Islamkritikerin über die AfD: "Die Luft ist schmutzig geworden"

Interview26. Mai 2016, 12:10
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Ex-Muslimin Mina Ahadi: "Wenn man den Islam kritisiert, hat man Probleme mit den linken Intellektuellen"

Das Treffen zwischen der islamophoben Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) in Berlin endete am Montag nach kurzer Zeit in einem programmierten Eklat.

Zentralrats-Chef Aiman Mazyek hatte AfD-Vorsitzende Frauke Petry zum Gespräch geladen, verbunden mit der Frage "Warum hassen Sie uns?". Der Zentralrat forderte, dass die AfD den Satz, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, aus dem Parteiprogramm streicht. Die AfD wiederum stößt sich an der Gleichsetzung mit der NS-Ideologie durch den Zentralrat und forderte einen Widerruf.

Die AfD hatte zuletzt auch bei Mina Ahadi, der Vorsitzenden des religionsfreien Zentralrats der Ex-Muslime wegen eines Gesprächs angefragt. Ahadi erteilte Petry in einem offenen Brief eine Absage. Im Gespräch mit dem STANDARD erläutert sie ihre Gründe und spricht über Islamkritik und Multikulturalismus.

STANDARD: War das Treffen zwischen der AfD und dem Zentralrat der Muslime von vorneherein nur eine Show mit logischem Scheitern?

Mina Ahadi: Ich denke auch, dass sowohl der Zentralrat als auch die AfD einige Punkte vertreten, die nicht miteinander vereinbar sind. Der Satz im Parteiprogramm, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, ist eine Identitätsfrage für die AfD, es stehen die Standpunkte gegeneinander.

STANDARD: Eine provokante Frage: Gehört der Islam zu Deutschland?

Ahadi: Nein, der Islam gehört nicht zu Deutschland, wie auch alle anderen Religionen nicht zu Deutschland gehören. Die Fragestellung ist falsch. Ich stelle dazu gerne die Gegenfrage: 'Gehört Deutschland zum Mittelalter oder der Vergangenheit?'. Religion ist Privatsache und sollte sich nicht in Bereiche wie das politische System oder das Unterrichtswesen einmischen. In Deutschland und in Österreich haben die Kirchen aber Macht und mischen sich ein. Das zeigt sich schon, wenn eine Partei wie die CDU die Religion im Namen führt. Auf dieser Grundlage versuchen die islamischen Organisationen ebenfalls Einfluss zu gewinnen. Deswegen bin ich für eine absolute Trennung von Kirche und Staat. Dass der Islam eine aggressive, frauenfeindliche, politische Bewegung ist, muss gesehen werden.

STANDARD: Welchen Rückhalt hat der ZMD in der muslimischen Bevölkerung?

Ahadi: Kein Mensch hat Mazyek gewählt, der ZMD vertritt nur eine kleine Gruppe der Muslime in Deutschland. Im Zentralrat sind verschiedene Richtungen vereinigt, aber von bestimmten Gruppen wie den Salafisten und saudi-finanzierten versucht man Abstand zu halten. Die deutsche Regierung verlangt jedoch wegen der Deutschen Islamkonferenz eine Zusammenarbeit der muslimischen Gruppierungen.

STANDARD: In Ihrem offenen Brief an Petry schreiben Sie, die AfD träume den "gleichen fundamentalistischen Traum wie die Islamisten". Ist das eine Überspitzung, die AfD definiert sich zumindest selbst als demokratische Partei?

Ahadi: Dazu muss man die Frage klären, was ist die AfD? Die Partei definiert sich über Parolen gegen die EU und fokussiert auf Islam, Sharia, politischen Islam. In ihrem Programm haben sie zwar auch auf dem Humanismus basierende Aussagen, es werden dabei Positionen eingenommen, die auch wir vertreten und die von vernünftigen Menschen geteilt werden können. Aber ihre wesentlichen Signale vergiften das Klima in Deutschland. Wenn sie fordern, das "Flüchtlingschaos zu beenden" und davon sprechen, auf Flüchtlinge an den Grenzen zu schießen, dann hat das einen Einfluss auf die Gesellschaft. Die Luft ist schmutzig geworden in Deutschland. Die pauschale Propaganda hat einen Effekt auf der Straße.

STANDARD: Kann es mit Parteien wie der AfD einen Diskurs geben?

Ahadi: Prinzipiell bin ich der Meinung, dass eine offene Diskussion möglich sein muss. Petry hat mich eingeladen, weil sie meine Positionen kennt. Wenn wir gemeinsam auftreten würden hieße es, "beide sind islamkritisch". Ich möchte nicht vereinnahmt werden. Ich gehe auch nicht zu einer FP-Wahlveranstaltung. Wenn aber zum Beispiel Norbert Hofer eine Debatte in der Öffentlichkeit führen wollte, gerne.

STANDARD: Stichwort Hofer, wie ordnen Sie das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl ein?

