Bruno Podalydès: "Die Midlife-Crisis finde ich abstoßend"

Interview24. Mai 2016, 15:39
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Kajaking führt den Helden der poetisch-burlesken Komödie "Nur Fliegen ist schöner" heraus aus den Routinen des Lebens, hin zu sinnlichen Abenteuern. Der Regisseur im Gespräch

Bruno Podalydès gehört zu den unverwechselbarsten Komödienschöpfern des französischen Kinos. Seine Filme sind persönlich und oft ein wenig sonderbar, sie richten sich lieber auf die kleinen Unebenheiten des Lebens aus anstatt auf die tragenden Säulen. Oft übernimmt er selbst darin eine tragende Rolle, wie Woody Allen immer als sein eigenes Ebenbild; auch sein Bruder Denis ist so gut wie immer mit dabei.

In "Comme un avion" ("Nur Fliegen ist schöner") spielt Bruno Podalydès Michel, einen Computergrafiker, dessen Ehe mit Rachel (Sandrine Kiberlain) gewisse Abnutzungserscheinungen aufweist. Doch statt dem konventionellen Seitensprung folgt in diesem Film eine unerwartete Wendung ins Grüne: die Flucht ins Hobby, in den Freizeitsport Kajaking. Podalydés (beziehungsweise sein Held Michel) misst bereits dem Material, dessen glänzenden Oberflächen und hohen technischen Standards eine beinahe obsessive Aufmerksamkeit zu, die es wie ein Zauberwerkzeug erscheinen lässt. Und tatsächlich: Mit dem Kajak begibt sich der Held in eine impressionistische Gegenwelt, in einen Sommernachtstraum zwischen Renoir und Shakespeare.

STANDARD: "Nur Fliegen ist schöner" ist ein Film über die Midlife-Crisis – und dann wieder nicht. Die Problemlage ist nicht so eindeutig. Sind Ihnen die kleinen Unterschiede wichtiger als ein zentrales Thema?

Podalydès: Ich versuche in der Tat, Botschaften zu vermeiden. Und Charaktere, die genau soziologisch zu bestimmen wären. Oft liest man in einer Kritik: Die Hauptfigur ist 50 Jahre alt, und dann denkt man gleich, das ist schon das Thema, selbst wenn diese Philip Marlowe heißt. Also: Die Midlife-Crisis interessiert mich nicht, ich finde sie sogar ziemlich abstoßend.

STANDARD: Warum?

Podalydès: Weil sie ihr eigenes Klischee ist.

STANDARD: Eines der ungewöhnlichen Dinge des Films ist die Faszination für Kajaking. Es ist nicht einfach nur ein Hobby oder eine Passion Ihres Helden Michel. Es wird zu einer Bewegung, die sein ganzes Leben erfasst.

Podalydès: Haben Sie es schon mal ausprobiert? Es ist ein ganz einzigartiges Gefühl, weil es sich wie eine Verlängerung des Körpers anfühlt, man wird zur Meerjungfrau. Man muss sich nur ein stilles Wasser suchen, wo Ruhe herrscht. Das Kajak ist nicht einfach nur ein kleines Boot. Man ist selbst im Wasser, ohne nass zu werden.

STANDARD: Ganz ähnlich spricht auch Michel darüber, den Sie ja selbst spielen. Da gibt es also Ähnlichkeiten.

Podalydès: Ja, ja. Ich tu es selbst, aber nur auf stillen Gewässern. Ich wandere mir dem Kajak in neue, unbekannte Gegenden.

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STANDARD: Der Platz, an den Sie im Film mit dem Kajak gelangen, ein Gasthof im Grünen, ist ein wenig wie ein Fantasieort. Man kommt davon auch nicht mehr richtig weg wie in Buñuels "Würgeengel".

Podalydès: Es ist wie ein Märchenort, eine Wiese, von der man den Weg zurück nicht mehr findet.

STANDARD: Wie haben Sie diesen Ort erschaffen?

Podalydés: Ich bin von diesen typischen Landgasthöfen ausgegangen, die vor allem im 19. Jahrhundert in Frankreich sehr populär waren. Man nennt sie Guingettes, sie lagen oft an Gewässern, man konnte dort essen, aber auch tanzen und Sportarten ausüben. Man sieht viele davon in impressionistischen Gemälden, bei Van Gogh oder Pierre-Auguste Renoir. Und natürlich in Manets "Le Déjeuner sur l'herbe". Ich wollte es allerdings nicht allzu nostalgisch angehen, deshalb hab ich auch keinen Akkordeonspieler eingebaut, der dafür besonders typisch war.

STANDARD: Absinth gibt es jedoch – und der beeinflusst auch die Geschichte …

Podalydès: Ja, es ist ein sehr starker, süßer Alkohol. Er war viele Jahre lang verboten, nun gibt es ihn wieder, was gut ist, denn er ist gesund. Man muss ihn jedoch maßvoll konsumieren. Die Geschichten, dass er blind mache, sind alle falsch. Es wurde viel falscher Absinth verabreicht, daher das schlechte Image.

STANDARD: Agnès Jaoui und Vimala Pons spielen die beiden Frauen, auf die Michel trifft. Beide faszinieren ihn.

Podalydès: Michel hat im Grunde zwei Affären im Film, eine sinnliche-sexuelle und eine eingebildete. Mit beiden versuche ich gegen das Klischee zu verfahren. Das eine wäre, dass Männer in ihren 40er-, 50er-Jahren jüngere Frauen bevorzugen. Doch das, was oberste Priorität hat, ist die Sinnlichkeit.

STANDARD: Und was hat es mit dem Witz rund um Pierre Arditi auf sich? Er verkörpert diesen unglaublich unsympathischen Fischer.

Podalydès: Wie im Märchen gibt es ein Monster, das den Eingang bewacht, und das ist Arditi. Das ist ein Running Joke zwischen ihm und mir, denn er hat sich einmal beklagt, dass seine Rollen von Film zu Film immer kleiner werden. Bald werde ich einen Fisch spielen, sagt er letztes Mal. Deshalb machte ich ihn nun zu einem Fischer. (Dominik Kamalzadeh, 24.5.2016)

  • Bruno Podalydès flüchtet in "Nur fliegen ist schöner" mit dem Kajak ins Grüne.
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    Bruno Podalydès flüchtet in "Nur fliegen ist schöner" mit dem Kajak ins Grüne.

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