Missbrauchsprozess: Der Zwölfjährige und die Exfreundin

24. Mai 2016, 14:17
77 Postings

Ein 41-Jähriger wollte angeblich Sex zwischen seiner Liebhaberin und einem Buben arrangieren. Ein Prozess voller Widersprüche

Wien – Das Verfahren gegen Günter M. ist eines der seltsamsten des bisherigen Jahres. Der 41-Jährige soll einen wildfremden Zwölfjährigen unter Druck gesetzt haben, dass dieser mit seiner, M.s, Exfreundin Sex hat. Und das filmt. Deshalb sitzt er mit einer Anklage wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Petra Poschalko.

Ereignet soll sich die Sache am 23. September 2014 haben. Warum die Anklagebehörde eineinhalb Jahre brauchte, um den Fall verhandlungsreif zu machen, bleibt offen. Der unbescholtene M. jedenfalls bekennt sich mit Vehemenz nicht schuldig.

Freundschaftsdienst in On-off-Beziehung

Ivana T. kenne er seit der Jahrtausendwende, man habe eine primär sexuelle On-off-Beziehung gehabt. Er bestreitet, dass er ihr, wie sie behauptet, immer wieder Männer vorbeigeschickt und dafür bis zu 250 Euro bezahlt hat. "Geld habe ich ihr gegeben, wenn sie keines hatte, aber das war ein reiner Freundschaftsdienst."

Dass Ivana T. viele Männerbekanntschaften hatte, habe er gewusst. Aber er habe nichts damit zu tun. Dass er von ihr verlangt hat, am Telefon mitlauschen zu dürfen, während sie Sex hat, bestreitet er zunächst auch. Später gibt er allerdings zu, dass das doch einmal der Fall war – "Aber eigentlich zufällig. Sie hat angerufen, und dann habe ich das schon gehört."

Völlig unerklärlich ist M. auch die Anschuldigung des Buben. Der behauptet, ein Mann habe ihn in Favoriten bei einer Bushaltestelle angesprochen und nach seiner Adresse gefragt. Man blieb in Kontakt, auch via Facebook tauschte man Nachrichten aus. Der Mann habe ihm die Adresse von Frau T. gegeben und ihn aufgefordert, zu dieser zu gehen, mit ihr zu schlafen und "perverse Videos" zu machen.

Auf Facebook mit Bub befreundet

"Ich kenne den Buben nicht!", beteuert der Angeklagte. "Er hat Sie bei der Polizei aber aus mehreren Fotos identifiziert", hält ihm Poschalko vor. "Dann kennt er mein Profilbild auf Facebook."

Denn das Kind war tatsächlich mit ihm in Kontakt, wie sichergestellte Daten zeigen. "Aber zunächst hat er mir eine Nachricht geschickt. Wie ich immer so schnell Sex haben kann. Und ob ich wen kenne, mit dem er Sex haben kann."

Nun sollte man meinen, dass man eine derartige Nachricht eines Unbekannten einfach ignoriert. M. tat das nicht. Seine Erklärung dafür ist die Ernst-Strasser-Verteidigung: Er habe ein abgekartetes Spiel von T. vermutet und wollte sie auffliegen lassen. "Und was für ein Motiv sollte Frau T. oder der Bub haben?", fragt Poschalko. "Vielleicht war sie zornig oder eifersüchtig, dass ich den Kontakt unterbrochen habe", mutmaßt der Angeklagte.

Belastende SMS an Ex-Freundin

Der SMS-Verkehr mit seiner Bekannten belastet ihn aber ziemlich. Beispielsweise beschreibt er detailliert die Kleidung des Buben und dass er im Hof warten werde. Oder: "Ich geb Dir extra, wenn ich lauschen kann beim Blasen und Ficken." Oder: "Habe neues Angebot, 120 Euro." Oder: "Der Zwölfjährige will mitficken."

Das sei einerseits der Versuch gewesen, sie aus der Reserve zu locken. Und andererseits habe man das öfter gemacht. "Sie hat mir ja gesagt, wenn sie mit anderen Männern was hat. Wir haben uns teilweise aufgeganselt mit solchen SMS." Die Beschreibung des Buben habe Frau T. ihm zuvor geschickt, die Polizei hat aber nur seine Antworten dokumentiert.

Der Auftritt der 36-jährigen Zeugin gerät dann zu einer Überraschung. Sie widerruft ihre Aussage bei der Polizei nämlich praktisch vollständig und kann sich nicht erklären, wie die Polizisten das ins Protokoll schreiben konnten.

Bub sprach von "Onkel"

Ja, der ihr unbekannte Bursche habe bei ihr geklingelt. Als sie mit ihm sprach, sei er verängstigt gewesen und habe ständig etwas von einem "Onkel" erzählt. Der Bub habe aber weder gesagt, was er bei ihr will, noch habe er den Namen des Angeklagten je erwähnt.

Seltsamerweise kommt Poschalko nicht auf die Idee, den Angeklagten aus dem Saal zu schicken, erst der Staatsanwalt beantragt eine abgesonderte Vernehmung. Und nun bestätigt T., dass sie bei der Polizei die Wahrheit gesagt habe. Sie deutet an, ein wenig Angst vor M. zu haben, schließlich habe sie der um 3.30 Uhr am Verhandlungstag besucht, um die Aussage zu besprechen.

Sie bestätigt auch, dass ihr M. einmal einen Arbeitskollegen vorbeigeschickt habe, mit dem sie Geschlechtsverkehr hatte. Geld sei aber nie geflossen, beteuert sie. Verteidigerin Romana Zeh-Gindl will wissen, warum die Zeugin M. eine SMS geschrieben habe, er könne den Burschen vorbeibringen. "Bevor das Kind in andere Hände kommt, wollte ich mit ihm zur Polizei gehen!", erklärt T. erregt.

"Er ist sexsüchtig"

Sie macht den Eindruck, ihren Liebhaber nicht unbedingt belasten zu wollen, sagt aber doch: "Ich weiß nicht, warum er so verrückt geworden ist. Ich glaube, er muss in Behandlung. Er ist sexsüchtig."

Der Angeklagte bestätigt den nächtlichen Besuch. "Der war aber schon länger ausgemacht, und wir haben nicht über den Prozess gesprochen." Die Geschichte mit dem Arbeitskollegen stimmt auch nicht: "Das war ich. Im Dunklen. Sie wollte sich vorstellen, es mit einem Fremden zu machen."

Bei der Vorführung des Videos der Einvernahme des Kindes wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Zweifel an den Zeugen

Was bedauerlich ist, denn die Aussage ist einer der Gründe, warum der Senat nach gut halbstündiger Beratung den Angeklagten freispricht. Und zwar ohne Zweifel. "Frau T. hat einen unglaubwürdigen Eindruck gemacht, und wir haben erhebliche Zweifel an der Aussage des Kindes", begründet Poschalko.

Man habe M. dagegen geglaubt, dass es "eine eigenartige Beziehung mit perversen Sexspielen" gewesen sei. Ein mögliches Motiv für die Verleumdung durch die Frau und den Buben wird nicht angeführt. Der Staatsanwalt erhebt Nichtigkeitsbeschwerde, das Urteil ist nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 24.5.2016)

Share if you care.