Rainer Erlinger: "Höflichkeit" als demokratische Tugend

25. Mai 2016, 16:21
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Ist es altmodisch, höflich zu sein? Zeugt es gar von Unterwürfigkeit? Oder ist Höflichkeit ohnehin nur Etikette? Der Mediziner setzt sich in einem Buch mit verschiedenen Facetten der Höflichkeit auseinander

STANDARD: Sie sind Mediziner und Jurist und haben jetzt ein Buch über Höflichkeit geschrieben. Leben Menschen gesünder und friedlicher, wenn sie höflicher sind?

Rainer Erlinger: Mein Wechsel zur Höflichkeit erfolgte über den Umweg meiner Beschäftigung mit der Alltagsmoral. Dabei entdeckte ich, dass der Höflichkeit im zwischenmenschlichen Umgang eine bedeutsame Rolle zukommt. In der Tat lebt man mit der Höflichkeit friedlicher und gesünder. Eine unhöfliche Behandlung löst Stress aus und führt zu Gesundheitsproblemen. Untersuchungen belegen, dass Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz unhöflichen Vorgesetzten ausgeliefert sind, ein deutlich erhöhtes Risiko für tödliche Herzerkrankungen haben.

STANDARD: Ist eine Arbeitswelt mit mehr Höflichkeit besser?

Erlinger: Höflichkeit ist in der Arbeitswelt wichtiger, als man meinen möchte. Leistung und Kreativität nehmen ab, wenn Menschen einer unhöflichen Behandlung ausgesetzt sind. Auch die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Dabei müssen sie nicht einmal selbst betroffen sein. Es reicht aus, wenn sie beobachten, wie Kollegen unhöflich behandelt werden. Ähnliches gilt für Kunden. Wenn sie Zeuge von Unhöflichkeiten zwischen Mitarbeitern werden, wirkt sich das negativ auf ihre Einstellung zu dem Unternehmen aus. Unhöflichkeit überträgt sich.

STANDARD: Aber wie viel Höflichkeit verkraftet die Arbeitswelt? Sie zeigen am Beispiel des Absturzes des Air-Florida-Fluges 90, wie die höflichen Worte eines Kopiloten, der dem Kapitän nicht widersprechen will, sogar Leben kosten können.

Erlinger: Der Kopilot versuchte dem Kapitän klarzumachen, dass sich beim Warten auf den Start am Flugzeug Eis gebildet hatte und Instrumente eingefroren waren. Aber er vermied es, das Problem direkt anzusprechen. Seine abgeschwächt formulierten Einwände fanden beim Piloten kein Gehör. Tatsächlich ist die Äußerung von Kritik per se nicht unhöflich. Ein offener Umgang mit möglichen Fehlern gehört durchaus zur Höflichkeit. Man erweist dem anderen Achtung, wenn man zeigt, dass man sich mit dem, was er tut, auseinandersetzt.

STANDARD: Also ist auch das Lügen aus vorgegebener Höflichkeit in Wahrheit nicht höflich?

Erlinger: Nein. Es zeugt nicht von Achtung vor dem anderen, wenn man ihn belügt. Es dient nur der Wahrung des eigenen Gesichts. Man möchte sich selbst nicht ins soziale Abseits bringen. Ginge es um den anderen, müsste man sich danach orientieren, wie eine Lüge beim Gegenüber ankommt. In Untersuchungen zeigte sich, dass die Frage, ob jemand aus Höflichkeit die Lüge der Wahrheit vorzieht, nicht davon abhängt, wie selbstbewusst er das Gegenüber einschätzt, sondern davon, wie selbstbewusst er selbst ist. Es geht beim höflichen Lügen also nicht so sehr um das Gegenüber.

STANDARD: Verschleiert Höflichkeit die Klarheit der Kommunikation?

Erlinger: Ja, sie verschönt die Kommunikation, und sie erschwert sie auch, weil sie weniger direkt ist. Sie schwächt ab, verkleidet direkte Aufforderungen und fragt, statt zu befehlen. Das sieht man an der Frage nach der Uhrzeit. Man fordert jemanden nicht auf: "Sagen Sie mir die Uhrzeit!", sondern formuliert stattdessen eine Frage: Wissen Sie, wie spät es ist?

foto: kyodo
Das japanische Kaiserpaar beim Vollziehen einer höchst demokratischen Höflichkeitsgeste. "Höflichkeit drückt die Achtung gegenüber dem Menschen aus", sagt der Mediziner und Autor Rainer Erlinger.

STANDARD: Lassen sich im Empfinden der Höflichkeit regionale Unterschiede ausmachen?

Erlinger: Die Unterschiede sind eher sprachlich bedingt. Eine Bitte etwa wird im Süden eher durch eine Frage ausgedrückt. Im Norden äußert man sich direkter, aber darum nicht weniger herzlich.

STANDARD: Sie bringen eine Reihe von Beispielen aus der k. u. k. Monarchie. Wie viel "Hof" steckt noch in der Höflichkeit?

Erlinger: Das Wort leitet sich vom rechten Verhalten am Hof ab. Ich distanziere mich jedoch von dieser Verbindung. Die höfische Etikette war hierarchisch. Es ging dabei nur um Rang und Rolle. Untergebene mussten sich gegenüber Höheren höflich verhalten. Diese Höflichkeit galt immer nur der Stellung, nicht der Person an sich. Der Kaiser selbst brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Moderne Höflichkeit ist hingegen eine demokratische und egalitäre Tugend. Sie drückt die Achtung gegenüber dem Menschen aus, egal in welcher Stellung dieser sich befindet.

