Rechts- und Linkspopulisten: Verrückte Welt?

Kolumne23. Mai 2016, 17:24
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Die Rechts- und Linkspopulisten, die nationalistischen Brandstifter, mit oder ohne Maske, gefährden Toleranz, Pluralismus und Konsens

Die dramatischen Schlagzeilen und das auch in den TV-Sendungen vermittelte Bild von der Anwesenheit zahlreicher Medienvertreter in Wien erwecken den falschen Eindruck, als ob in Österreich vor und bei der Präsidentenwahl etwas Einzigartiges passieren würde. Man erinnert sich an die oft zitierten Hebbel-Zeilen:

Dies Österreich ist eine kleine Welt,

In der die große ihre Probe hält,

Und waltet erst bei uns das Gleichgewicht,

So wird's auch in der andern wieder licht.

Wenn man aber heute von dem erschreckenden Phänomen Trump in den USA bis zum Vergleich der EU mit den Ambitionen Hitlers in der Kampagne vor dem Referendum über den britischen Austritt, von der offenen Erpressung Europas durch den von Größenwahn getriebenen Präsidenten der Türkei bis zur erfolgreichen Untergrabung der Sanktionen gegen die Expansionspolitik Putins die jüngsten Entwicklungen in der Welt Revue passieren lässt, bedeutet die politische Szene in Österreich nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.

Man kann sich dabei die Hinweise auf Israel ersparen, wo ein zwielichtiger Scharfmacher durch einen machtgierigen Premier zum Verteidigungsminister erhoben wird, oder auf Brasilien – "das Land der Zukunft" für Stefan Zweig -, das knapp vor Olympia samt der Staatspräsidentin im Sumpf einer beispiellosen Korruptionsaffäre versinkt. Zu den Absurditäten aus der kleinen Welt Österreichs gehört übrigens auch die Tatsache, dass der Kandidat, der vor allem mit EU-feindlicher Rhetorik auf Stimmenfang ging, ausgerechnet in jenem Bundesland, nämlich im Burgenland, das sensationellste Wahlergebnis (über 60 Prozent) erzielte, das von der vielgeschmähten Union die mit Abstand größte Förderung in Österreich genießen konnte. Der blaue Kandidat sagte in der Kampagne: "Wenn Österreich nicht Mitglied wäre und beitreten wollte, würde ich mit Nein stimmen." Ein verdienter Erfolg auch für jene sozialdemokratischen Landespolitiker, die mit ihrem Koalitionsexperiment stolz mitgeholfen haben, den Weg für die Rechtspopulisten zur Mehrheitspartei freizumachen.

In seinem neuen Buch "Das Gefühl der Welt" betont der deutsche Soziologe Heinz Bude bei seiner Aufklärung über die Macht der Stimmung nicht nur das gespannte Verhältnis zwischen Migranten und Einheimischen, sondern auch zwischen den alteingesessenen Einwanderern und den Zugewanderten. Die entscheidende Frage, wer zuerst da war, spielt in der Migrationsfolge auch unter den Migranten eine große Rolle. Mit vielen Beispielen und mit Hinweis auf die bahnbrechenden Studien von Norbert Elias weist Bude darauf hin, die gesellschaftliche Stimmung sei ganz entscheidend davon abhängig, wie sich die Einheimischen und die Zuwandernden und Zugewanderten miteinander arrangieren.

Die Rechts- und Linkspopulisten, die nationalistischen Brandstifter, mit oder ohne Maske, gefährden Toleranz, Pluralismus und Konsens. Es ist an den Eliten Europas und an der Zivilgesellschaft, nicht nur in Österreich, auf die Herausforderung nicht rhetorisch, sondern mit Taten zu reagieren. (Paul Lendvai, 23.5.2016)

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