Ahadi: Fünfzig Prozent, das ist zu viel. Die Schere zwischen arm und reich, die Arbeitslosigkeit, die Flüchtlinge, das sind Themen, die fast nur von den Rechten besetzt werden. Ich wünsche mir, dass über bestehende Probleme offen geredet wird. Es muss eine Kursänderung stattfinden.

STANDARD: Was sollte die deutsche Regierung respektive die anderen EU-Staaten in der Flüchtlingsfrage tun?

Ahadi: Merkel wurde stark kritisiert, aber ich schätze sie für ihre Haltung. Sie hat versucht menschlich zu agieren, andere EU-Staaten waren jedoch gleichgültig. Die AfD oder auch die FPÖ bieten einfache Antworten auf schwierige Fragen. Aber in den Krisengebieten haben Millionen Menschen alles verloren, und man muss Fragen warum? Was hat die EU verursacht, und was haben die USA verursacht? Diese Fragen sind wichtig.

Ich weiß das aus meiner eigenen Lebenserfahrung: die Flüchtlinge haben eine Geschichte und eigene Erlebnisse, die man beachten muss. Aber hier erhalten sie als ihre Identität alle den Stempel "Moslem". Sie werden über ihre Religion definiert. Daher werden Moscheen und Imame als Mittel zur Integration gesehen, aber das ist der falsche Ansatz.

Man muss den Migranten die hier geltenden Prinzipien und Freiheiten klar machen. Man muss ihnen sagen, du darfst hier keine Frau schlagen, du kannst dein Kind nicht zwingen, ein Kopftuch zu tragen und du kannst am Arbeitsplatz kein Kopftuch tragen.

STANDARD: Welche Erfahrungen haben Sie aus Österreich mitgenommen?

Ahadi: Das Diskussionsklima in Österreich ist sehr schlecht. Die Ideologie einer multikulturellen Gesellschaft ist in der Debatte sehr stark verwurzelt. Die Probleme werden damit verharmlost. Unter der Bezeichnung Multikulturalismus werden Dinge wie Ehrenmorde und Zwangsehen als "Kultur" abgestempelt und bagatellisiert. Das Kopftuch gilt bei manchen Feministinnen und Menschenrechtlerinnen als "emanzipiert" und wird auch Kultur und Religion zugeordnet. Wenn sich jemand wie ich als Ex-Muslim definiert und deswegen Personenschutz benötigt, ist das kein Thema.

Im Umgang mit dem Iran hat gegenüber Themen wie dem Kopftuchzwang oder Geschlechtertrennung an den Universitäten immer Gleichgültigkeit geherrscht. Die Sharia, die Hinrichtungen und Steinigungen wurden immer nur am Rande angesprochen. Die europäische Linke hat den Islamisten im Iran geholfen. Uns Frauen und alle Menschen hat man verraten.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Verantwortung der Medien ein?

Ahadi: Ich halte nichts von Rechtsextremen, die erklären, alle Medien seien korrupt. Aber vernünftigen Kritikern und Organisationen sollten mehr Möglichkeiten gegeben werden zu Wort zu kommen. Ich habe in Österreich sehr wenig Chancen gehabt, meine Themen in die Medien zu bringen. Ich habe meine ganze Kraft gegen den politischen Islam und gegen die Todesstrafe eingesetzt. Aber wenn man den Islam kritisiert, hat man sofort Probleme mit den linken Intellektuellen. In Österreich noch mehr als in Deutschland. Die Linken haben nichts verstanden und versagt – sie sind schuld an der heutigen Situation. Es müssen Fragen gestellt werden: was wird in den Moscheen gemacht, woher kommt das Geld? Die Menschen reagieren dann, indem sie die Partei wählen, die über die Probleme redet, und das Feld wird den Rechtsextremen überlassen. Aber wir müssen die Prinzipien der Renaissance verteidigen, nicht die des "Abendlandes". (Michael Vosatka, 26.5.2016)

Die gebürtige Iranerin Mina Ahadi ist Vorsitzende des Zentralrats für Ex-Muslime in Deutschland. Sie ist Gründerin des Internationalen Komitees gegen Steinigung und des Komitees gegen Todesstrafe. Die Aktivistin wurde erst vom Regime Schah Mohammad Reza Pahlevis verfolgt, danach vom Mullahregime Khomeinis. 1980 wurden in ihrer Abwesenheit ihr Ehemann und fünf Gäste in ihrer Wohnung verhaftet und kurz darauf ermordet, Mina Ahadi ging in den Untergrund und schloss sich der kurdischen Organisation Komalah an. Nach ihrer Flucht 1990 lebte sie bis 1996 in Wien und wurde österreichische Staatsbürgerin, seit 1996 wohnt sie in Köln.

  • Mina Ahadi ist deklarierte Ex-Muslimin und benötigt daher Personenschutz.
    foto: apa/epa/jensen

    Mina Ahadi ist deklarierte Ex-Muslimin und benötigt daher Personenschutz.

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