Grüner Landesrat Rauch: "Es wäre ein Fehler, dies als grünen Erfolg zu vereinnahmen"

Interview23. Mai 2016, 19:11
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Der Wahlsieg gehört Van der Bellen und nicht seiner Partei, sagt der Vorarlberger Grünen-Chef Johannes Rauch. Die Grünen sollten stärker auf Sozialpolitik setzen – und "mehr aufs flache Land gehen

STANDARD: Inwieweit ist der Wahlsieg von Alexander Van der Bellen auch ein Erfolg der Grünen?

Rauch: Da bin ich ganz vorsichtig. In der Stichwahl gab es nicht nur in Vorarlberg eine breite Allianz an Unterstützern. Es wäre ein Fehler, dies als grünen Erfolg zu vereinnahmen. Es ist ein Erfolg von Van der Bellen und einer breiten Allianz. Um mehr als 50 Prozent der Stimmen zu bekommen, muss das Potenzial weit über die grüne Wählerschaft gehen.

STANDARD: Was bedeutet ein grüner Bundespräsident für die Partei?

Rauch: Viele von uns sind für ihn gelaufen wie in einem "normalen" Wahlkampf. Es motiviert und bringt so Rückenwind. Es zeigt sich auch, dass die Leute wählen gehen, wenn es um die Frage geht, welches Politik-, welches Demokratieverständnis, welche Grundhaltung sich durchsetzen soll. Es hat eine richtige Politisierung eingesetzt – dies halte ich für gut.

STANDARD: Was gilt es abzuleiten?

Rauch: Es gibt zwei interessante Phänomene aus der jüngeren Vergangenheit. Das eine ist Baden-Württemberg und das andere diese Präsidentschaftswahl. In Baden-Württemberg hätte es bis vor ein paar Jahren niemand den Grünen zugetraut, jemals einen Ministerpräsidenten zu stellen. In Österreich wäre es denkunmöglich gewesen, sich Van der Bellen als Präsidenten vorzustellen. Was man daraus lernen kann: dass es nötig ist, auf Breite zu setzen – und auf Konsens zu gehen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat den Satz geprägt: In der Krise gehe ich auf Konsens. Wir sind gerade in einer solchen Situation: Stichwort Arbeitslosigkeit, Wirtschaftslage, Flüchtlinge.

STANDARD: Müssen die Grünen ihre Themen neu ordnen?

Rauch: Wir waren und sind ja nicht mehr eine reine Umweltpartei. In meinen Augen stellt sich in ganz Europa die Frage nach sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung. Wie kann man diejenigen mitnehmen, die sich abgehängt fühlen? Vor dem EU-Beitritt haben die Grünen den Slogan "Sozialunion vor Währungsunion" geprägt. Passiert ist es genau umgekehrt. Das Projekt einer europäischen Einheit muss mehr können als eine Freihandelszone.

STANDARD: Forcieren die Bundesgrünen das soziale Thema genug?

Rauch: Das stimmt, das Thema war nicht immer prioritär. Aber letztlich ist das eine Frage, die man nicht ausschließlich in Österreich wird klären können.

STANDARD: Der Zuspruch für Van der Bellen war im urbanen Raum groß. Auf dem Land tun sich die Grünen schwer, warum?

Rauch: Wir müssen mehr aufs flache Land gehen, dorthin, wo man sich schwierigen Debatten wird stellen müssen. Es läuft nur mit der direkten Auseinandersetzung mit den Menschen, die dort wohnen.

STANDARD: Zwei Drittel der Griss-Wähler haben VdB unterstützt. Wie können die Grünen diese Wähler binden?

Rauch: Auch dieser Frage müssen wir uns stellen. So knapp nach der Wahl ist es noch zu früh, darauf zu antworten. (Peter Mayr, 23.5.2016)

Johannes Rauch, Jahrgang 1959, ist Landesrat und Grünen-Chef in Vorarlberg.

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  • Grüner Landesrat Johannes Rauch: "Viele von uns sind für ihn gelaufen wie in einem ,normalen' Wahlkampf. Es motiviert und bringt so Rückenwind."
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    Grüner Landesrat Johannes Rauch: "Viele von uns sind für ihn gelaufen wie in einem ,normalen' Wahlkampf. Es motiviert und bringt so Rückenwind."

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