STANDARD: Welche Beziehung hat die Höflichkeit zur Moral?

Erlinger: Sie steht ihr nahe. In der Höflichkeit findet der Respekt vor dem anderen Ausdruck, und das ist eine zentrale Forderung der Moral. Die Höflichkeit ist auch mit Menschenwürde verknüpft. Denn sie beinhaltet, dass jedem die gleiche Achtung als Mensch gebührt.

STANDARD: Beobachten Sie gegenwärtig ein Bedürfnis nach einem höflicheren Umgang?

Erlinger: Ja, das sehe ich. Da die Menschen zunehmend in Städte ziehen, gestaltet sich das Leben unpersönlicher. Zugleich sitzt man näher aufeinander. Da braucht es Formen, um miteinander umzugehen, auch wenn man einander nicht kennt oder mag. Die Höflichkeit als Umgangstugend ermöglicht einen zivilisierten Umgang, ohne zueinander in eine Beziehung treten zu müssen. Das ist das Wertvolle an ihr.

STANDARD: Dazu gehört auch das Thema des Umgangs mit Flüchtlingen, das Sie in Ihrem Buch ansprechen. Kann die Höflichkeit als Umgangstugend da hilfreich sein?

Erlinger: Es ist ein Vorzug der Höflichkeit, nicht von Zuneigung, Großzügigkeit und nicht von der moralisch geforderten Hilfe abhängig zu sein. Ob jemand, der geflohen ist und bei uns Schutz sucht, Aufnahme findet, hat nichts damit zu tun, wie man mit ihm umgeht. Die Höflichkeit wird von Gesten geprägt. Oft sind die Gesten stärker als das, was man bewirken kann. Aber die Gesten müssen zeigen, dass man Schutzsuchende als Menschen behandelt. Dazu gehört, dass man sie willkommen heißt, sie nicht im Freien stehen lässt und in abgeschottete Areale bringt.

STANDARD: Sie beschreiben die Wirkung des "10/5 way" in Krankenhäusern. Wäre er für Asylunterkünfte sinnvoll, in denen viele traumatisierte Menschen wohnen?

Erlinger: Das ist sicher ein schöner Ansatz, auch wenn ich mir schwer vorstellen kann, wie das in der Hektik des täglichen Lebens funktioniert: Bei zehn Fuß, also etwa drei Metern Entfernung nimmt man Blickkontakt auf, und bei fünf Fuß Entfernung grüßt man. Was aber hinter diesem Verhalten steht, ist das Anerkennen des anderen als Menschen.

STANDARD: Abbas Khider führt in seinem Roman "Ohrfeige" ein interkulturelles Tabuthema an, nämlich die Toilettenbenützung im Flüchtlingsheim. Muslimische Bewohner vermissen die Waschmöglichkeit bei den Toiletten, während christliche Bewohner den Muslimen vorwerfen, diese würden auf die Toiletten steigen. Wie ist dieser Konflikt höflich zu lösen?

Erlinger: Hier geht es um unterschiedliche Kulturen, keine unterschiedlichen Grundhaltungen. Die Frage, wie man eine Toilette benützt, ist nicht essenziell für das Zusammenleben. Natürlich wäre es sinnvoll, wenn es logistisch möglich ist, Toiletten einzubauen, die in der Art funktionieren, wie die Menschen es aus ihren Heimatländern kennen. Andererseits sollte jemand, der zu uns kommt, auch akzeptieren, dass das Leben hier anders läuft.

STANDARD: Ein Lob auszusprechen, wusste der rumäniendeutsche Schriftsteller Eginald Schlattner von seiner Tante, sei unhöflich, weil das unterstelle, dass es auch anders sein könnte. Ist das noch Höflichkeit oder schon Etikette?

Erlinger: Das kann beides sein. Ist es in einem Land so üblich, dann ist es Etikette. Eine Literaturwissenschafterin, die eine Zeitlang in Georgien lebte, schrieb von ihrer Verwunderung, dass die Familie, bei der sie gewohnt habe, ihre Geschenke achtlos beiseitegelegt habe. Nicht einmal ausgepackt habe man sie. Auf Nachfrage erklärte man ihr, das gehöre sich nicht. Es entstehe sonst der Eindruck, das Geschenk sei wichtiger als der Gast. Diese Begründung ist gut nachvollziehbar. Die Kultur kann etwas höflich Gemeintes unhöflich erscheinen lassen. (Ruth Renée Reif, 25.5.2016)

Rainer Erlinger, geboren 1966 in Deggendorf, ist Mediziner und Jurist. Nach seinen Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Arzt und Rechtsanwalt arbeitet er als Publizist auf dem Gebiet der Moral. Im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" erörtert er wöchentlich "Gewissensfragen". Zu seinen jüngsten Buchveröffentlichungen zählen: "Moral. Wie man richtig gut lebt" (S.-Fischer-Verlag 2011), "Darf man Eltern sagen, dass ihre Kinder nerven? Und andere Gewissensfragen aus dem Alltag" (S.-Fischer-Verlag 2016) und "Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend" (S.-Fischer-Verlag 2016).

  • Rainer Erlinger, "Höflichkeit.  Vom Wert einer wertlosen Tugend"  € 20,60 / 347  Seiten. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2016.
    foto: der standard

    Rainer Erlinger, "Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend" € 20,60 / 347 Seiten. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2016.

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