Präsidentenwahl: Wo Van der Bellen und Hofer in Wien ihre Hochburgen haben

Video25. Mai 2016, 12:21
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Nur in Simmering konnte der blaue Kandidat Hofer mehr Wähler überzeugen als Van der Bellen. Dieser schaffte es, viele Wähler von anderen Kandidaten abzuholen

Wien – Mag es in Österreich im Rennen um das Amt des Bundespräsidenten noch so knapp gewesen sein, in Wien war es eindeutig. 63,3 Prozent der Stimmen konnte der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen für sich lukrieren. Sein Konkurrent, der Blaue Norbert Hofer, erreichte lediglich 36,7 Prozent.

foto: apa/roland schlager
Alte Bekannte: Alexander Van der Bellen mit Bürgermeister Michael Häupl nach seiner Angelobung im Wiener Gemeinderat im September 2012. Häupl sprach sich nach dem Ausscheiden des SPÖ-Kandidaten Hundstorfer für Van der Bellen aus.

Dass die Stichwahl in der Bundeshauptstadt zugunsten Van der Bellens ausgeht, war schon nach dem ersten Wahlgang vorhersehbar. 32,8 Prozent erreichte er im rot-grün regierten Wien. Hofer lag mit 27,7 Prozent auf Platz zwei. SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer kam mit 12,5 Prozent nicht annähernd an das Ergebnis der Stadt-Roten bei der Wien-Wahl vergangenen Oktober. Damals bekamen sie noch 39,9 Prozent. Nachdem ihr Kandidat nicht die Stichwahl erreicht hat, sprachen sich große Teile der roten Stadtregierung für Van der Bellen aus.

Grüne Innenbezirke

Die meisten Wählerstimmen konnte sich Van der Bellen in den bürgerlichen Bobo-Bezirken rund um die Wiener Ringstraße sichern. Im auf der Gemeindeebene grünen Bezirk Neubau erreichte Van der Bellen mit 81,0 Prozent sogar sein bundesweit zweitbestes Ergebnis und die höchste Zustimmung in Wien.

Knapp dahinter liegen die schwarz-regierte Josefstadt mit 78,8 Prozent Zustimmung, gefolgt von dem rot-geführten Bezirk Mariahilf (78,3 Prozent), wo Van der Bellen selbst seine Stimme abgegeben hat. Auch der rote Alsergrund sprach sich mit großer Mehrheit (77,7 Prozent) für Van der Bellen aus.

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Fast angrenzend an die Brigittenau liegt ein Wohnkomplex, in dem vor allem junge Familien wohnen. Der Sprengel in der Leopoldstadt hat in Wien die meisten Van-der-Bellen-Wähler.

Am besten stieg Van der Bellen in Wien im Karmeliterviertel, einem Teil der Leopoldstadt, aus. Zwischen der Oberen Donaustraße und dem Augarten liegt ein moderner Wohnkomplex, der den Sprengel bildet. Infrastrukturell bestens angebunden und mit Kindergarten und Spielplätzen versehen, leben in dem Bau viele junge Familien. In der Leopoldstadt liegt der Mietzins mit 15,9 Euro pro Quadratmeter im Wiener Spitzenfeld, nur in der Landstraße ist Wohnen teurer. Von 768 Wahlberechtigten stimmten hier 87,2 Prozent für ihn. "Hier im Grätzel haben wir alles", sagt einer der Bewohner, Markus Binder von der Band Attwenger, während er seinen Sohn in den Kindersitz seines Fahrrads schnallt. Zudem sei die Leopoldstadt als historisch jüdisches Grätzel wohl allgemein offener eingestellt, und die Bewohner würden eher gegen Antisemitismus und Diskriminierung eintreten.

Van der Bellen dreht um

Überraschender war Van der Bellens Erfolg in den Flächenbezirken. Er holte sich schon am Sonntag drei der fünf Wiener Bezirke, die nach dem ersten Wahlgang noch in der Hand Hofers waren: Donaustadt, Favoriten und Liesing. In Floridsdorf ereilte die Blauen das gleiche Schicksal wie schon bei der Wien-Wahl. Am Wahlabend war es mit knapper Mehrheit freiheitlich, nach der Auszählung der Briefwahlstimmen war jedoch klar, dass sich auch der vierte Bezirk grün gefärbt hat. Van der Bellen kam auf 51,1 Prozent der Stimmen.

