Die Städte ergrünen, das Land färbt sich blau

23. Mai 2016, 22:05
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Politikexperten orten in den geringen Zukunftschancen auf dem Land blaue Wahlmotive

Wien – Das Bild ist einprägsam: Ein Gutteil der Bundesländer ist in großen Teilen tiefblau eingefärbt. Aber inmitten der Grafik leuchten grüne Flecken auf.

Selten zuvor ist bei Wahlen ein derart schroffes Stadt-Land-Gefälle sichtbar geworden wie bei dieser Bundespräsidentenwahl. Außerhalb der Landeshauptstädte konnte Norbert Hofer für die FPÖ – mit wenigen Ausnahmen – durchwegs Mehrheiten einsammeln. Im urbanen Bereich hingegen blieb Hofer hinter dem neuen, grünen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen stets Zweiter.

Warum wählt die Landbevölkerung über weite Strecken so grundlegend anders als die Bewohner der städtischen Ballungsräume? Und dies nicht erst bei dieser Bundespräsidentenwahl.

Kathrin Stainer-Hämmerle, die in Kärnten Politikwissenschaften lehrt, ortet drei Bereiche, die den wesentlichen Unterschied im Wahlverhalten ausmachen: Ein höherer Bildungsgrad in den Städten, die dortige Bevölke- rung ist jünger und verfügt über grundsätzlich bessere Lebenschancen.

Engagierte Bürgermeister

Bei der Bildung gehe es nicht nur um die formale Bildung, "das betrifft das ganze Kultur- und Bildungsangebot einer Stadt", sagt Stainer-Hämmerle im Gespräch mit dem Standard.

Land bedeute natürlich nicht, dass automatisch und durchgehend blau gewählt werde. Vieles hänge letztlich auch von örtlichen Initiativen – etwa bei der Flüchtlingsbetreuung – oder engagierten Bürgermeistern ab, um eine Stimmung zu erzeugen oder zu drehen. Für Stainer-Hämmerle ein typisches Beispiel: Krumpendorf am Wörthersee. Hier gab es in der Vergangenheit heftige Diskussionen wegen eines Flüchtlingszeltlagers. Gewählt wurde diesmal bei der Bundespräsidentenwahl grün. Nicht zuletzt aufgrund des Engagements aktiver Bürger, sagt Stainer-Hämmerle.

Aber dennoch: In den von Landflucht betroffenen, strukturschwachen Regionen verfügten die dort verbliebenen Bewohner eben über wesentlich geringere Zukunftschancen als Stadtbewohner. Die Infrastruktur in den ländlichen Ortschaften, die gewohnte Umgebung wurde in den letzten Jahren oft weitgehend zerstört. Die entvölkerten Ortskerne bieten kaum noch Lebensqualität. "Das schafft natürlich Unzufriedenheit", sagt die Politikwissenschafterin. Die FPÖ hat hier in den letzten Jahren politisch erfolgreich angedockt.

Höher Gebildete

Der Grazer Politikwissenschafter von der Karl-Franzens-Universität, Klaus Poier, will eher nicht von einem klaren "Stadt-Land-Gefälle" bei den Bundespräsidentenwahlen sprechen. "Das Ergebnis der Wahl bedeutet ja nicht, dass auf dem Land hundert Prozent FPÖ oder Hofer und in den Hauptstädten hundertprozentig Grün oder Van der Bellen gewählt haben. Das ist viel differenzierter zu betrachten", sagt Poier im Gespräch mit dem Standard.

Poier meint, wie Hämmerle, dass es notwendig sei, die demografischen Faktoren zu untersuchen, um zu erklären, warum die Städte mehrheitlich anders wählten als die Landregionen. Die Städte besitzen studentisches Publikum, eine breitere Schicht an höher Gebildeten, weniger Industrie- und Landwirtschaftsjobs, aber mehr Angebote in der Dienstleistungsbranche. Die beruflichen Perspektiven sind in den Städten natürlich wesentlich besser als auf dem Land. "Das spielt alles mit", sagt Klaus Poier. Und das erkläre auch in der Summe das unterschiedliche Wahlverhalten. (Walter Müller, 24.5.2016)

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