Warnrufe vor EU-Austritt Großbritanniens werden lauter

23. Mai 2016, 17:25
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Finanzminister Osborne sieht "Jahre der Rezession" – Österreichs Wirtschaft geht nicht von Brexit aus

Wien/London – Knapp fünf Wochen vor der Volksabstimmung in Großbritannien über Verbleib in oder Ausscheiden aus der EU nehmen die warnenden Stimmen sowohl im Land selbst als auch international zu. Am Montag war es Finanzminister George Osborne, der seinen Landsleuten für den Fall eines Austritts aus der EU "Jahre der Rezession" vorausgesagt hat.

Unter Verweis auf eine hausinterne Studie erklärte Osborne, die Entscheidung für einen Brexit genannten Austritt würde einen "sofortigen und heftigen Schock" für die britische Wirtschaft hervorrufen. Die britische Bevölkerung müsse sich mit der Frage befassen, ob sie "wissentlich für eine Rezession stimmen" wolle, heißt es in einer Erklärung des Finanzministers zu der Studie.

Einbruch der Wirtschaftsleistung

Berechnungen zufolge sind im Falle eines Brexits zwei Szenarien denkbar – ein "Schockszenario" mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung des Landes um 3,6 Prozent gegenüber den bisherigen Annahmen und ein "Szenario mit heftigem Schock", bei dem die Wirtschaftsleistung gar um sechs Prozent einbräche.

Es gab bereits von mehreren Seiten Warnungen vor den wirtschaftlichen Folgen eines Brexits. So hat die Bank of England eine "technische Rezession" vorausgesagt, der Internationale Währungsfonds (IWF) sprach von einem "bedeutenden Risiko" für die Weltwirtschaft. Die meisten Meinungsumfragen deuten nach langem Kopf-an-Kopf-Rennen inzwischen darauf hin, dass sich letztlich doch die Befürworter eines Verbleibs Großbritanniens in der EU durchsetzen werden können.

"Frustruck", kein Rechtsruck

Damit rechnet auch ein Großteil der heimischen Unternehmen, wie sich am Montag bei einer dem Brexit gewidmeten Veranstaltung in der Wirtschaftskammer zeigte. Kammerpräsident Christoph Leitl sprach davon, dass es in Österreich bei der Bundespräsidentenwahl einen "Frustruck", keinen Rechtsruck gegeben habe und dass, wie in Großbritannien auch, ein Frust über Europa zu konstatieren sei. "Wir brauchen die europäische Zusammenarbeit und das Bestreben, gemeinsam Probleme zu lösen", sagte Leitl.

Die wirtschaftlichen Folgen eines Brexits wären für Österreich "an der Grenze zum Spürbaren", sagte Österreichs Wirtschaftsdelegierter in London, Christian Kesberg. Bis 2030 würde es dadurch in Österreich nur eine um 0,05 bis 0,18 Prozent niedrigere Wirtschaftsleistung geben. Die Russland-Sanktionen hätten sich für Österreich negativer ausgewirkt.

EU verlöre größte Militärmacht

Dramatischer wäre, dass die EU bei einem Brexit ihre größte Militärmacht verlieren würde, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht nach Deutschland, das Land mit der zweitmeisten Bevölkerung sowie einen "Hort der Demokratie".

Die britische Botschafterin in Österreich, Susan le Jeune d'Allegeershecque, ist überzeugt: "Wir werden auch am 24. Juni (Tag nach dem Referendum; Anm.) ein stolzer Teil dieser Gemeinschaft sein." (stro, 23.5.2016)

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