Einzig Simmering mit 60.260 Wahlberechtigten blieb letztlich auch in der Stichwahl dem blauen Kandidaten treu. Der Bezirk, der seit den Wiener Wahlen im vergangenen Herbst erstmals einen FPÖ-Bezirkschef hat, brachte Hofer mit 50,3 Prozent sein bestes Wien-Ergebnis und einen knappen Sieg.

Blaue Hochburg mitten in Ottakring

Das beste Sprengelergebnis erreichte Hofer, wie auch schon die FPÖ Wien bei den Gemeinderatswahlen im vergangenen Herbst, in Sprengel 44 in Ottakring. 77,9 Prozent wählten hier Hofer. Der Sprengel zwischen Koppstraße, Possingergasse, Herbststraße und Zagorskigasse ist mit 477 Wahlberechtigten relativ klein. In dem Wohnblock, der von Gemeindebauten umgeben ist, leben vor allem Polizisten mit ihren Familien.

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Umgeben von grünen Sprengeln liegt in Ottakring eine Polizeisiedlung. Der Sprengel brachte Hofer die meisten Prozentpunkte in Wien.

Die Siedlung wurde in den 1930er-Jahren erbaut, um günstige Wohnungen für die Beamten zur Verfügung zu stellen. Der Mietpreis liegt heute noch rund ein Viertel unter jenem im Gemeindebau. Insgesamt liegt der durchschnittliche Mietzins in Ottakring bei 12,5 Euro pro Quadratmeter. Nur in Simmering und Favoriten ist Wohnen billiger. "Es hat sich viel geändert hier", erzählt eine ehemalige Bewohnerin. Sie ist in dem Haus aufgewachsen und besucht dort noch regelmäßig ihre 95-jährige Mutter. "Es ist alles begrünt worden, Sträucher und Blumen sind eingesetzt worden." Doch um den Bau zogen immer mehr Familien mit Migrationshintergrund, erzählt sie. Das würde die Bewohner weiter in Richtung FPÖ bringen. Sie selbst wohnt mittlerweile in Hietzing.

"Es könnte schon einen Grund haben, weshalb hier Hofer so viel Zustimmung bekommt", sagt Alex und blickt auf die Polizeisiedlung. Er selbst ist erst vor ein paar Wochen nach Wien gezogen. Aus beruflichen Gründen lebt er jetzt in Ottakring. Der Polizist in Ausbildung ist einer der Bewohner des blausten Sprengel Wiens. Warum so viele seiner Arbeitskollegen die FPÖ wählen, kann er sich jedoch nicht erklären.

Unentschieden in Hietzing und Penzing

Von den insgesamt 1.508 Wiener Wahlsprengeln konnte Van der Bellen 1.238 für sich entscheiden. Nur 268 gingen an Hofer. In Hiezing und in Penzing konnten sich die Bewohner zweier Sprengel aber nicht entscheiden. Der Sprengel Nummer 31 im 13. Bezirk, dessen Grenzen die Waldvogelstraße und die Seelosgasse sowie die Jagdschlossstraße und die Versorgungsheimstraße bilden, liegt rund um den Elisabeth-Barbara-Prama-Hof, einen Gemeindebau aus der Zeit des Roten Wien. Außer dem Bau befinden sich in dem Sprengel vor allem größere Einfamilienhäuser und kleine Villen. Hier gaben 416 Personen ihre Stimme ab. 208 davon wollten den blauen Kandidaten als Bundespräsidenten sehen, exakt gleich viele stimmten für den ehemaligen Bundessprecher der Grünen.

Im ersten Wahlgang zeichnete sich dort ein ähnlich knappes Bild: 27,2 Prozent gingen an Hofer und 26,9 Prozent an Van der Bellen. Irmgard Griss holte sich mit 26,3 Prozent das dritte Viertel. Die restlichen Stimmen teilten sich vor allem SPÖ und ÖVP (9,1 Prozent und 9,5 Prozent).

Die Sprengel-Ergebnisse der Präsidentschaftswahl zeigen: Zwei Mal konnten sich die Bewohner nicht für eine Seite entscheiden.

Im 14. Bezirk konnte sich der Anton-Figl-Hof samt umliegenden Straßen nicht auf eine Seite stellen. Das Ergebnis betrug in Stimmen 191 zu 191. Hofer hatte hier im ersten Wahlgang die Nase noch mit 39,6 Prozent klar vorne. 23,6 Prozent gingen an Van der Bellen.

