Das Warten auf die Heidi

23. Mai 2016, 17:04
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Das österreichische Fußballteam wurde in der Schweiz herzlich aufgenommen. Das liegt natürlich auch an Marcel Koller. Bis Samstag ist der Kader komplett. Der Spannungsbogen soll behutsam aufgebaut werden. Und Marc Jankos Körper auch

Laax – Es ist auch schon wieder 10.000 Jahre her, dass ein kolossaler Felssturz für die Ausformung der Rheinschlucht gesorgt hat. Adrian Steiger, der Gemeindepräsident von Schluein, Laax und Flims, war zwar nicht Augenzeuge, er hat den Fußballern des österreichischen Nationalteams aber darüber erzählt. "Die Steine sind sozusagen heruntergekollert", sagte er, um sich für diesen "auf der Hand liegenden Wortwitz" zu entschuldigen. Marcel Koller lächelte trotzdem.

Er ist eine Art Gastgeber, der Zürcher Koller besitzt hier ein Feriendomizil, die Graubündner schätzen ihn, bedauern allerdings, dass er nicht der Schweizer Teamchef ist. Die österreichische Mannschaft wurde jedenfalls herzlich empfangen, an den Fenstern hängen rot-weiß-rote Fahnen. Quer gestreift, ohne Schweizer Kreuz. Der Weltranglistenelfte residiert im Rockresort in Laax, die Pressekonferenzen finden in Flims statt, trainiert wird in Schluein. Keine Weltreisen, der eine Ort geht in den anderen fast über, der Sportplatz liegt auf 700 Meter Meereshöhe, Laax auf 1000, also geht es bergab und bergauf.

Herr Steiger statt dem Geißenpeter

Am Sonntag wärmte die Sonne. Man hoffte oder befürchtete, dass die Heidi und ihr Geißenpeter aus dem Wald springen, um auf der Alm für die Gästeschar zu jodeln. Aber es waren nur Herr Steiger und der Tourismusobmann.

Am Montag hat es sich eingeregnet, die Temperatur quälte sich zwischen fünf und sieben Grad (schon plus). Koller hat sich entschuldigt. "Gestern war Sonne, man hat die Berge gesehen, es war alles super. Heute haben wir gedacht, damit wir den Rasen nicht spritzen müssen, machen wir die Schleusen auf. Wir sind keine Schönwetterfußballer, arbeiten öfters im Regen." Es mache jedenfalls Sinn, das EM-Vorbereitungslager hier abzuhalten. "In Österreich hätten wir keine Chance, geschlossene Trainings durchzuführen. Die Begeisterung wäre zu groß, wir brauchen Ruhe."

Vier Spieler fehlen noch. Kapitän Christian Fuchs kommt am Dienstag, Heinz Lindner am Donnerstag, David Alaba am Freitag, Jakob Jantscher am Samstag. Marc Janko ist da, entgegen der ursprünglichen Ankündigung, am Mittwoch das letzte Ligaspiel für Basel gegen die Grasshoppers zu bestreiten, fährt er nur zur Titelfeier, ist am Donnerstag zurück. An diesem Tag wird gegen den Sechstligisten US Schluein Ilanz gespielt, eine Bewegungstherapie, von einem zweistelligen Sieg ist auszugehen. Janko leidet an den Folgen der Muskelfaserrisse im linken Oberschenkel, seit 10. April ist er außer Gefecht. Koller glaubt an eine Genesung, plant Jankos Einsatz am 31. Mai in Klagenfurt gegen Malta.

Spannungsbogen

Julian Baumgartlinger ist topfit, mit der Welt im Reinen. Er ist von Mainz zu Leverkusen gewechselt, lernt die Champions League kennen. "Ein nächster, perfekter Schritt", sagte der 28-Jährige, dem das Leverkusener Pressing liegen sollte. Momentan genießt er die Zeit in Laax, er schätzt die Abwechslung. Mountainbiken, golfen, Wanderungen, Zugfahrt durch die Rheinschlucht. "In erster Linie schätze ich Fußball." Es gehe darum, den Spannungsbogen langsam aufzubauen. Die EM in Frankreich beginnt am 10. Juni, für Österreich am 14. gegen Ungarn. "Ein Turnier ist auch für mich eine neue Erfahrung. Ich glaube nicht, dass es zum Lagerkoller kommt. Vielleicht hast du kurz den Gedanken, es wäre ganz nett, drei Tage im eigenen Bett zu schlafen. Aber die sind gleich wieder weg. Vor allem, wenn wir Erfolg haben."

Stefan Ilsanker schwebt ebenfalls auf Wolke sieben, der 27-Jährige ist mit RB Leipzig in die deutsche Bundesliga aufgestiegen. "Ich habe mich enorm weiterentwickelt. Es war brutal. Bei Salzburg haben die meisten Gegner nur auf den Abpfiff gewartet."

Koller fühlt sich pudelwohl. Ab Mittwoch soll die Sonne wieder scheinen. Möglicherweise jodelt die Heidi dann doch noch. (Christian Hackl, 23.5.2016)

  • Das Wetter in der Schweiz könnte besser sein, ist aber nebensächlich.
    foto: apa/jäger

    Das Wetter in der Schweiz könnte besser sein, ist aber nebensächlich.

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