"Aufgeheizte Stimmung" in zweigeteilten Gemeinden

24. Mai 2016, 11:33
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In 50:50-Gemeinden gehen die Wogen hoch, erzählen Bürgermeister

In schnellen, nervösen Bewegungen wiegt die junge Frau ihr Mädchen im Kinderwagen. Die Wahl, die verunsichere sie. Im ersten Durchgang habe sie sich für Irmgard Griss entschieden, am Sonntag dann für Norbert Hofer. "Der ist auch nicht der optimale Kandidat", sagt die 32-Jährige. "Aber ich habe brutal schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht. Ich hab Kinder, ich muss an die Zukunft denken." Ein paar Meter weiter bei der Bushaltestelle steht eine Pensionistin: "Na besser ein Grüner als ein Blauer", raunt sie und schüttelt den Kopf. Wenn man so will, stehen die beiden Frauen sinnbildlich für das österreichische Wahlergebnis.

Denn in ihrer Gemeinde, Rum, einer Ortschaft nahe Innsbruck, haben Alexander Van der Bellen und sein blauer Kontrahent fast exakt gleich viele Stimmen bekommen. In fünf Kommunen Österreichs liegen sie sogar aufs Kreuzerl genau gleichauf. Politische Kommentatoren sprechen von einer Polarisierung oder gar Spaltung des Landes – ist die auch in den Gemeinden spürbar?

"Ganz anders als sonst bei Wahlen"

Dünserberg, ein 155-Seelen-Ort im äußersten Westen Österreichs, ist so eine 50:50-Gemeinde: 27 Stimmen für Van der Bellen, 27 für Hofer. "Die Leute reagieren diesmal schon ganz anders als sonst bei Wahlen", sagt Bürgermeister Walter Rauch, ein ÖVPler. "Bei uns im Wirtshaus wird derzeit heftig und emotional diskutiert." Handfeste Streits habe es zwar noch keine gegeben, er ist aber überzeugt: "Wir müssen die Wünsche und Ängste beider Gruppen, die sich nun gebildet haben, ernst nehmen. Auch in der Kommunalpolitik."

Sein Amtskollege im niederösterreichischen Pillichsdorf, 345 Kreuzerln für Hofer, 345 für Van der Bellen, nimmt die Situation ähnlich wahr: "Die Stimmung ist aufgeheizt. Dem einen wird Nazitum, dem anderen Kirchenfeindlichkeit vorgeworfen. Die Wahl führt ins Extreme", sagt Franz Treipl, auch ein Schwarzer. Er macht FPÖ und Grüne für den Aufruhr in seiner Gemeinde verantwortlich: "Es liegt im Wesen dieser beiden Parteien, zu spalten und Ängste zu schüren. Österreich wäre wesentlich besser beraten gewesen, den Kandidaten einer etablierten Partei in die Stichwahl zu schicken."

Lager schon "davor"

In Österreichs kleinster Gemeinde, dem Tiroler Bergdorf Gramais, wird die Lage etwas entspannter beurteilt: "Ich war schon überrascht, dass unsere Bürger so gegensätzlich wählen", erzählt Vizebürgermeisterin Silvia Schöpf, "aber durch die Flüchtlinge haben sich auch davor schon zwei Lager gebildet." In Gramais leben 51 Bürger, 35 Wahlberechtigte (neun Stimmen für Van der Bellen, neun für Hofer) und eine syrische Familie.

"Einige kümmern sich um sie, andere finden, dass jemand mit Kopftuch nicht hierherpasst", sagt Schöpf, die einer ÖVP-nahen Liste angehört. Sie habe diesmal Van der Bellen ihre Stimme gegeben, in ihrer Jugend einmal die Grünen gewählt, oft die ÖVP und "sogar den Haider", sagt sie. "Manche brauchen eben, um politisch den richtigen Weg zu finden." (Katharina Mittelstaedt, 24.5.2016)

  • Gramais in Tirol ist Österreichs kleinste Gemeinde. Dort haben neun Bürger für Alexander Van der Bellen – und exakt ebenso viele für Norbert Hofer gestimmt.
    foto: naturparkregion lechtal

    Gramais in Tirol ist Österreichs kleinste Gemeinde. Dort haben neun Bürger für Alexander Van der Bellen – und exakt ebenso viele für Norbert Hofer gestimmt.

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