Kleines Döbling, große Landstraße

Die wenigsten Stimmen konnten die Kandidaten in Wien in einem Sprengel in Döbling holen. In dem an der Peter-Jordan-Straße gelegenen Sprengel leben mit 195 Personen die wenigsten Wahlberechtigten. Von den 105 gültig abgegebenen Stimmen gingen 53,3 Prozent an Van der Bellen. Der Sprengel beherbergt das Geografische Informationssystem der Stadt Wien (Vienna GIS). Mit 35,9 Prozent lag nach dem ersten Wahlgang Griss vorne.

Den Gegenpol zu dem Sprengel in Döbling bildete ein Sprengel in der Landstraße. Rund um den Sünnhof waren 1.786 Menschen wahlberechtigt. Das Interesse an der Wahl war jedoch klein. Nur 500 Menschen (28 Prozent) gaben ihre Stimme ab, zehn von ihnen wählten weiß. 71,2 Prozent gingen an Van der Bellen.

Ein Wiener Sprengel zeichnete das Bundesergebnis beinahe ab. In Floridsdorf grenzen die Roggegasse und die Fritz-Kandl-Gasse sowie der Graednerweg und die Eichfeldergasse den Sprengel 64 ab. Mit 50,34 Prozent liegt Van der Bellen hier etwa so knapp vorne wie beim bundesweiten Endergebnis. Hofer holte sich die restlichen 49,66 Prozent.

Rote und schwarze Stimmen werden zu grünen

In Wien wählten 97 Prozent der Hofer-Wähler des ersten Wahlgangs in der Stichwahl erneut Hofer. Zwei Prozent der Hofer-Wähler wechselten die Seite und gingen im zweiten Durchgang an Van der Bellen. Ein Prozent ging nicht wählen. Van der Bellen konnte seine Wähler ebenso gut mobilisieren, ihn erneut zu wählen. 98 Prozent gaben dem Wirtschaftsprofessor auch ein zweites Mal die Stimme. Nur ein Prozent ging an Hofer.

Die Griss-Wähler aus dem ersten Wahlgang nahmen die Wahlempfehlung ihrer Kandidatin wohl ernst. Sie stimmten nach Ausscheiden der ehemaligen Präsidentin des Obersten Gerichtshofes zu 69 Prozent für Van der Bellen. 20 Prozent wechselten zu Hofer, 12 Prozent gingen nicht wählen.

Noch deutlicher stimmten die SPÖ-Wähler: 78 Prozent der Wiener, die im ersten Wahlgang Hundstorfer gewählt haben, wechselten zu Van der Bellen, wie es Wiens Bürgermeister Michael Häupl empfohlen hatte. 18 Prozent stimmten für Hofer und nur drei Prozent ließen die Wahl aus.

Dass es auch der schwarze Kandidat Andreas Khol nicht in die Stichwahl schaffte, wirkte sich ebenfalls positiv für Van der Bellen aus. Der Grüne bekam 56 Prozent der ÖVP-Wähler, Hofer nur 33 Prozent. Elf Prozent gingen nicht zur Wahl.

Bunt gemischt

Van der Bellen konnte in Wien letztlich mehr als die Hälfte seiner Prozentpunkte von Wählern anderer Kandidaten sammeln. 48 Prozent seiner Wähler hatten ihm auch im ersten Wahlgang ihre Stimme gegeben. Von Griss kamen 20 Prozent und von Hundstorfer 15 Prozent. Fünf Prozent holte er von Kohl ab und zwei Prozent stimmten anfangs noch für Richard Lugner, elf Prozent waren Nichtwähler.

Nur 48 Prozent der Wähler von Alexander Van der Bellen haben ihn auch schon im ersten Wahlgang gewählt. Mehr als 50 Prozent der Wähler haben im April einem anderen Kandidaten ihre Stimme gegeben.
Norbert Hofers Befürworter wählten zu einem Großteil auch schon im ersten Wahlgang blau. Auf dem zweiten Platz liegen ehemalige Griss-Wähler.

Sein Konkurrent Hofer konnte bei den Erstwählern anderer Parteien viel schlechter punkten. 69 Prozent seiner Stimmen kamen von Wienern, die bereits den Blauen gewählt hatten. Ein Prozent kam von ehemaligen Van-der-Bellen-Wählern, zehn von Griss-Unterstützern. Der Blaue konnte sechs Prozent der Hundstorfer-Wähler überzeugen und fünf Prozent der Khol-Wähler. Ebenso wie Van der Bellen motivierte er zwei Prozent der Lugner-Wähler. Acht Prozent der Hofer-Wähler gingen im ersten Wahlgang nicht zur Wahl. (Oona Kroisleitner, Maria von Usslar, 25.5.2016)

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