Mit Wahlkarte wählt der urbane Typ

Kopf des Tages23. Mai 2016, 20:39
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Knapp 900.000 Wähler machten die Entscheidung besonders spannend

Auf jede Stimme kommt es an, das weiß der gelernte Demokrat. Aber dass ausgerechnet seine Stimme bei dieser Bundespräsidentenwahl den Ausschlag geben könnte, damit hat er wirklich nicht gerechnet.

Er wollte doch nur ein ungestörtes Wochenende im Grünen verbringen, mit seinen Liebsten verreisen oder sonstigem Freizeitvergnügen frönen. Einfach mal raus aus der Stadt statt rein ins Wahllokal.

Denn, das lässt sich laut Sora-Forscher Christoph Hofinger mit Sicherheit sagen: Der Wahlkartenwähler ist ein urbaner Typ, kommt viel öfter aus Wien als aus dem Burgenland. In Zahlen des Innenministeriums ausgedrückt: Im ersten Wahlgang beantragten 160.725 in der Hauptstadt Geborene eine Wahlkarte, aber nur 17.588 Pannonier. Für die Stichwahl haben noch einmal deutlich mehr Stimmberechtigte vorgesorgt: 222.283 davon aus Wien, 23.015 aus dem Burgenland.

Bevor sich der Wahlkartenwähler hier noch weiter von seiner maskulinen Seite zeigt: Daraus einen Rückschluss auf sein tatsächliches Geschlecht zu ziehen, wäre verkürzt. In Umfragen-Samplings ist er mal weiblicher, mal männlicher. Lebt er in einer Beziehung, ist zudem die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch der Partner zur Wahlkarte greift, erklärt Hofinger.

G'scheit scheint er jedenfalls zu sein. Er gehört zur Wählergruppe mit höherer formaler Bildung. Unter Maturanten ist der Anteil der Wahlkartenwähler fast doppelt so hoch. Was sich außerdem über jene 885.437 Stimmberechtigten sagen lässt, die das Rennen um die Hofburg spannend bis zuletzt machten: Sie sind reisefreudig, auch innerhalb Österreichs mobiler. Woraus der Politikfor- scher schließt, dass sie auch "tendenziell wohlhabender" sind. Ein Spezifikum dieser Wahl: Es waren eher die Jüngeren, die sich für das "Kreuz to go" entschieden haben.

Die Annahme, dass das Motiv, einen Präsidenten Hofer zu verhindern, bei Auslandsösterreichern für einen zusätzlichen Motivationsschub im zweiten Wahlgang gesorgt haben könnte, den Stimmzettel bereits vorab per Post oder online zu beantragen, hat sich nicht bestätigt: Es waren sogar um 148 Wahlkarten weniger.

Auch wer bettlägrig ist, konnte sein Kreuzerl von unterwegs machen – bei einer der "fliegenden Wahlbehörden". Ungeduldige, die gleich nach der ersten Runde auf Nummer sicher gehen wollten, könnten womöglich einen Frühstart hingelegt haben: Wahlkarten, die vor dem 3. Mai abgeschickt wurden, sind ungültig. (Karin Riss, 23.5.2016)

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