US-Außenamt warnt vor Ende der Syrien-Waffenruhe

23. Mai 2016, 21:11
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150 Tote bei IS-Anschlägen in Mittelmeerstädten Jableh und Tartous, die Opferzahl steigt

Damaskus/Washington –Die USA haben am Montag erneut gemeiname Luftschläge mit Russland gegen die Terrorgruppen IS und Nusra-Front in Syrien ausgeschlossen. Außenministeriumssprecher Mark Toner sagte in Washington allerdings, es gebe "Diskussionen darüber, Vorschläge für nachhaltige Mechanismen zu einer besseren Überwachung des Waffenstillstandes" zu finden. Darauf hatten sich Vertreter der beiden Staaten und Topdiplomaten von zwei Dutzend weiteren Staaten bei einem Gipfel Anfang vergangener Woche in Wien geeinigt.

Allerdings sind die USA nach den Worten Toners noch immer "sehr besorgt über das Ausmaß der Gewalt" in Syrien. Dabei gehe es sowohl um die Taten des "Islamischen Staates" als auch um jener der syrischen Armee, deren Verbündeter Russland ist. Moskau müsse mehr Druck auf Machthaber Bashar al-Assad ausüben, um ihn zur Einhaltung des Waffenstillstandes zu drängen. Wenn die Gewalt anhalte "dann könnten wir einem vollständigen Zusammenbruch der Waffenruhe entgegensehen", sagte er.

IS bekennt sich zu verheerendem Anschlag

Bei einer der blutigsten Anschlagsserien in Syrien seit Jahren sind derweil am Montag laut Aktivisten mehr als 153 Menschen getötet worden. Mindestens 103 Menschen seien in der Stadt Jableh umgekommen, mindestens 50 Menschen in Tartous, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag mit. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich zu den Attacken in den Küstenstädten Tartous und Jableh; sie galten der Minderheit der Alawiten, der auch Machthaber Bashar al-Assad angehört. Bei fast allen Opfern handelt es sich offenbar um Zivilisten.

Die Gebiete, die bisher von den schlimmsten Folgen des Bürgerkriegs verschont blieben, werden von regierungstreuen Einheiten kontrolliert. Tartous und Jableh werden überwiegend von Alawiten bewohnt. Auch die religiöse Minderheit war bisher von Anschlägen weitgehend verschont geblieben. In Tartous befindet sich zudem ein Marinestützpunkt des Assad-Verbündeten Russland.

Sieben Sprengsätze

Der oppositionsnahen und gut vernetzten Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge gingen in den beiden Städten in der Früh fast zeitgleich sieben Sprengsätze hoch, mehrere wurden von Selbstmordattentätern gezündet. Der Leiter der Stelle, Rami Abdel Rahman, sagte, es handle sich "zweifelsohne um die tödlichsten Anschläge in den beiden Städten" seit Beginn des Bürgerkrieges vor fünf Jahren.

Laut Rahman wurden in Jableh 73 Menschen getötet und in Tartous 48, zusammen 121. Die syrische Führung bestätigte die Anschläge, gab die Zahl der Toten mit 78 aber geringer an – 45 in Jableh und 33 in Tartous. Bilder des staatlichen Fernsehens zeigten von einem der Anschlagsorte Wracks verbrannter Autos und Kleinbusse. In sozialen Netzwerken kursierten Fotos von Toten, die auf die Ladeflächen von Lastern geladen wurden, sowie von auf dem Boden verstreuten Leichenteilen. Den Aktivisten zufolge handelte es sich bei den Explosionen um Anschläge auf Taxi- und Bushaltestellen in beiden Küstenstädten sowie eine Elektrizitätsfirma und die Notaufnahme eines Krankenhauses in Jableh.

IS-Bekenntnis

Der IS bekannte sich über seine Propagandaagentur Amaq zu der Anschlagserie. Es seien gezielt Versammlungen von Alawiten attackiert worden, hieß es in einer Erklärung. Die Alawiten sind eine Abspaltung der Schiiten, der IS ist sunnitisch. Die Miliz war in den Küstenstädten bisher nicht offen in Aktion getreten, verfügt dort aber offenbar über viele sogenannte Schläferzellen, die für Angriffe aktiviert werden können.

Das Kernland der Alawiten ist Latakia. Viele Binnenflüchtlinge leben dort. Die Provinz beheimatet auch den russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeymim, von dem aus die russische Regierung zahlreiche Luftangriffe gegen Rebellen fliegt. Zudem wird der Hafen von Tartous seit Jahren unter anderem von der russischen Marine genutzt.

Der Kreml äußerte sich beunruhigt über die Anschläge. Die wachsenden Spannungen in dem Land unterstrichen den Bedarf, die Friedensverhandlungen zu Syrien fortzusetzen, teilte das russische Präsidentenamt in Moskau mit. Die Kämpfe waren zuletzt ungeachtet einer vereinbarten Waffenruhe immer wieder aufgeflammt. Der IS gehört nicht zu den Rebellengruppen, die an den Verhandlungen unter UN-Vermittlung beteiligt sind.

Die in Großbritannien ansässige Beobachtungsstelle für Menschenrechte stützt sich auf ein Netz von Informanten in Syrien. Ihre Angaben können von unabhängiger Seite kaum überprüft werden. (APA, Reuters, 23.5.2016)

  • Nach der Explosion einer Autobombe in Tartous.
    foto: reuters/sana

    Nach der Explosion einer Autobombe in Tartous.

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