung, der Südprovinz Kandahar und genießt als religiöser Gelehrter und hochrangiger Talibanrichter Achtung und Respekt unter vielen Taliban. Es gibt aber Stimmen, die sagen, ihm fehle es an der nötigen Härte zu führen.

Es ist das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass die Taliban einen neuen Anführer wählen müssen. Ende Juli 2015 hatte der am Samstag getötete Mansour offiziell vom bereits zwei Jahre zuvor verstorbenen Mullah Omar übernommen. Danach waren blutige interne Machtkämpfe ausgebrochen. Laut einer in der pakistanischen "Express Tribune" zitierten Talibanquelle sollen "die Fehler vom letzten Mal" diesmal vermieden werden. (APA, 24.5.2016)

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